Wir beantworten die Sinnfrage mit unserem Leben

Montagsdemo am Potsdamer PlatzDie Freiheit, nicht die Naturwissenschaften sind die Basis

Die herrschende Strömung der Philosophie ist der Naturalismus. Für ihn müssen die bisherigen Fragen der Philosophie wie der Theologie so beantwortet werden, wie die Physik wissenschaftlich zu Ergebnissen kommt. Da der Naturalismus inzwischen für viele Menschen plausibler erscheint als z.B. die christliche Religion, lohnt es sich zu fragen, welche Antworten der Naturalismus gibt.

Was erklärt der Naturalismus?
Er erklärt wie die Naturwissenschaften. Daher sein Name. Weil die Naturwissenschaften so viel entdeckt haben, z.B. das Alter des Weltalls, dass sich der Kosmos ausdehnt, dass alle Lebewesen sich aus primitiven Vorstufen entwickelt haben, dass es nicht nur Bakterien, sondern auch Viren gibt, die Krankheiten auslösen. Jeden Tag kommen neue Erkenntnisse hinzu. Warum nicht damit rechnen, dass mit den Methoden der Naturwissenschaften auch andere Menschheitsfragen als die Ursachen von Krankheiten ihre Lösung finden. Zudem gibt es ein gewichtiges Argument gegen die Metaphysik und gar gegen die Religionen, die sich auf eine Offenbarung berufen:

Die Sachwalter von Metaphysik und Theologie sind sich uneins

Die Physik, Chemie und Biologie haben Methoden entwickelt, um Behauptungen über ihr Sachgebiet als zutreffend zu erweisen. Spektakuläre Beispiele gibt es aus der Physik. Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie geht von einer Krümmung des Raumes aus. Das widerspricht dem, wie wir uns den Raum vorstellen und wie wir auch gewöhnlich Geometrie betreiben. Es konnte jedoch durch Messung von Lichtstrahlen nachgewiesen werden, dass der Raum sich tatsächlich „krümmt“, wenn der Lichtstrahl an einem Himmelskörper vorbeiläuft. Ein anderes Beispiel:

Im Allerkleinsten, in der Welt unterhalb der Atomteilchen, hat der englische Physiker Higgs mit eine Theorie die Ordnung der Quarks und anderer Bausteine beschrieben. Aus seiner Theorie folgt, dass es ein Teilchen geben muss, das den anderen Masse verleiht. Es scheint, dass mit dem Teilchenbeschleuniger in Genf dieses Teilchen dargestellt werden konnte.
Die Naturwissenschaften sind also in der Lage, offene Fragen zu klären und Thesen, die sich aus einer Theorie ergeben, so zu überprüfen. Es bleibt also nicht bei Behauptungen und man kann auch nicht einfach behaupten, was einem einfällt, sondern nur eine Behauptung erweist sich als gültig. Warum nicht damit rechnen, dass die Methode, und wenn auch erst in 100 Jahren, zu Ergebnissen kommt, die die bisherige Philosophie, die ein Jenseits, ein „Meta“ der Physik behauptet, das nicht mehr im Vagen einer bl0ßen Behauptung lässt, sondern endlich genauer erklärt, was das ist. Die Metaphysiker wie die Theologen, die eine Deutungshoheit für etwas, das der Physik nicht zugänglich sein soll, beanspruchen, müssten doch wenigstens wie die Physik Verfahren entwickelt haben, die bestimmte Behauptungen ausschließen und andere als zutreffend erweisen. Das ist aber nicht der Fall. Ob es einen Gott gibt, mit dem der Mensch in Beziehung treten kann wie mit einer Person, wird von den Religionen sehr unterschiedlich gesehen. Darüber, ob es ein Weiterleben einer körperlichen Existenz nach dem Tod gibt, sind sich christliche Theologen nicht einig. Zudem zeigt die Geschichte des Christentums, dass es zu ständigen theologischen Streitigkeiten gekommen ist. Was den Naturwissenschaften gelungen ist, nämlich Verfahren zu entwickeln, die Behauptungen über den Kosmos, den Ursprung des Menschen, den Weltuntergang zu einer Lösung führen, müssten die Philosophen und Theologen für die anderen Fragen noch entwickeln. Solche Fragen wäre, ob es eben eine Weiterexistenz nach dem Tod gibt, ob der Mensch in eine Beziehung zu einem höheren Wesen treten kann, ob die Propheten tatsächlich die Stimme Gottes gehört haben.

