Der Kinofilm Stromberg: Gibt es einen Ausweg aus dem Zynismus?

Letzte Woche wurde die Serie „Stromberg“ dargestellt [hier], diese Woche ist der Kinofilm an der Reihe. Im Februar 2014 war der Film zur Serie „Stromberg“ in den Kinos zu sehen, im September desselben Jahres erschien die DVD. In weiten Teilen führt er das Bad im Zynismus fort, aber nicht selten nutzt er diesen auch nur als Methode. Er deckt dadurch oft Falschheit auf und zeigt die unbequemen Wahrheiten mittels derber Verbalschläge. Dennoch bleibt der Kinofilm nicht beim Zynismus stehen. Das letzte Feuerwerk über die Capitol zeigt auch den Ausweg.

Foto: Brainpool/Willi Weber

Foto: Brainpool/Willi Weber

Die Ausgangslage des Films

Der Film stellt die Schadensregulierung der Versicherung Capitol mit den bekannten Sachbearbeitern der Serie dar. Allerdings sitzt nun Berthold, genannt „Ernie“ Heisterkamp in Strombergs Büro während Stromberg einen Posten nach oben aufgerückt ist. In Strombergs ehemaligem Büro hängt ein deutlich sichtbares Kruzifix. Ernie probt mit den Mitarbeitern ein Lied für die 50-jährige Jubiläumsfeier der Capitol ein, zu der er mit seinen Kollegen in das dafür vorgesehene Hotel anreisen möchte. Stromberg ist  gegen die Teilnahme an der Jubiläumsfeier und verbietet diese als Vorgesetzter. Später erfährt er per Zufall vom Hausmeister, dass die Filiale der Capitol, in  der Stromberg arbeitet, geschlossen werden soll und unterstützt nun doch die Teilnahme an der Jubiläumsfeier.

Jubiläumsfeier: „50 Jahre Capitol“

Während der gemeinsamen Busfahrt der Angestellten zur Feier fällt Ernies tragisches Verhalten wieder auf, worauf Stromberg nur spöttisch-witzig einwendet, dass Ernie ja einer ganzen Generationenfolge von Versagern entstamme. Auf der Jubiläumsfeier treten alte Bekannte der Serie wieder auf, wie Tatjana Berkel und Sinan Turculu. Weiterhin bleiben zynische Bemerkungen nicht aus. Der Mitarbeiter Ulf  Steinke merkt immer deutlicher, dass seine Ehe auch kein Heil auf Erden bedeutet und andere Frauen nach wie vor eine attraktive Anziehung haben und kommt zu dem Satz: „Ehe ist die Sterbehilfe für die Liebe“.

Auf der Feier 50 Jahre Capitol tritt schließlich Frau Berkel auf, die mittlerweile einen hohen Posten in der Capitol bekleidet. In der Manier eines Teleshoppingkanals verkauft sie in Gutmenschenart ihren Werbeclip für die Capitol, in dem sie selbst die Hauptrolle spielt. Berkels pastorale Ergüsse kulminieren in dem Satz: „Das Vertrauen ist der Weg“. Von so viel Stuhlkreisschmalz zum Verkaufen von Policen wird einem schon recht Übel. Übertroffen wird dies nur noch von Ulfs Frau, Tanja, die ein Pflegekind aus einer Problemfamilie annahm und im Gehabe einer antiautoritären Pädagogin für alle Untaten des Kindes Verständnis aufbringt. Selten ist man von einem Verhalten der falschen Liebe mehr angewidert. Zum Glück gibt es die Sollbruchstelle Stromberg. Nachdem Berkels Werbeclip nur ihre Selbstdarstellung aufwies und das Publikum nur gähnen ließ, präsentiert Stromberg seinen Clip.

Er wirbt für die Capitol, indem er die Mitarbeiter in seiner Abteilung überspitzt komisch in Szene setzt. Das ist eine der stärksten und lustigsten Stellen des Films, eine Sternstunde Stromberg. Demaskierung und Befreiung in einem. Er holt den schnörkeligen Schmalz wieder runter in die Wirklichkeit: Es gibt Streit im Büro und Ernie bohrt in der Nase. Der Alltag macht sympathisch, nicht Frau Berkels heile Scheinwelt Werbung. Als am Ende dann klassische Musik gespielt wird und die Stimmung wieder in den Keller sinkt, kommt Stromberg mit einem Alleinunterhalter an und singt im Pop-Stil: „Lass das mal den Papa machen, der Papa macht das gut“. Der Saal tobt. Stromberg hat auf ganzer Linie gewonnen. Seine Vorgesetzten sind begeistert und wollen ihn gerne in die Zentrale holen. Stromberg hat einen Blick für die Wirklichkeit, weiß, was die einfachen Angestellten wollen und scheut sich nicht, seine Sicht der Dinge auch brachial Ausdruck zu verleihen. Stromberg bringt einen Klopper nach dem anderen. Auf die schlechte Resonanz zu Berkels Werbeclip sagt er: „Die Frau muss ja nicht automatisch clever sein, nur weil sie scheiße aussieht“. Man solle sich eben bescheiden, bzw. im Stromberge Deutsch heißt das: „Man sollte den Arsch nie höher hängen, als man scheißen kann“.

