Der Antimodernistenstreit zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Alfred Loisy und Joseph Wittig

Es ist kein neues Phänomen, dass sich die katholische Kirche mit modernen Ansätzen schwertut. Historisch war dies besonders dann der Fall, wenn  Neuerungen nicht die Theologie Thomas von Aquins oder verwandte traditionelle Schulen rezipierten. So waren auch historisch-kritische oder aufklärerisch-humanistische Methoden der Kritik ausgesetzt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts eskalierte die Auseinandersetzung zwischen Lehramt und modernisierender Theologie unter Pius X. und dessen Nachfolgern. In diesen Kontext gehören auch die Konflikte um Alfred Loisy und Joseph Wittig.

St. Peter's Basilica

Foto: swisshippo / Fotolia.com

Pius X. und der Kampf gegen den Modernismus

Der Kampf gegen den Modernismus explodierte im Pontifikat Pius X. Besonders drei Kampfmittel wurden dabei gegen diese „Zusammenfassung aller Häresien“ (Begriff aus der Enzyklika Pascendi) ins Feld geführt: das Dekret „Lamentabili“ (1907), die Enzyklika „Pascendi“ (1907) und das Motu Proprio „Sacrorum antistites“ (1910), in dem der so genannte „Antimodernisteneid“ enthalten war. Die martialische Sprache ist hier bewusst gewollt, schließlich war der Kampf gegen den Modernismus für Pius X. ein Kampf gegen die Feinde des Christentums:

„Die Zahl der Feinde des Kreuzes Christi ist in dieser letzten Zeit gestiegen; mit ganz neuen und verschlagenen Kunstgriffen suchen sie die Lebenskraft der Kirche zu zerstören und möchten gerne, wenn sie es könnten, das Reich Christi selbst von Grund auf vernichten.“ (Pascendi)

Joseph Mausbach, Professor für Moraltheologie in Münster machte in seinem Werk „Der Eid wider den Modernismus“ (1911) den Modernisten und ihren Methoden folgenden Vorwurf:

„daß das Ewige und Göttliche irgendwo sicher und gebietend in die Geschichte eintritt, diese Grundanschauung aller Offenbarungs- und Christusreligion wird hier völlig fallen gelassen. Der Glaube, der an solchen Tatsachen festhält, ist eine dem religiösen Bedürfnis und Gefühl entspringende Verklärung der Wirklichkeit, die neben der wissenschaftlichen Betrachtungsweise hergeht.“

Besonders im Exegeten Alfred Loisy sah man in Rom den Vorwurf Mausbachs bestätigt. Er galt als der „Mustermodernist“ schlechthin.

Alfred Loisy

Alfred Loisy war ein französischer Priester und Professor für Exegese am Institut catholique de Paris. Schon unter dem Pontifikat Leos XIII. Ende des 19. Jahrhunderts geriet in Konflikt mit dem Lehramt.  Allerdings kam es erst im Pontifikat Pius X.  zur Eskalation, nachdem Loisy sein Werk „L’Evangile et Èglise“ (1902) veröffentlicht hatte. Loisys ursprüngliches Ziel war es Theologie und moderne wissenschaftliche Methoden miteinander zu verbinden. Er kritisierte sogar den evangelischen Theologen Harnack und suchte eine katholische Antwort auf dessen Verständnis von Kirche. Heute noch ist Loisy berühmt für den Satz: „Jesus hat das Reich Gottes verkündet; gekommen ist die Kirche“.

Der Dogmatikprofessor und Antimodernist Anton Gisler setzte sich in seinem Werk „Der Modernismus“ (1912) mit Loiy auseinander und beschreibt das Problem des Lehramts mit ihm. Laut Gisler ist der Modernismus in Loisy Fleisch geworden. Das bedeutsamste Buch des Modernismus sei Loisys „L’Èvangile et Èglise.“ Seine Kritik an Harnack, dass das Wesen des Christentums nicht darin liege, im Bewusstsein einen gnädigen Gott zu haben, sondern das Reich Gottes für sichtbare Menschen sei und daher die Gesellschaftsnormen habe annehmen müssen, z.B. eine Hierarchie, wie es sich bereits im Evangelium zeige, sei noch katholisch gewesen. Aber Loisy habe den katholischen Gedanken von Grund auf verstellt, in dem er behauptete:

