Fernsehen: Vom Abendmedium zur Abrufnutzung – YouTube, Maxdome, Netflix u.a. gehört die Zukunft

Foto: dpa / picture-allianceAuch wenn Netflix mit dem Start auf dem deutschen Fernsehmarkt eine neue Zeit des Fernsehens angekündigt hat, diese Zeit hat schon längst begonnen. Wer auf YouTube die Quotenrenner anklickt, begegnet jungen Leuten, die den guten alten Sketch wiederbeleben. Damit ein Video nicht nach drei Minuten zu Ende ist, reihen sich oft drei  Nummern aneinander. Kurz und pointiert. Die Reichweiten sind zum Teil enorm, hunderttausende und manchmal mehrere Millionen Clicks. Die Zahlen sind unter der Rücksicht zu beurteilen, dass die Älteren, die die meiste Zeit dem Fernsehbildschirm widmen, 4 Stunden am Tag, kaum zu den Nutzern von YouTube gehören. Was wird sich aber ändern, je mehr die mit Handy und Computer groß Gewordenen in die Jahre kommen?

Auch die „Privaten“ werden älter

Seit 1984 RTL, noch von Luxemburg, aus zu senden begann und sich um Ludwigshafen herum ein Konsortium bildete, aus dem dann SAT1 wurde, waren das ZDF, die Dritten Programme wie auch die ARD zu den Sendern der Älteren geworden. Inzwischen sind die Jüngeren bei YouTube. Jetzt wiederholt sich das Gleiche wie bei den Privaten der achtziger Jahre. Die Protagonisten auf dem Second Screen werden jünger. Sie brauchen auch keinen Sender mehr, der sie finanziert. Sie stellen einfach eine Kamera auf, mehr als ein Camcorder muss es nicht sein, denn auf dem Bildschirm eines Laptops oder gar Smartphones braucht es nicht so viele Pixel. Für das Mikrofon muss man etwas mehr Geld anlegen. Was machen diese Nachwuchstalente? So wenig wie die ersten Stars der Privaten zum Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen wechselten, so wenig zieht es die Jungen zu den Privaten. Denn bei YouTube sind sie Senderchef und Protagonist in einer Person.

Ulk, Ulk und noch etwas?

Wer die Programme iBlali, diejungs, Halfcast Germany, Le Floid, Clemens, Klugscheißerin und viele andere bei  YouTube ansieht, bekommt sehr einfaches Fernsehen serviert, das vor allem lustig sein will. Wenn Späße gerissen, etwas karikiert wird, dann entsteht über Facebook eine Bewegung, es wird auf die Videos hingeweisen. Denselben Ulk findet man dann, von mehreren „Freundinnen und Freunden“ empfohlen, auf seiner Timeline. Mit der Zeit stellt man dann fest, dass es mit dem Humor nicht so weit her ist. Was an Witz fehlt, muss durch Akrobatik vor der Kamera ersetzt werden. Aber die jungen Protagonisten müssen ständig Neues produzieren und können sich nicht wie die Komödianten auf den großen Kanälen ein Heer von Gag-Schreibern leisten. Heißt das jetzt aber, dass mit YouTube das Niveau des Fernsehens, das die Privaten schon einmal heruntergedrückt hatten, noch einmal abgesenkt wird?

Das Kino kommt vom Jahrmarkt

Wer in den Archiven des Kinos nachschaut, entdeckt aus der Frühzeit des Films ebenso wie auf YouTube kurze Stücke. Als bewegtes Bildmedium eignete sich der besonders zum Abfilmen von Slapsticks. Wie heute war die Darstellung von Misslichkeiten ein beliebter Filmstoff. Auch heute machen Videos die Runde, die zeigen, wie Menschen stolpern, hinfallen, ausrutschen, ins Wasser fallen. Das sind kurze Szenen, die keine große Dramaturgie erfordern. Aber was hat das Kino aus diesen Anfängen gemacht! Ein Buster Keaton, ein Charlie Chaplin, ein Fred Astaire finden immer noch ihre Zuschauer.

Das Geld muss zurückkommen

Eine Entwicklung von YouTube zu den Qualitäten, die der Film bereits in den dreißiger Jahren erreichte, verlangt eine andere Organisationsform als die jetzigen Kleinbetriebe der  Quotenkönige. Für Hollywood war entscheidend, dass die Banken in die Finanzierung des Kinofilms eingestiegen sind. Es entwickelte sich eine Filmindustrie mit vielen Kinos, die mit 52 und mehr Filmen pro Jahr beliefert werden mussten, mit großen Studios, mit Stars, die dem Kino Ihre Gesicht, ihre Gestik, ihren Charme liehen, mit Ausbildungsstätten für Drehbuchautoren (an den Colleges der USA), für Schauspieler, Regisseure, Kameraleute. Vom Theater kamen nicht nur Schauspieler und Regisseure zu, sondern auch Bühnenbildner. Die Kosmetikindustrie war für die Maske gefragt und natürlich die Modehäuser. Die USA haben ihre Filmindustrie zu einem enormen Exportgeschäft entwickelt, auch weil sie über ihren großen Kinomarkt die Finanzmittel für Mammutproduktionen im eigenen Land aufbringen können. Zusammen mit der Musikindustrie haben die USA durch Hollywood die Weltkultur entscheidend geprägt.