Zuerst die Skepsis

Erst einmal haben die Skeptiker recht, denn zu einer Wissenschaft gehört, dass sie Ergebnisse liefert, die dann nicht einfach von anderen Vertretern des Faches infrage gestellt werden können. Insofern ist der Naturalismus eine verständliche Reaktion auf die jahrhundertelange Zerstrittenheit der Philosophen und Theologen. Da für denjenigen, der den Disput eher von Außen wahrnimmt, eine übereinstimmende Antwort von den Fachleuten, konkret von den Professoren der Philosophie wie der Theologie in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist, muss man sich selbst auf die Suche nach Antworten machen, die man für das Leben braucht. Denn diese Fragen bleiben, weil die Physik und die anderen Naturwissenschaften sie nicht beantwortet. Diese Fragen hängen direkt mit unserem Wunsch zusammen, dass unser Leben nicht einfach „da ist“, so wie ein Berg in der Landschaft steht, sondern auf etwas hinsteuert.

Aus unserem Leben soll eine Biographie werden

Wir verbinden mit diesem Leben mehr als ein Baum für seine Existenz braucht. Wir sind auch nicht allein damit zufrieden, wenn wir dazu beitragen können, dass unsere Art nicht ausstirbt. Wir denken nicht nur an unsere Gattung, sondern wollen für unseren Lebenseinsatz etwas, das wir als sinnvoll erachten. Wenn es darum geht, was Sinn machen soll, beobachten wir die gleichen Unterschiede, wie bei den Philosophen und Theologen: Menschen geben sehr unterschiedliche Antworten auf die Sinnfrage. Ihre Antwort sind nicht bloß Worte, sondern sie antworten mit sich selbst, mit ihrer Person, nämlich damit, für was sie ihr Leben in die Waagschale werfen.
Auch wenn es oft behauptet wird, es ist nicht allein das Geld, das die Menschen antreibt und das ihnen Sinnerfüllung verspricht, sollten sie eine entsprechend hohe Summe ihr eigen nennen können. Geld ist nämlich erst einmal Sinn-leer und bekommt seinen „Sinn“ erst durch das, für was eingesetzt wird. Man kann damit Reisen machen, es vererben oder sich ein Unternehmen kaufen. Mit einem Unternehmen wie bereits durch seine Berufswahl entscheidet der einzelne, was für sein Leben Sinn machen soll. Es gibt auch Menschen, die Störungen im menschlichen Zusammenleben zu ihrer Aufgabe machen, so die Juristen oder die Psychologen. Man kann als Architekt, Bauunternehmer, als Grafiker oder Designer die Lebenswelt der Menschen gestalten. Wer in einen Lehrberuf geht oder in der Erwachsenenbildung Sinnerfüllung sucht, will anderen etwas vermitteln, deren Wissen, deren Kompetenz erhöhen. Der Arzt will Krankheiten kurieren oder zumindest das Leben mit einer Krankheit erträglicher machen. Ein weiteres Sinnversprechen liegt in der Position, die einem in einem Unternehmen oder in der Politik Entscheidungsgewalt, also Machtausübung ermöglicht. Damit kann man erheblichen Einfluss auf die Beziehungen der Menschen untereinander ausüben. Einfluss auf andere sichert auch die Erziehung, ob als Eltern, Erzieherin oder Lehrer.
Eine weitere Lebenswahl kann sein, dass sich jemand für die künstlerische Gestaltung entscheidet, Musiker wird, Romane, Theaterstücke, Gedichte schreibt, malt, Filme dreht, fotografiert. Wir strengen uns sehr an und erwarten, dass unsere Anstrengung „Sinn macht“. Den Sinn unseres Handelns erleben wir meist durch die Reaktion der anderen, denn wir wollen

Anerkennung erfahren, Anerkennung geben

Sinnerfüllung erfahren wir besonders dann, wenn wir uns von anderen akzeptiert, gelobt erleben, wenn wir eine Prüfung bestehen, uns ein Preis verliehen wird, wenn wir einen Wettkampf gewinnen. Wenn wir Anerkennung erfahren, spüren wir etwas, das uns Dinge, ob ein Auto, ein Schmuckstück oder ein Geldbetrag, nicht geben können. Denn ein Gegenstand erkennt mich nicht als Person, als jemanden, er kann mit mir nur eine physikalische Beziehung treten, ich kann ihn anfassen, er fühlt sich an, riecht, schmeckt, aber er kann nicht, was ein Hund kann: Mich unter vielen anderen erkennen, mich begrüßen, mich fordern, z.B. etwas in den Fressnapf zu legen oder einen Stock zu werfen. Noch mehr können Menschen, auch wenn wir das nicht so oft erfahren: Sie können zum Ausdruck bringen, dass sie uns haben wollen, dass sie froh sind, dass es uns gibt, dass sie mit uns etwas auf die Beine stellen wollen und uns zutrauen, dass wir es schaffen.
Es gibt dann noch eine weitere Stufe, die Weit als sinnerfüllend erleben: Wenn wir selbst anderen zum Ausdruck bringen, dass sie ein Lebensrecht haben, dass wir sie unterstützen, ihnen etwas zutrauen, ihnen sogar sagen können, dass wir froh sind, dass es sie gibt.

