Das Gute tun, heißt, sich auf Gott verlassen…

Foto: dpa / picture-alliance…oder warum Kant die Existenz Gottes durch ein Postulat begründet

Die Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt hatte im April Philosophen zu einem Symposion eingeladen, die einmal die Existenz Gottes bestreiten und andere, die ihn für das Glücklich-Werden des Menschen für notwendig halten. „Transzendenzlos glücklich? hieß die Tagung, ausdrücklich mit Fragezeichen versehen. Prof. Holm Tetens von der FU-Berlin hat die Position Kants erläutert. Hinsehen.net greift diese Gedanken auf und schließt weitere Beiträge an.

„Kann der Mensch transzendenzlos glücklich sein?“ fragt Tetens in seinem Vortrag und spezifiziert die Frage kurze Zeit später auf die Möglichkeit eines Glückerlebens in der Erfahrungswelt. Der Naturalist, der nur das für wirklich hält, was sich wissenschaftlich, also mit den Instrumentarien der Naturwissenschaften,  beweisen lässt, würde hier antworten, dass man nicht nur kann, sondern sogar muss: Wenn es Glück gibt, dann nur in der Erfahrungswelt und dann ist es genau dort auch zu verwirklichen. Denn wenn das nicht der Fall ist, bleibt nur der Glaube an einen Gott oder ein glückliches Leben nach dem Tod, und das gilt in naturalistischer Hinsicht als unaufgeklärt, intellektuell minderwertig.

Kant: Gott nach der Aufklärung gedacht
Aufgeklärt hingegen war vor allem Immanuel Kant, der den Glauben an Gott und die unsterbliche Seele als moralische Pflicht folgert, damit der Mensch in moralischer Hinsicht glücklich werden kann. Wohlgemerkt geht es hier um einen Glücksbegriff, der nicht als subjektiv erlebter Dauerzustand einer Folge günstiger Ereignisse zu denken ist, sondern um einen im Einklang mit dem Leben stehenden Frieden, der ebenso von der sozialen Umwelt reflektiert wird, eine Welt frei von Übeln  also. Es geht dabei um ein glückliches Leben für den Menschen an sich und nicht nur für ihn individuell. Die Hoffnung darauf wird erst dann vernünftig, wenn man die Existenz Gottes und eine unsterbliche Seele voraussetzt – nach Kant ein Vernunftglaube also. Man spricht daher auch von der Religionsphilosophie Kants und im Zusammenhang damit von seiner Postulatenlehre. Das gilt es, näher zu erläutern.

Gott: nicht wissenschaftlich bewiesen, sondern postuliert
Die beiden Postulate beruhen auf drei Beobachtungen Kants: Einmal ist der moralisch Handelnde nicht zwangsläufig der Glücklichere. Jemand kann auch mit seinen moralischen Prinzipien scheitern. Moralisches Handeln ist nach Kant jedoch eine Pflicht, die auf Einsicht beruht, und nicht auf Hoffnung oder Gehorsam gegenüber einem göttlichen Willen. Der moralisch Handelnde ist nämlich glückswürdig, denn er erwirbt durch seinen Handeln einen Anspruch auf Glück, den er aber nicht einfordern kann, während der nicht-moralisch Handelnde keine Aussicht darauf hat, glückselig zu werden, weil er sich durch seine Werke nicht würdig erwiesen hat. Glückseligkeit aufgrund von sittlicher Vollkommenheit ist bei Kant das höchste Gut, das zu erreichen anzustreben die Pflicht des Menschen und seine Bestimmung ist. Das geht freilich nur aufgrund der Annahme, dass nicht der ewige Tod der Lohn für alle diesseitige Bemühungen ist, was sich aus der zweiten Beobachtung Kants ergibt:

Die Natur garantiert dem Glückwürdigen nicht das verdiente Glück
Der Zusammenhang zwischen Glück und Moralität folgt innerhalb dieser Welt den Naturereignissen. Die Naturgesetze haben jedoch nicht die Belohnung des Glückswürdigen (so nennt Tetens den moralisch handelnden Menschen, dem Glück zusteht) zum Ziel, sondern sind „skandalös zufällig und willkürlich“. Der Skandal liegt in der beanspruchten Pflicht, das höchste Gut zu verwirklichen, obwohl es reiner Zufall ist, ob sich dieses Ziel überhaupt erreichen lässt. Die Verwirklichung moralischer Ziele kann nämlich nicht außerhalb dieser von den Naturgesetzen bestimmten Welt erfolgen, denn sie setzt ein Wirken in der Welt voraus. Da moralisches Glücksempfinden aber auf subjektivem Erleben beruht, sind objektive Tatsachen kein Garant für Erfolg. Sie können lediglich Ermöglichungsgrund für Glück sein. Daraus leitet Kant die Pflicht ab, das höchste Glück des anderen aktiv zu wollen, in dem die Voraussetzungen dafür maximal angenähert werden.

