Hinsehen oder / und Verstehen

Auge mit LupeIm Alltag begegnen wir Dingen, wir sehen etwas, hören etwas, nehmen in unterschiedlichster Form etwas wahr. Manches erregt unsere Aufmerksamkeit, manches ist da, doch ist es uns nicht bewusst. Einige Dinge finden wir schön, andere hässlich. Viele Dinge sind so alltäglich geworden, dass wir es einfach so hinnehmen und gar nicht mehr wissen oder erahnen können, was diese Dinge einmal für eine Bedeutung hatten. Und dann gibt es etwas, das fasziniert uns. Wir wissen nicht warum, doch da ist irgendetwas, das uns anspricht.

Die Werbebranche hat uns das branding gelehrt. Es soll etwas auffallen, eine Marke soll präsentiert werden. Hier geht es um die Oberfläche und um so etwas wie Anziehung oder Attraktion. Menschen, die tiefer einsteigen wollen, spüren das Bedürfnis, mehr über das wissen zu wollen, was uns anzieht oder abstößt. Will man mehr verstehen als das Offensichtliche, muss man die Oberfläche abklopfen, sich einlassen auf das, was vielleicht hinter den Dingen steht. Und möglichweise entdeckt man dabei, dass einige Dinge erst das geworden sind, was wir heute darunter verstehen, dass in unscheinbaren Dingen eine Geschichte und Philosophie steckt, die in irgendeiner Weise etwas ausstrahlt, was man versteht, ohne die Geschichte dahinter zu kennen. Wie kommt es, dass man im Bahnhof einen wegfahrenden Zug sieht und Wehmut bekommt? Wieso sieht man jemanden Wein trinken und denkt an Fusel, weil dieser Jemand den Wein aus einem Pappbecher trinkt?

Die Flut der Bilder

Die moderne Gesellschaft ist geprägt vom Sehen, von Bildern, und dies auch im Sinne einer Metapher. Fernsehen, Internet, der Bedeutungsverlust des Buches machen klar, wie sehr heute Information als optische Wahrnehmung aufgenommen wird. Kaum jemanden interessiert eine spitzfindige Frage, wie sie im Mittelalter gestellt wurde, etwa wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen. Hinter oder über die Dinge zu schauen, das ist weniger von Interesse, weil der Mensch Informationen verbinden muss, um in einer technisierten Umwelt zurecht zu kommen. Tiefgründige Fragen sind unpragmatisch. Dies macht es Philosophie und Theologie, den Geisteswissenschaften generell, schwer, auf größeres Interesse zu stoßen. Entweder sind geisteswissenschaftliche Ansätze dann so abgehoben, dass nur ausgesuchte und spezialisierte Fachleute sie verstehen oder das Niveau wurde so weit herunter geschraubt, dass es banal erscheint. Die Reaktionen vieler Geisteswissenschaftler darauf sind Abwehr und die Beschwörung des Untergangs.

Der ernste Blick

Wenn jedoch zunächst einmal der Versuch unternommen wird, die Bilder ernst zu nehmen und sie zu beschreiben, dann eröffnet sich eine Ahnung von dem, was über die simple Oberfläche hinaus gesagt werden könnte. Allerdings sind unsere Sehgewohnheiten nicht immer geschärft genug, um Tiefe erahnen zu können. Der moderne Mensch ist gezwungen, das Gesehene sofort in eine Handlung umzusetzen. Im Straßenverkehr würde es in ein heilloses Chaos führen, wenn der Lenker eines Fahrzeugs zunächst einmal darüber nachsinnt, was die Farbe Rot beim ihm auslöst und welche Bedeutung die Farbe Rot bei den Griechen im Gegensatz zu den Römern hatte und was dies dann in der Entwicklung des Christentums bewirkt hat? Die fehlende Sehschärfe mag jedoch auch daran liegen, dass das Vorurteil besteht, wer sehen kann, der sieht auch schon. Physiologisch mag dies so sein. Unsere Wahrnehmung als bewusster Vorgang der Aufnahme von Sinnesreizen wird über die Intentionen als auch über das Wissen darüber gesteuert, was wahrzunehmen wäre. Manchmal sieht man erst etwas, wenn man von einem anderen darauf hingewiesen wurde und genauer hinschaut. Die Aufmerksamkeit für solche Dinge mag spürbar machen, dass wir Kulturwesen sind, die außen abbilden, was sie an geistigen Werten geschaffen haben.