Sinnerfüllung kann man nicht objektiv messen

Es liegt an uns, für was wir unser Leben in die Waagschale werfen. Wir tun es auf jeden Fall, um etwas dafür zurück zu bekommen. Wir sichern nicht nur unser Überleben, wir sind auf Anerkennung aus, wir wollen mit gestalten und wir erwarten Dank, wenn wir für einen anderen etwas getan haben. Was wir dann als sinnvoll erfahren, ist erst einmal unsere eigene Wahl. Das wird an der Gesundheit deutlich. Wir können über Jahrzehnte die eigene Gesundheit als selbstverständlich nehmen. Wenn wir aber an die Grenze des Lebens gekommen sind, kann Gesundheit etwas so Wertvolles für uns sein, dass wir jeden Tag dafür dankbar sind.
Es kann auch sein, dass wir in einer bestimmten Lebensphase 10.000 Euro für etwas sehr Sinnstiftendes erleben und in einer anderen Phase es für sinnvoll halten, wenn wir Geld weggeben, um z.B. mit 10.000 Euro ein Sozialprojekt unterstützen.

Das Glück

Wir unterhalten uns jeden Tag mit der Sinnfrage. Schon das Aufstehen wird einfacher, wann wir etwas vorhaben. Sich etwas vornehmen, heißt ja, dass wir es für sinnvoll halten, das zu tun, und sei es ein Bankraub. Ob es auf die Dauer Sinn macht, auf diese Weise zu Geld zu kommen, darüber handeln viele Filme. Wenn wir nicht gerade schlafen oder meditieren, sind wir eigentlich immer mit der Sinnfrage im Gespräch. Diese ist immer mit einer gewissen Unsicherheit verbunden. Schon wenn wir einen Ausflug antreten, kann das Wetter mitspielen oder auch nicht. Wenn wir mit anderen etwas auf die Beine stellen wollen, können andere uns enttäuschen. Dass eine Partnerschaft, eine Familie gelingt, ist nicht einfach durch einen Plan abzusichern.
Noch unsicherer ist es, ob unser Leben gelingt. Wir können den falschen Studienplatz gewählt haben, in ein Unternehmen eintreten, das schlecht geführt ist und uns keine Entfaltungsmöglichkeiten bietet, wir können unsere eigenen Kräfte überschätzen, wir können gemobbt werden oder eine Krankheit durchkreuzt alle unsere Pläne. Das Überraschende ist dann, dass Menschen sich durch Misslingen, Feindschaften oder Krankheit nicht total infrage gestellt fühlen. Sie können neuen Lebensmut schöpfen und sogar ihr Leben dann als sinnvoller erfahren.

Es geht um das Gelingen unseres Lebens

Wir sind auf das Gelingen unseres Lebens aus. Das entfaltet sich in einer Biographie, die wir zu einem guten Teil selbst gestalten, so wie ein Schriftsteller einen Roman. Es gibt viele äußere Umstände, die uns unterstützen wie auch solche, die sich unserer Entwicklung in den Weg stellen. Für das Gelingen sind die wichtigsten Partner die anderen Menschen. Wenn unser Leben eine Biographie ist, in der wir selbst einen guten Teil des Gelingens bestimmen, dann gestalten wir unsere Welt nicht einfach nach dem, was die Physik entdeckt hat. Diese hilft Ingenieuren und Architekten, für das Leben, das auf Sinn aus ist, scheint die Erwartung zu kurzatmig, denn die von der Physik wie auch von der Chemie oder Biologie entdeckten Zusammenhänge könnten unsere Frage nach dem Gelingen beantworten.

Unsere Freiheit ist die Wurzel

Wenn wir in der Lage sind, unserem Lebe eine Biographie zu geben, dann gilt das auch sicher ansatzweise für einen Elefanten, einen Delphin, einen Wolf. Noch mehr für den Menschen, dessen Freiheitgrade so weit reichen, dass er sich die Sinnfrage stellen kann. Er kann sogar sein Leben völlig „umkrempeln“, wenn sich am Horizont eine bessere Antwort auf seine Sinnfrage abzeichnet. Ohne Freiheit keine Biographie. Deshalb müsste man bei der Freiheit suchen, wie es hinter, im „Meta“ der Physik, dem eigentlichen Bereich der Philosophie, aussieht. Die Freiheit ist aber gerade das, was nicht berechenbar ist. Das zeigt, die Antwort auf die eigentliche Frage, die nach dem Sinn, kann uns keine Wissenschaft geben. Wir geben sie mit unserem Leben.

Eckhard Bieger

Foto: dpa / picture-alliance

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s