Wenn das gleiche Know how, verbunden mit Finanzmitteln und industriellen Strukturen YouTube in die Hand nimmt, dann wird das das neue Hollywood. Oder YouTube bleibt das was es ist, eine weitgehend ungeordnete Masse von Kurzvideos mit einigen herausragenden Gesichtern, die Facebook u.a. Communities brauchen, um mehr als 100 Nutzer auf sich zu ziehen. Wahrscheinlicher als das neue YouTube-Hollywood ist folgendes Szenario:

Das Kino und dann alles andere

Der Kinofilm als die kostspieligste Ausprägung des Bewegtbildes bleibt das Leitmedium und ist neben über viele Kanäle abrufbar, von denen das Kino nur einer ist.

Das Nutzungsmuster von YouTube setzt sich auch für das Fernsehen durch. Man schaut nicht mehr entsprechend dem Programmschema zu bestimmten Zeiten Nachrichten,  Fernsehspiele, Shows und Folgen einer Serie, sondern ruft sie ab. Plattformen wie Maxdome oder Netflix machen die Programme über eine Gebühr zugänglich. Das Nutzungsmuster wird sich umso schneller durchsetzen, je mehr über Communities und Blogs auf Sendungen aufmerksam gemacht wird. Das ist jetzt bereits der Weg, wie YouTube-Videos bekannt werden. Auch wenn sich das wie eine organische Entwicklung darstellt, es wird zu großen Umbrüchen kommen. Die Zeitungen zeigen, dass das Internet bisher funktionierende Geschäftsmodelle außer Kraft setzt und damit, wie bei der Zeitung, bisherige Medienkonstrukte. Denn die Zeitung funktionierte als Verbindung von journalistischen Leistungen mit der Finanzierung durch Werbung. Diese Verbindung hat das Internet einfach aufgelöst. Es gibt Plattformen für Gebrauchtwagen, Mietwohnen, für Stellenmärkte, die sich nicht mehr die Mühe machen müssen, ihre Anzeigen mit journalistischer Berichterstattung zu garnieren. Allerdings wird die Film- und Fernsehindustrie nicht die Dummheit der Zeitungsbranche wiederholen, Inhalte der Printversion, die der Leser bezahlen muss, kostenfrei ins Netz zu stellen.

Auf zwei mögliche Problemkreise sei hingewiesen:

Die Serien

Im Unterschied zum Kino, das zwar wie bei Starwars mehrere Fortsetzungen kennt, aber jedoch meist ein einzelnes Werk zeigt, bindet das Fernsehen mit der Serie, ob wöchentlich oder sogar täglich, Zuschauer. Es gibt Endlosserien wie auch sog. Weeklys, die auch nicht 52 Wochen gesendet werden, sondern jeweils in Staffeln, meist 13 Folgen für ein Vierteljahr. Es gibt für diese Serien einen festen Sendeplatz, an den die Zuschauer gewöhnt werden. Dieses Modell wird wohl dem Abruffernsehen nicht standhalten. Denn je mehr sich das Abruffernsehen durchsetzt, desto weniger wird dieses Muster noch funktionieren. Deshalb könnte die Produktion von Serien sich so verändern, dass es zwar weiterhin Serien gibt, aber mit weniger Folgen, die man, je nach der Zeit, die der Nutzer dem Bildschirm widmen will, abgerufen werden. Da man für diese Programme Geld bezahlen muss, werden die Qualitätsanforderungen steigen. Wenn man aber Geld bezahlt, dann gerät das bisherige Finanzierungsmodell für das Fernsehen in die Diskussion:

Werbung und Gebühren

Wer sich über eine Plattform einen Film, Serienfolgen oder eine Dokumentation anschaut, kann erwarten, dass er keine Zeit mehr für Werbung aufwenden muss, sondern direkt das zu sehen bekommt, was er bezahlt. Wer kostenfrei sehen will, wird bei YouTube wie bei den Privaten Sendern weiter Werbung in Kauf nehmen.

Wenn aber die durch Gebühren finanzierten Programme der öffentlich-rechtlichen Sender gegen Entgeld z.B. über Maxdome oder Netflix abrufbar sein werden, dann erschließen sich neue Einnahmequellen. Eine neue Generation von Politkern könnte dann leicht auf die Idee kommen, die Steuerlast in der Weise zu senken, dass die Gebühren für das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht ganz abgeschafft, aber doch erheblich reduziert werden.

Eckhard Bieger
Foto: dpa / picture-alliance

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