Ohne Moral kein Bestand

Immanuel KantFür die Religion spricht, dass sie das Überleben von Völkern wahrscheinlicher macht

Für Immanuel Kant ist zwar der Gottesdienst überflüssig, er hat ihn in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ die Heilige Messe als „Afterdienst“ bezeichnet. Der Gott der Philosophie braucht eine solche Verehrung nicht. Gleichwohl gibt es ihn und muss es ihn geben, weil moralisches Handeln sonst sinnlos wird. Glückseligkeit gibt es bei Kant durch Erfüllung der sittlichen Pflichten. „Warum?“ fragen hier die meisten. „Sollen doch die anderen sich in ihrem Handeln auf Moralismen beschränken, ich handle so wie ich am besten durchkomme.“ Unter dieser Rücksicht ist der Gute im Leben oft der Dumme, der eben nicht glücklich wird, wenn er sich an moralische Forderungen hält.

Höchstes Gut bei Kant ist jedoch das Zusammenkommen von Glückseligkeit und sittlicher Vollkommenheit. Denn der Gute ist der „Glückswürdige“. Dafür bedarf eines Gottes, der in einem zukünftigen Leben diese Verbindung gewährleistet, damit der durch moralisches Handeln glückswürdig Gewordene auch wirklich glücklich ist. Es geht Kant dabei weniger um fromme Wünsche, sondern darum, eine rationale Grundlage sittlichen Handelns zu schaffen. Die Pflicht zu einem solchen Handeln ergibt sich aus dem Willen zum Guten. Doch warum gut sein wollen, wenn der Böse in diesem Leben oft besser dasteht? Warum sich also um andere kümmern, wenn ich dadurch Nachteile habe? Funktional gesehen ist das logisch

Antworten der Bibel

Wenn wir das Alte Testament einmal näher unter dem Aspekt der narrativen Erkenntnis betrachten, finden wir dort mögliche Antworten auf diese Frage: Die jüdische Bibel berichtet von dem Untergang der Völker, die das Gesetz des Herrn, dass vor allem Regeln des sozialen Lebens und den Schutz der Armen beinhaltete, nicht beachteten. Es handelt sich um ein periodisches Geschehen über lange Zeiträume und mehrere Generationen hinweg. Auf lange Sicht hin schadet egozentrisches Handeln also nicht nur der Solidargemeinschaft, sondern ebenso dem Fortbestand der eigenen Sippe. Diejenigen Völker im Alten Testament, die Stammesgemeinschaften, welche den Sinaibund hielten, werden hingegen als wirtschaftlich und kulturell prosperierend beschrieben. Hier liegt die zentrale politische Botschaft des Alten Testaments, dass nämlich eine Gesellschaft oder Gemeinschaft ohne diese Regeln nicht funktioniert. Damit sind keinesfalls nur die Bundesgesetze gemeint, sondern es wird an eine Haltung appelliert, die dem Schwächeren ein menschenwürdiges Leben sichert, in welchem deren Freiheit und Würde nicht unter ein gewisses Niveau sinken darf. Die Regeln stehen fest, der Mensch kann sich nicht selbst welche machen, sie halten den von Gott gestifteten nicht stand. Beachtet das Volk die Regeln nicht, spricht das Alte Testament von Götzendienst, mit dem jeder Abfall von Gott bezeichnet wird.

