Werk Gottes oder Kirchenstasi? – Das „Sodalitium Pianum“ (1909-1921)

Im päpstlichen Kampf gegen den so genannten „Modernismus“ kam es vor hundert Jahren zu mehreren Disziplinarmaßnahmen gegen „verbotene“ Methoden und Lehren. Auch wurde vor Bespitzelung von Laien, Priestern und Kardinälen nicht zurückgeschreckt. Ein Einblick in den inoffiziellen „katholischen“ Geheimdienst, das Sodalitium Pianum.

St. Peter's Basilica

Foto: swisshippo / Fotolia.com

Von der Modernistenangst zur Modernistenjagd  

Die Enzyklika „Pascendi Dominci gregis“ – Die Herde des Herrn zu weiden – von Pius X. (1907) gilt als das Hauptwerk gegen den so genannten Modernismus, über den der Papst in dieser Enzyklika sagte:

„Überschaut man gleichsam mit einem Blick das ganze System, so wird niemand sich wundern, wenn Wir es als eine Zusammenfassung aller Häresien bezeichnen. Wenn jemand sich vorgenommen hätte, Kraft und Saft aller Glaubensirrtümer gleichsam zusammenzupressen, hätte es niemand besser machen können als jetzt die Modernisten. Ja sie sind noch weiter gegangen, bis dahin, nicht nur die katholische, nein, wie gesagt, alle Religion zu zerstören. Daher der Beifall bei den Rationalisten; die frei und offen redenden Rationalisten gratulieren sich, sie hätten nie, wirksamere Helfershelfer als die Modernisten gefunden.“

Um gegen ebendiese von Pius X. gefürchteten Modernisten vorzugehen, empfahl er einen innerkirchlichen Überwachungsrat ins Leben zu rufen, der an den diözesanen Überwachungsrat einiger mittelitalienischer Bistümer angelehnt ist:

„Einen solchen Überwachungsrat wünschen wir baldmöglichst in den einzelnen Bistümern eingerichtet zu sehen. Seine Mitglieder sollen ebenso erwählt werden wie die Zensoren. Jeden zweiten Monat, an bestimmtem Tage sollen sie mit dem Bischof zusammenkommen; ihre Verhandlungen und Beschlüsse sind Amtsgeheimnis, ihre amtlichen Aufgaben sind diese: sorgsame Aufspürung aller Anzeichen und Spuren des Modernismus, in Büchern wie im Lehrunterricht, kluge, aber treffende und wirksame Vorschriften zur Bewahrung des Klerus und der Jugend.“

Das Sodalitium Pianum und Umberto Benigni

Einige wollten mehr. Der fanatische Kirchenhistoriker Umberto Benigni gründete 1909 das so genannte „Soldalitium Pianum“, die pianische Sodalität, einen innerkirchlichen Geheimdienst, benannt nach dem hl. Pius V. (1504-1572), einem Gegner der Reformation und Verfechter der Gegenreformation. Benigni nannte Pius X. „Mama“ (so Cornwell), er galt Benigni als Unterstützer und auch als segnende Hand seines Geheimdienstes. Benigni beschrieb sein Werk selbst wie folgt:

„Wir sind integrale römische Katholiken. Wie es dieser Begriff anzeigt, akzeptiert der integrale römische Katholik vollständig (integral) die Lehre, die disziplinäre Ordnung und die Anweisungen des Heiligen Stuhls sowie alle ihre legitimen Konsequenzen für das Individuum und die Gesellschaft. Er ist ‚papal‘, ‚klerikal‘, antimodernistisch, antiliberal und antisektiererisch. Also ist er völlig (integral) konterrevolutionär, weil er nicht nur der Feind der jakobinischen Revolution und des sektiererischen Radikalismus ist, sondern auch des religiösen und sozialen Liberalismus.“

Er arbeitete bis 1911 an der Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten, einer Unterkongregation des Staatssekretariats, als Untersekretär. Vor allem war er der antimodernistische Medienmann. Sein Hauptanliegen galt der Pressearbeit gegen den Modernismus. Mit dem Sodalitium, deren Mitgliedern, die Kosenamen hatten, war es sein Ziel Modernisten aufzuspüren und beim Papst oder an der Kurie anzuschwärzen. Das Sodalitium Pianum war das große antimodernistische Geheimnetzwerk in der katholischen Kirche. Es ist nicht genau bekannt, wer genau seine Mitglieder waren. An der Kurie standen ihm zumindest folgende Kardinäle nahe: Kardinal und Staatssekretär Rafael Merry del Val, weiterhin der mächtigste antimodernistische Kardinal im Pontifikat Pius X., Gaetano De Lai, der Sekretär der Bischofskongregation, sowie der Lieblingskardinal und Beichtvater Pius X., José Vives y Tutó, der Präfekt der Religiosenkongregation. Manche zählen auch Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII., zu diesem Kreis.