Diese maximale Annäherung im Sinne einer beständigen moralischen Läuterung mit dem Ziel sittlicher Vollkommenheit und Glück für alle endet mit dem Tod, was Kants dritte Beobachtung ist. Der Tod setzt dem Streben nach Glück ein zeitliches Ende, ohne zu berücksichtigen, ob der Menschen die Vollkommenheit erreicht hat, die ihn glückswürdig macht. Deshalb kann nur Gott in einer moralblinden Welt als allmächtiger Schöpfer dafür sorgen, dass Glückseligkeit und Glückswürdigkeit zusammenkommen und über diese hinaus, dass die angestrebte Vollkommenheit auch erreicht wird. Nur Gott selbst kann einen zielführenden Rahmen für die Selbstvervollkommnung des Menschen schaffen, eine von ihm dann angenommene geschaffene Natur kann das nicht, weil ihre Gesetze das nicht ermöglichen. Folglich muss für die Hoffnung auf eine bessere Welt, in der der Mensch glücklich ist, der naturalistische Gedanke fallengelassen werden.

Nur Gott kann das Glück des Glückswürdigen garantieren
Nun geht Kant noch einen Schritt weiter, indem er die Wahrheit seiner Postulate nicht nur unterstellt, sondern deren Annahme verpflichtend voraussetzt. Kurzform: Ohne Moral kein Glück und ohne Gott keine Moral. Um eines moralisch fundierten Glücks willen sind wir moralisch verpflichtet, an die Existenz Gottes zu glauben, welcher Urheber der Natur und meiner unsterblichen Seele ist. Deshalb bin ich verpflichtet, moralisch zu handeln, unabhängig davon, ob ich dabei glücklich bin oder nicht. Als moralisch Glückswürdiger in dieser Welt glücklich zu sein ist „Glücksache“. Tautologisch nennt man einen solchen Zusammenhang, denn ob ich glücklich bin oder nicht, spielt bei dem Ziel, das höchste Gut zu erreichen, keine Rolle mehr und wird als Pflicht zu moralischem Handeln zu Recht von den Naturalisten angezweifelt. Deren Wahrheitsauffassung ist jedoch ebenfalls tautologisch: Mit den Mitteln der Wissenschaft lässt sich nämlich nicht beweisen, dass es nichts gibt, was sich nicht mit den Mitteln der Wissenschaft beweisen lässt.

Alle wollen eine Welt, die die moralischen Voraussetzungen für das Glück bereit hält
Holm Tetens schlussfolgert nun, dass niemand bezweifelt, eine Welt, in der Glück und Moralität miteinander einhergehen, sei besser als eine, in der das nicht so ist, und deswegen sei es vernünftig und keinesfalls abwegig, eine solche erstere anzunehmen. Er stellt die grundlegende Prämisse Kants nicht in Frage, dass der Mensch von einem Selbstverständnis als vernünftige moralische Person ausgeht, welcher die Einheit von Moral und Glück anstreben muss. Glückseligkeit ist aber ein Anspruch, den heute nicht mehr jeder Mensch an sich stellt, gerade wegen des fehlenden Zusammenhangs von Glückswürdigkeit und erfülltem Leben. Sie haben in der Frage, wie moralisches Handeln und Glück zusammenhänge, resigniert. Eine andere Position vertreten die Gegner der Kant’schen Postulatenlehre. Sie streben aufgrund ihres Selbstverständnisses die rechtzeitige Befriedigung aller menschlichen Bedürfnisse im Diesseits an und fordern konsequenterweise die Bereitstellung der dazu erforderlichen Mittel. Dann reicht aber die Kant’sche Postulatenlehre nicht zur Begründung moralischen Handelns aus, wenn es im Diesseits keinen zwingenden Zusammenhang von Glückswürdigkeit und erlebtem Glück  gibt. Deshalb erfüllt sich nach Kant das Postulat von dem notwendigen Zusammenhang von Glückwürdigkeit durch verantwortungsvolles Handeln einerseits und der Erfüllung der Glückverheißung in diesem Leben nicht. Und ohne diese Moral wird bei Kant auch Gott überflüssig.  Zu diesen Fragen erscheinen zwei weitere Beiträge bei hinsehen.net.

Der Vortrag von Prof. Tetens ist noch nicht veröffentlicht. hinsehen.net wird darauf verweisen.

2 Gedanken zu “Das Gute tun, heißt, sich auf Gott verlassen…

  1. Pingback: Ohne Moral kein Bestand | hinsehen.net

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