Das normale Chaos der Liebe

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Wer ordnet es etwas?

Liebe ist nicht Verstand, sondern Gefühl. Gefühle folgen ihrer Dynamik und scheren sich nicht um eine Ordnung. Unser Zorn, unsere Wut richten sich ja gegen etwas, das uns von Außen aufgezwungen wird. Die vielen Geschwindigkeitsbegrenzungen schmälern das Gefühl der Freiheit, das die Autoindustrie beschwört – Entfernungen nicht mehr zu spüren, der Bindung an einen begrenzten Raum zu entrinnen. Für diese Gefühle hat sich die katholische Kirche wenig interessiert, wohl aber für das Gefühl, das Menschen für einander hegen. Dieses Gefühl, das haben die Synodenmitglieder in Rom zur Kenntnis genommen, bringt sehr verschiedene Formen der Zweisamkeit hervor – neben der kirchlich geschlossenen Ehe sind es Partnerschaften mit und ohne staatlichen Trauschein, Partnerschaften auf Zeit und auch die zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, diese wieder mit und ohne Kinderwunsch.

Dauer braucht Ordnung

Anders als der Zorn ist die Zuneigung auf Dauer angelegt. Ist das Gefühl doch angenehm, man will es bewahren, es beheimatet, bewirkt Vertrauen und findet in der Sexualität eine überzeugende körperliche Ausdrucksfähigkeit. Das heißt aber, und hier beginnt eine eigene Straßenverkehrsordnung,  es ist nur mit einem Beifahrer möglich, sonst zerbricht das Vertrauen und die körperliche Nähe schlägt in Fremdheit und sogar Abneigung um. Alle Welt schaut nach Rom, ob es der katholischen Kirche gelingt, eine gewisse Ordnung in das Chaos der Liebe zu bringen. Die Gesellschaft kann mit ihren politischen Organen nur die wachsende Vielfalt akzeptieren und in Fragen des Sorgerechts, des Erbrechts und durch Gewährung steuerlicher Vorteile gewisse Regeln vorschreiben.

Das Scheidungsverbot ist ein Schutz

Im Rückblick muss man festhalten, dass das strenge Verbot der Scheidung, das Jesus in deutlicher Absetzung vom jüdischen Gesetzt formuliert hat, den Frauen einen hohen Schutz gewährt hat. Denn solange die Produktionsmittel, also der landwirtschaftlichen oder das der Handwerksbetriebe, in der Hand der Männer waren und auch an die Söhne vererbt wurden, waren die Frauen, die verlassen wurden, der Verelendung ausgeliefert. Von der ungarischen Königstochter Elisabeth wird meist verschwiegen, dass sie den ersten Winter nach dem Tod ihres Mannes, immerhin des thüringischen Herzogs, in einem Schuppen in Eisenach verbrachte. Die Armen, die sie so hingebungsvoll betreut hatte, rührten keinen Finger für sie, wohl auch deshalb, weil von der Wartburg ein eisiger Wind wehte und nicht mehr die wärmende Luft der Nächstenliebe. Die Achtundsechziger-Bewegung, verbunden mit der liberalen Grundströmung, die inzwischen die FDP überflüssig gemacht hat, weil alle liberal sind, hat das Scheidungsverbot als etwas Antiquiertes hingestellt. Aber was handelt sich die nachfolgenden Generationen damit ein?

Partnerschaft ist so fragil wie eine Sandburg geworden

Was machen eine junge Frau, ein junger Mann, die nicht nur mit einem Partner zusammen leben, sich sogar um ein gemeinsames Kind kümmern, von denen aber einer nicht heiraten will? Beide sind vielleicht von der Furcht bestimmt, eine formelle Eheschließung lege bereits den Keim eines Zerwürfnisses, weil einer den Ehebund zum Vorwand nimmt, den anderen zu bestimmen. Ist das eine Partnerschaft auf Probe oder ein Verhältnis, für das keine Kündigungsfrist vereinbart werden soll? Wie sichert man sich aber ab, wenn Partnerschaft von ihrem Wesen nicht zulässt, ein weiteres Verhältnis aufzubauen. Eigentlich müsste man sozusagen eine solche Partnerschaft in der Hinterhand haben, in die man wechseln kann, wenn die erste Partnerschaft zerbricht? Das Prekäre solcher Zweitpartnerschaften haben Romane und Filme in allen Nuancen ausgelotet. Eigentlich müssten die Synodenmitglieder nur ins Kino gehen, um sich mit dem normalen Chaos der Liebe vertraut zu machen.