Die Chefs der Capitol wollen aus Stromberg nun eine Art freundlichen Verkünder für den Rauswurf der Mitarbeiter seiner früheren Filiale machen. Stromberg selbst käme dann in die Zentrale. Er sei einer, der die Sprache der Einfachen spreche und könne den bösen Begriff „Rationalisierung“ besser und anders rüberbringen, so dass es weniger wehtue. Das ist die Welt der Chefetage: Treten, ohne dass man schreit und mit Stromberg als demjenigen, der das Schweigen garantiert. Die Zahlen müssen stimmen, die Menschen müssen gehen. Stromberg ist zunächst erfreut wegen der Beförderung und willigt ein. Man lässt ihm einen Mercedes Cabrio kommen und lädt ihn in ein besseres Hotel ein. Stromberg will allerdings nicht alleine fahren, sondern mit seiner Kollegin, die er gern als Freundin hätte und die nach einer „Beziehung“ mit ihm auch schon mal kurz von ihm schwanger war. Jennifer Schirrmann, von ihm in Stromberg -Art liebevoll „Schirrmchen“ genannt, willigt ein, an seinem Triumphzug  teilzuhaben. Sie fährt mit.

Das Ende des Zynismus

Camus schreibt in seinen Tagebüchern, dass der Ausweg aus dem Absurden und der Revolte im echten Mitgefühl liege, zu dem man jedoch eine Unschuld benötige, die er nicht mehr habe. Stromberg wird durch seine Naivität gerettet werden. Im neuen Hotel landet Stromberg plötzlich mit seinen Händen an den Brüsten einer fremden Frau. Jennifer betritt die Tür und bekommt es mit. Das angebliche Hotel stellt sich als Edelbordel heraus. Stromberg ist davon nicht begeistert und Jennifer will einfach nur weg. Die hohen Vertreter der Capitol verstehen das nicht. Einer sagt, das sei doch normal. Er sei ja schließlich auch verheiratet, aber was mache das schon? Der Stromberg Film übt hier mit am deutlichen Gesellschaftskritik aus, in dem er die Maskerade der Macht herabzieht: Von innen darf man faul sein, solange die Außenwirkung stimmt. Und die stimmt. Krawatte und Freundlichkeit. Innen dann Edelhuren mit dicken Hupen, Lügen und Betrügen. So ist das nun mal in gewissen Kreisen. Man darf sich nur nicht erwischen lassen. Wer kann der kann, wer hat, der hat. Das alles passt aber nicht mehr in Strombergs Welt. Stromberg ist zwar Zyniker, aber oft eher aus Entsetzen denn aus Verachtung. Er hat noch einen Rest an Prinzipien. Vor allem Jennifers Angewidert sein lässt ihn bei dieser Aktion nicht mitmachen.

Er fährt mit ihr im Wagen zurück. Hier nun wird der Zynismus besiegt. In dem Moment, als Stromberg mit Jennifer “Schirrmchen“ mit dem Auto von dem Bordell zurück zum ursprünglichen Hotel fährt, findet sich ein Moment der Echtheit, in dem man nicht mehr suchen muss, sondern nur noch zu finden braucht. Jenseits der aufgesetzten Masken scheint hier in einem Moment Liebe durch. Die durchbricht alle bisherige Machtpolitik und will einfach nur sein dürfen. Das ist eine Szene der unschuldigen Authentizität. Die Zwei fahren ruhig zurück und sind die inneren Sieger. Die Szene macht deutlich: Stromberg will letztlich kein Protz und Lügenleben, sondern Jennifer. Es geht um Liebe, um nichts anderes. Am Hotel angekommen küsst Jennifer Stromberg. Als dieser schließlich fragt, ob sie auf sein Zimmer wolle entgegnet sie nur, dass er nicht sofort wieder alles kaputtmachen solle. Für seine Chefs hat Stromberg versagt, er leistet sich noch einen Schnitzer bei der Übergabe des Autos und erhält die Kündigung. Frau Berkel ist besoffen abgestürzt, die Chefs haben den Ruf verloren und Stromberg ist ohne Job. Er lässt nun die Bombe platzen und teilt mit, dass die Filiale, in der sie alle arbeiten, geschlossen werden solle. Hier wieder ganz Stromberg inszeniert er sich als von vornerein auf der Seite der einfachen Mitarbeiter. Er betritt noch einmal die Capitol und die Belegschaft singt für ihn, im Stil eines Bürowortgottesdienstes zum Abschied. Auch hier zeigt sich: Wir wollen keinen Zynismus, der ja oft der Humor des Spießbürgers ist. Die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Unschuld und einfacher Menschlichkeit ohne Hintergedanken kommt hervor.

Die Szene wird nicht mit bitterem Spott beendet, sondern in aller Ruhe zu Ende geführt. Stromberg betritt nochmal sein altes Büro. Dort hängt noch immer Ernies Kruzifix. Deutlich sichtbar. Ein gewolltes Zeichen? Das Ende des Films wirkt dann dennoch lächerlich und die Frage bleibt, was damit ausgesagt werden solle: Es gibt eine Demonstration für den Erhalt der Arbeitsplätze, begleitet von Flyern mit Penissymbol, die laut Stromberg „fuck you Capitol“ aussagen sollen. Die Massen solidarisieren sich mit Stromberg. Auch optisch findet sich der Klobrillenbart bei den Demonstranten. Stromberg ist dann irgendwann im Willy Brand Haus bei der SPD, schüttelt Steinmeier die Hände, das SPD Symbol wird sichtbar. Man fragt sich: Was soll das? Wer verarscht hier wen? Steinmeier Stromberg oder Stromberg Steinmeier? Wahlkampf, Ironie? Die Szene entzieht sich einer ersichtlichen Erklärung. Stromberg steigt mit einer Fahne die Treppe hinauf, winkt hinunter und der Film ist aus.

Josef Jung

Foto: Brainpool/Willi Weber  

Links:

Homepage der Serie Stromberg: http://www.prosieben.de/tv/stromberg

Homepage des Films Stromberg: http://www.stromberg-der-film.de/

Trailer zum Kinofilm: https://www.youtube.com/watch?v=LF4FmOFPI94

Ein Gedanke zu “Der Kinofilm Stromberg: Gibt es einen Ausweg aus dem Zynismus?

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