Moralisches Handeln braucht den Glauben an ein Leben nach dem Tod

Nun ist es ein Irrtum zu glauben, dieser Anspruch einer integrativen Gesellschaft sei nur von der Beziehung zu einem Gott abhängig. Man könnte ebenso von einem sozialen Konstrukt, also von einer bloßen Vorstellung reden. Jedoch setzt moralisches Handeln den Glauben an ein künftiges Leben voraus, um sinnvoll zu sein, wie Kant das schon gezeigt hat. Denn dieses Leben belohnt selten den moralisch Handelnden und kann auch plötzlich enden, ohne dass zur Moral das Lebensglück kommt. Der Tod kann also nicht das Ende von allem. Sein. Die Qualität dieses Lebens muss aber auch mit dem Gegenwärtigen in Beziehung gesetzt werden. Es betrifft also nicht nur die kommende Welt für mich, sondern auch für die Menschen, an denen mir liegt. Da dieses künftige Leben unverfügbar ist, muss es gestiftet werden. Es ergibt sich hier also ein zwingender Zusammenhang zwischen der Überlebensstrategie der Völker und der Existenz eines höheren Wesens, welches die Regeln dafür aufstellt und garantiert, die von den Menschen, indem sie die Existenz dieses Wesens bejahen, erkannt werden können. Es besteht allerdings die Freiheit, „Nein“ zu sagen, wobei die Konsequenzen der Nachteile für sich selbst und das Umfeld akzeptiert werden müssen. Diese liegen in der Unfähigkeit, sich auf einen transzendenten Grund zu beziehen und den Folgen daraus. Diese liegen vor allem in einem Mangel an Beziehungsfähigkeit, denn schon das Für-Möglich-Halten eines Gottes eröffnet einen Handlungsraum, bei dem ich mich nicht mehr gegen andere abgrenzen muss.

Konsequenzen kant’schen Denkens

In dem Beitrag über die Rehabilitation von Kants Religionsphilosophie https://explizitnet.wordpress.com/2014/10/11/das-gute-tun-heist-sich-auf-gott-verlassen/ geht Holm Tetens in seiner Argumentation wohl bewusst nicht so weit zu behaupten, dass wer die Erkenntnis der Notwendigkeit Gottes hat, Gottes Existenz voraussetzen müsse. Er will lediglich zeigen, dass der christliche Glaube nicht unvernünftig, sondern moralisch konsequenter ist. Genau dies erstere drängt sich als Postulat aber auf. Denn wenn das Leben auf diesem Planeten so organisiert ist, dass nur moralisches Handeln das Überleben aller sichern kann, wird es nach Kant’scher Argumentation unlogisch, nicht an Gott zu glauben und durch die Beachtung seiner Gesetze nicht mit ihm in Beziehung zu treten. Nur wenn ich gottfähig bin, kann ich auch glückswürdig sein. Das heißt, nur wenn ich in der Lage bin, den anderen als unverfügbar Wohltätigen in Erwägung zu ziehen, hat mein wohlwollendes Handeln anderen gegenüber einen Sinn.

Weniger Vernunft, sondern menschliche Reife führen zu moralischem Handeln

Wäre allerdings das Sich-Beziehen auf diesen Gott von einem gewissen Grad an Vernunft abhängig, könnte Gott seinen Anspruch auf Gerechtigkeit gegenüber seinen Geschöpfen nicht erheben, da er nicht alle mit der gleichen Vernunftfähigkeit ausgestattet hat. Vielmehr geht es um einen Grad an menschlicher Reife. Das zeigen geistig retardierte Menschen, die sehr wohl glauben, hoffen und lieben können, manchmal mehr als die zu ihrem Schutz Beauftragten. Es geht also um die Fähigkeit, sich auf sein Menschsein zu beziehen und diesem Menschsein eine Würde zuzugestehen, denn Menschlichkeit ist eine Eigenschaft, die wir alle gleichermaßen haben und uns selber nicht verdanken.

Fazit: an Gott zu glauben, ist vernünftig und sinnvoll

Es gibt also mindestens einen vernünftigen Gottesaufweis, der sich auf der Basis einer bestimmten Entwicklungsstufe menschlicher Erkenntnis und Weisheit herleiten lässt, denn wenn es sich immer wieder in der Geschichte zeigt, dass die konsequente Ablehnung Gottes, der zehn Gebote und daraus abgeleiteter Menschenrechte zu Gunsten irgendwelcher Götzen zum kulturellen Untergang der Völker führt – welches Argument soll man noch gegen eine Existenz einer Personalität Gottes anführen, der als liebendes Du die Zuwendung zum anderen überhaupt erst ermöglicht?

Michael Sinn

Foto: © nickolae – Fotolia.com

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