Man kann sich natürlich um die kümmern, die in der postmodernen Beliebigkeit am Wege liegen geblieben sind und für die eine Lösung finden, für die Verlassenwerden nicht dauerndes Alleinsein bedeutet, also für die, die noch einmal geheiratet haben. Während die Regeln für das Autofahren immer enger geknüpft werden, um die Zahl der Opfer zu begrenzen gilt das für die Partnerschaften nicht. Hier werden die Regeln immer offener gestaltet. Ein Wille aus der Mitte der Gesellschaft, der Zuneigung zweier Menschen einen Rahmen zu geben, der einer Partnerschaft auf Dauer mehr Gelingen verspricht, ist nicht erkennbar. Es ist auch deshalb sehr zweifelhaft, ob die Bischofssynode über eine nüchterne Bestandsaufnahme hinaus zu neuen Lösungen kommt. Im Rückblick scheint es einfacher, eine bestehende, vielleicht zu enge Ordnung für Partnerschaften aufzulösen als eine neu zu entwickeln.

Offensichtlich wirkt aber das alte Modell, das ja nicht nur das der katholischen Kirche, sondern der „Bürgerlichen Gesellschaft“ war, immer noch so negativ nach, dass es zu keinen neuen Strukturen kommt. Das heißt aber, dass jeder junge Mensch für sich alleine aus der breiten Palette der Partnerschaftsmodelle eines auswählen muss. Aber nach welchen Kriterien? Partnerschaft verspricht, vielleicht noch mehr als vor 1970, Beheimatung und ist für das Durchkommen in der Postmoderne noch unentbehrlicher geworden. Ist das Leben mit Berufstätigkeit beider Partner nicht schon von so vielen Unwägbarkeiten bedroht, dass die Partnerschaft weniger anstrengend gelebt werden müsste? Dabei gibt es noch ganz andere Unwägbarkeiten. Wie soll es aber einen sichernden Rahmen geben, der ein sich Aufgehobenfühlen ermöglicht, wenn jede Partnerschaft sich selbst einen Rahmen zimmern muss und dieser von der Gesellschaft eher infrage gestellt als gestützt wird?

Und die Gewalt

Meist verschweigen die Propheten und Prophetinnen des Gefühls der Liebe, dass es noch ganz andere Gefährdungen gibt. Die Missbrauchsfälle unter den zölibatär Lebenden haben gezeigt, dass Sexualität sehr viel mit Macht zu tun hat, fataler Weise auch über Kinder. Die Abscheu, mit der auf diese Vorfälle reagiert wurde, hat nicht dazu geführt, sich mit dem Zusammenhang von Sexualität und Gewalt auseinanderzusetzen. Der spielt sich ja nicht nur in der katholischen Kirche und den Sportverbänden ab, sondern auch in den Familien. Das oberste katholische Laiengremium hat die alte Forderung aus der Schublade gezogen: Abschaffung des Zölibats. Dann gäbe es ja auch wieder genug Priester. Aber ist im Haus allein der katholischen Kirche alles sonst in Ordnung? Und sind nicht die Ehen der Kinder und Enkel des katholischen Laienparlaments nicht genauso gefährdet wie derjenigen, die sich nicht haben von einer Kirche prägen lassen.

Alle Augen blicken nach Rom. Offensichtlich sieht man dort die Kompetenz, in das postmoderne Chaos der Liebe eine solche Ordnung zu bringen, dass Partnerschaft auf Dauer wieder öfters gelingt. Wie soll das aber zu schaffen sein, wenn die Betroffenen, angefangen bei den Großeltern, die den Laienkatholizismus auf allen Ebenen bestimmen, die „Schuld“ bei den Bischöfen lokalisieren, sich selbst aber mit dem Chaos der Liebe nicht neu auseinandersetzen. Erst dann kann man zu der Frage übergehen, wie Religion, nicht nur als Moral, sondern als Spiritualität Partnerschaften so inspiriert, dass wirklich mehr Liebe in diese Welt kommt.

Eckhard Bieger S.J.

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Ein Gedanke zu “Das normale Chaos der Liebe

  1. Das biblische Fundament des klerikalen Scheidungsverbots ist brüchig,weil nicht plausibel:
    Wenn gilt : „der Mensch soll nicht trennen,was Gott verbunden hat…“ – dann gilt ebenso:
    der Mensch soll nicht binden,was Gott getrennt hat !

    Vielleicht leidet die Liebe an der „Theologisierung“.

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