„Die Verfassung, die Dogmen, den Kult und die Sakramente der katholischen Kirche habe Jesus auch nur in ihren wesentlichen Punkten weder vorausgesehen, noch beabsichtigt.“ (Gisler)

Zwar seien bei Loisy, so Gisler, die Dogmen aus dem Evangelium hervorgegangen, aber er beanspruchte gleichzeitig gegenüber allen Glaubensdogmen

„das Recht freiester Auswahl und Kritik, leugnete die Grunddogmen des Glaubens: die Gottheit Christi, seinen Erlösungstod, seine leibliche Auferstehung, die Gründung der Kirche und die Einsetzung der Sakramente, und wollte dennoch berechtigt sein, Christ und römisch-katholisch zu heißen.“ (Gisler)

Kardinal Richard von Paris hatte das Buch „L’Èvangile et l’Èglise“ bereits im Januar 1903 verurteilt, da es die Grundlagen des Glaubens antasten würde. Loisy hingegen verteidigte sich als treuer Diener der Kirche. Er versicherte, dass er kein Dogma verwerfe und an allem festhalte, was die Kirche lehre. Aber, so Gisler, bloß als Gläubiger, nicht als Historiker. Denn Loisy lehrte nach Gisler, dass die wissenschaftlichen historischen Tatsachen bloß durch den Verstand festgestellt würden, während die Dogmen nicht bloß durch den Verstand, sondern auch durch einen Druck des Herzens unter Leitung des guten Willens und mit Gottes Hilfe gestaltet werden, wenngleich auch geschichtliche Einflüsse eine Rolle spielen. So lehre Loisy, dass es einen Unterschied zwischen Dogmen und historischen Ereignissen gebe. Letzte hieße das: „Der historische Christus, das heißt: Christus, geprüft vor dem Forum der wissenschaftlichen Geschichte, sei nicht von den Toten auferstanden“ Glaube und Geschichte hätten nach Gisler bei Loisy nichts miteinander zu tun, auch nicht der Theologe und der Historiker. Es war nach Gisler daher klar, dass die Grundgedanken Loisys, die in seinen Werken „Autour d’un petit livre“ und „l’Èvangile et l’Èglise“ stünden, unkatholisch seien, er sie nicht Wissenschaft nennen könne und Rom sie folglich im Dezember 1903, wie auch die Werke „La Religion d’Israel„, „Études évangéliques“ und „Le quartrième Èvangile“ verurteilte. Nach seiner Exkommunikation 1908 hatte Loiys seine Soutane abgelegt:

„Der Bann, der mich getroffen hat, nimmt mir das Recht das Priesterkleid zu tragen, und ich trage es nicht mehr.“

Fortan war Katholiken der Kontakt mit ihm verboten (vitandus). 1909 wurde Loisy allerdings am Collège de France angestellt und entging so einer materiellen wie sozialen Notlage. Zeit seines Lebens blieb die Versöhnung mit der katholischen Kirche aus. Gegen Ende seines Lebens wandte sich Loisy vom Christentum ab und pantheistischen Lehren zu . Er starb als Exkommunizierter 1940 in Frankreich.

Joseph Wittig

Joseph Wittig wurde 1911 Professor für Kirchengeschichte an der Universität Breslau. Ins Straucheln geriet seine Professur 1922, nachdem in der Zeitschrift Hochland sein Aufsatz „Die Erlösten“ erschienen war. Heute scheint sein Aufsatz geradezu harmlos, ja nicht einmal problematisch, doch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil waren seine Thesen nicht publizierbar. Wittig schrieb in seinem Aufsatz unter anderem:

„O ihr Dogmatiker, zeigt mir das erlöste Volk! […] Könnt ihr eure Erlösungslehre nicht so verkünden, daß das katholische Volk wirklich sich von der Sünde erlöst fühlt […] Seht doch noch einmal nach in den Schatzkammern unserer heiligen katholischen Kirche! Da ist gewiß noch manches vorhanden, was das Volk erfreuen kann. Da ist sicher eine wahre Erlösung. Manche von euch haben sich in der Tür verirrt und sind statt in der Schatzkammer vielmehr in die Folterkammer geraten.“

Wittig fuhr mit einer Kritik der Beichtpraxis fort und schrieb den Satz: „Wer glaubt, der hat das ewige Leben“. Erlösung besteht darin, so Wittig,

„daß man den guten Willen hat, nicht den heroisch starken Willen […] alles andere tut die Gnade Gottes, die uns Christus als Sohn Gottes und unser Mitmensch verdient hat“.