Ein entschiedener Gegner dieser Tätigkeiten war der Kardinal Pietro Gasparri, ein Kirchenrechtler, der gegen Ende des Pontifikats Pius X. im Wesentlichen entmachtet wurde. Nachdem Pius X. 1914 starb und man über dessen Heiligsprechung diskutierte, sagte Gasparri über Pius X, , dass dieser als Papst eine Organisation gebilligt, gesegnet und ermutigt habe, um außerhalb und innerhalb der Hierarchie, sogar unter den Kardinalen, zu spionieren. Damit habe er eine Art von Freimaurerei in der Kirche etabliert, etwas Unerhörtes in der Kirchengeschichte.

Dies war wohl auch ein Grund, warum Benigni bereits 1911, drei Jahre bevor Pius X. starb, darum bat, aus dem kurialen Dienst auszuscheiden. Gasparri war 1911 der Sekretär in der Kongregation an der Benigni war und hat Benigni selbst für das Amt des Unterstaatssekretärs, aber nur für dieses, empfohlen. Benigni war bei vielen geradezu verhasst als Mann der Zwietracht, der Spaltung, der Missgunst und der üblen Gerüchte. Nachdem er den Posten des Unterstaatssekretärs verlassen hatte, konnte er sich ganz seiner antimodernistischen Pressearbeit widmen und die Kurie geriet durch seine Methoden nicht in Verruf. Benigni scheute nämlich nicht davor zurück, radikale und fragwürdige Methoden anzuwenden, um den Modernisten auf die Schliche zu kommen. In ganz Europa hatte er seine Mitarbeiter, die ihm Bericht erstatteten.

Natürlich übertrieb Karlheinz Deschner, wenn er das Sodalitium eine „Kirchengestapo“ nannte, denn es wurde niemand eingesperrt, ermordert oder anderweitig rechtswidrig behandelt. Jedoch wurde im Sinne der Stasi heimlich überwacht, bespitzelt und ausspioniert. Man wollte analog zu den IM der DDR Geheimspione zum Aufspüren von Kirchenfeinden nutzen. Wenn jemand des Modernismus überführt wurde, konnte das dann dazu führen, dass der entsprechende Priester nicht Bischof werden konnte, gemaßregelt wurde oder in Verruf geriet. Versteckter Psychoterror war auch eine Maßnahme gegen solche Geistlichen, diese sollte jedoch so unterschwellig wie möglich stattfinden. Eugenio Pacelli bediente sich auch Benignis Informationen, um zum Beispiel zu erfahren, welche Postionen der gewählte Nachfolger des Kölner Kardinals Fischer, Felix von Hartmann vertrete. Benigni fand keine Einwände und Felix von Hartmann wurde Kardinal und Erzbischof von Köln.

Das Ende des Sodalitium Pianums und Benginis Hinwendung zum Faschismus

Nachdem Pius X. 1914 gestorben war, verlor das Sodalitium stark an Rückhalt. Benigni löste es formal auf. Benedikt XV., der Nachfolger Pius X., war kein Freund Benignis. Ein Jahr darauf wurde das Sodalitium von Gaetano De Lai allerdings wieder unter neuen Leitlinien hergestellt. Es blieb dann bis 1921 aktiv, da dann dessen Tätigkeiten öffentlich wurden und Benigni zur Auflösung seines Geheimdienstes gezwungen wurde. Enttäuscht und verbittert wandte er sich Mussolini und dem Faschismus zu. Gasparri und Benedikt XV. galten im als Zerstörer der Kirche, die alles ruinierten. Benigni gründete einen neuen, einen faschistischen Geheimdienst und kämpfte nun vor allem gegen Demokratie und andere soziale wie gesellschaftliche Liberalisierungen. Er starb 1934 in Rom. Keiner seiner ehemaligen Priesterfreunde kam zu seiner Beerdigung.

Josef Jung

Quellen und Literatur:

Pius X. Pascendi Dominici Gregis vom 8. September 1907 (lateinische Originalfassung), auf: http://www.vatican.va/holy_father/pius_x/encyclicals/documents/hf_p-x_enc_19070908_pascendi-dominici-gregis_lt.html (20.10..2014)

Benigni, Umberto, Programm des Sodalitium Pianum, deutsche Übersetzung des französischen Originals. Zitiert nach: Arnold, Claus, Kleine Geschichte des Modernismus, Freiburg i.Br. 2007, S. 128.

Literatur:

Arnold, Claus, Kleine Geschichte des Modernismus, Freiburg i.Br. 2007.

Cornwell, John, Hitler’s Pope. The Secret History of Pius XII, London 1999.

Deschner, Karlheinz, Die Politik der Päpste, Aschaffenburg 2013.

Fantappiè, Carlo, Chiesa Romana e Modernità Giuridica. Bd. 2: Il Codex iuris canonici (1917), Mailand 2008.

Götz, Roland, „Charlotte im Tannenwald“. Monsignore Umberto Benigni (1862–1934) und das antimodernistische „Sodalitium Pianum“. In: Weitlauff, Manfred, Neuner, Peter (Hrsg.): Für euch Bischof – mit euch Christ. Festschrift für Friedrich Kardinal Wetter um siebzigsten Geburtstag, St. Ottilien 1998.

Poulat, Émile, Intégralisme et Catholicisme Intégral, Tournai 1969.

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