Das geistvolle Hinsehen

Die Vorstellung, ein Mensch könne ganz natürlich und objektiv auf seine Umwelt schauen, verkennt, dass der Mensch immer schon erzogen, sozialisiert, mit Kultur, Religion, Wissen und Bildung vollgestopft ist. Der Blick in die Welt ist geprägt von dem, was unsere Eltern, unser gesellschaftliches Umfeld an geistigen Vorstellungen entwickelt haben. Die Entwicklung der Technik und Naturwissenschaften lässt es nicht zu, dass wir Träume und Halluzinationen für real halten würden. Also lernen wir die Wahrnehmung solcher Erscheinungen nicht und halten so etwas für Humbug. Wir sehen ein bestimmtes Bauwerk und sind keineswegs verwundert, dass dieses Gebäude nicht in sich zusammenfällt. Wir haben ein Wissen davon, dass man mit Beton Formen schaffen kann, die unserem normalen Empfinden von Statik widersprechen. Die Fassade eines Hauses erkennen wir schnell als Außenwand eines Wohnhauses oder Firmensitzes. Ist es noch relativ einfach, bei materiellen Objekten Einigkeit darüber zu erzielen, was man da genau sieht, so wird es ausgenommen schwierig, eine solche Übereinstimmung bei ideellen Dingen zu finden. Die Fassade eines Hauses, die nur aus Glas besteht, bezeichnet der eine als kalt, der andere als Ausdruck realisierter Transparenz. Beide können sich darüber verständigen, dass es sich um Glas handelt. Auch kann geklärt werden, welche Gefühle Glas auslösen kann. Erst ein genaueres Hinsehen macht es möglich, eine Tiefendimension des Wahrgenommenen zu erkennen.

Hinsehen als Antwort

Ein Objekt in der äußeren Welt, das in irgendeiner Weise Produkt menschlicher Kultur ist, stellt den Hinsehenden gewissermaßen vor die Frage, ob er die Identität dieses Objekts erkennt. Aus der Antwort ergibt sich eine Bewertung, handelt es sich um eine Badewanne oder um ein Kunstobjekt? Ist der Gegenstand gebrauchsfähig oder Müll? Das genauere Hinsehen ist Ausdruck davon, dass sich möglicherweise etwas Wertvolleres darin verbirgt als auf den ersten Blick angenommen wurde. Für einen Christen ist die Kirche ein Heiligtum und für den anderen einfach nur ein etwas auffälliges Gebäude. Umgekehrt kann der Gegenstand eine Antwort sein. Ein uniformes Gebäude, das glatt ist, wo es nichts zu entdecken gibt, spiegelt dem Betrachter wieder, was der Erbauer dem potenziellen Betrachter an Beziehung anbietet. Eine graue, hohe Mauer ist die klare Antwort auf die Frage, ob ein Besuch erwünscht ist.

Hinsehen ist parteilos

Schon vage Kenntnisse der Wahrnehmungspsychologie machen einsichtig, dass das Sehen eines Gegenstands von unvollständigen Verarbeitungen bestimmt sein kann. Die Verständigung darüber, was und wie wahrgenommen wurde, führt unterschiedliche Voreinstellungen näher zusammen. Die Auseinandersetzung über soziale und kulturelle Prägungen macht es noch schwieriger, eine bestimmte Sicht als gegeben anzunehmen. Das genauere Hinsehen impliziert ein parteiloses Bewerten des Gesehenen. Dies wird umso schwieriger, je abstrakter ein angeschautes Objekt ist. Bei Fragen der Lebensanschauung, der Religion und Philosophie sind die Gegenstände der Anschauung mit sehr vielen Vorannahmen verbunden, die meist nicht benannt werden und in vielen Fällen auch nicht bewusst sind. Eine ideologische Auseinandersetzung über die Vorannahmen lässt sich meist nicht auf das genauere Hinsehen ein, sondern argumentiert mit dem vermeintlich Wahrgenommenen. Bevor sich Naturalisten, Atheisten und Gläubige gegenseitig für unaufgeklärt oder umgekehrt für unmenschlich erklären, würde ein genaueres Hinsehen vielleicht dazu führen, die Komplexität der Anschauungsobjekte zu würdigen und Verständnis dafür zu entwickeln, dass der eine einen Aspekt als religiös beschreibt, während der andere dafür gar keinen Begriff hat. Eine solche Auseinandersetzung wäre ergebnislos und unbefriedigend. Auf der anderen Seite ergäbe sich eine Befriedigung aus der Tatsache, dass die eigene Wahrnehmung reichhaltiger geworden ist.

© Thomas Holtbernd

Foto: © by-studio – Fotolia.com

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