Wittig hat seinen Aufsatz zwar von fachkundigen Theologen überprüfen lassen, dennoch galt seine Interpretationen der Beichte, des freien Willens und der Erlösung als bedenklich. Anfangs schienen sich die Wogen aber wieder zu glätten. Doch besonders ein weiteres Werk Anton Gislers, „Luther redivivus“ (1922), das auf Wittigs Aufsatz „Die Erlösten“ reagierte, goss neues Öl ins Feuer. Gisler sah in Wittigs Werk „Irrtümer und Schiefheiten“ und rief so die römischen Glaubenshüter auf den Plan. Der damalige Nuntius, also Botschafter des Vatikan in Deutschland, Eugenio Pacelli, später Pius XII., forderte in einem Schreiben an den Kardinal von Breslau, Adolf Bertram, auf, gegen Wittig vorzugehen. 1925 wurden viele Werke Wittigs indiziert. 1926 kam es zur Exkommunikation Wittig, nachdem er sich geweigert hatte, den Antimodernisteneid erneut abzulegen da er dies bereits getan habe und er gültig bleibe.

Wittig wurde vollkommen aus der Bahn geworfen, er verlor seinen Lehrstuhl und stand vor dem finanziellen wie auch dem sozialen Ruin. Es gab zunächst keine Alternativanstellung oder Perspektive. Wittig kehrte in sein Heimatdorf Neusorge zurück und wurde Schriftsteller. Unterstützt wurde er zunächst vor allem durch evangelische Theologen. 1927 heiratete er.
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, in dem sich auch zunehmend Erkrankungen bei ihm meldeten, suchte Wittig wieder in die katholische Kirche aufgenommen zu werden. Er versprach der Forderung, wie Bruder und Schwester mit seiner Frau zusammenzuleben, Genüge zu tun, und wurde so 1946 kurz vor seinem Tod nach seiner Flucht aus Schlesien von der Exkommunikation befreit. Er starb 1949 versöhnt mit der katholischen Kirche. Vor allem polnische Bischöfe setzten sich für die schnelle Wiedereingliederung Wittigs in die Kirche ein.

Resümee

Die Auseinandersetzung zwischen den so genannten Modernisten und dem katholischem Lehramt ist neben der Machtfrage auch eine zwischen Dogma und Moderne gewesen. Die eigentliche Tragik lag oftmals darin, dass abweichende Methoden und Lehren von der damals gängigen neuscholastischen Theologie gleichsam automatisch von vornherein unter Häresieverdacht gerieten. Es gab im Grunde nur das Mittel des Fürwahrhaltens der ewigen Wahrheiten, auch gegen alle Erfahrungen des alltäglichen Lebens, oder durch den Versuch einer zeitgemäßen, an den Phänomen orientierten Theologe der Irrlehre verdächtig und mit der Exkommunikation bestraft zu werden. Schweigen oder Strafe, vor diesem Dilemma standen viele Theologen.

Quellen und Literatur:

Dekret der heiligen Inquisition „Lamentabili“ vom 3. Juli 1907.

Gisler, Anton, Anton, Luther redivivus?, in: Schweizer Rundschau 22 (1922), S. 161-180.

Gisler, Anton, Der Modernismus, Einsiedeln 1912.

Hausberger, Karl, Der „Fall“ Joseph Wittig (1879-1949), in: Wolf, Hubert (Hg.) Antimodernismus und Modernismus in der katholischen Kirche. Beiträge zum theologiegeschichtlichen Vorfeld des II. Vatikanums, Paderborn 1998, S. 299-322.Loisy, Alfred, L’Evangile et l’Eglise, Paris 1902.

Mausbach, Joseph, Der Eid wider den Modernismus und die  theologische Wissenschaft, Köln 1911.

Pius X. Enzyklika Pascendi dominici gregis vom 8. September 1907.

Pius X. Motu Proprio Sacrorum Antistitum vom 1. September 1910.

Schlagwort Nr. 79, Fall Joseph Wittig, in: ‚Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)‘, URL: http://www.pacelli-edition.de/Schlagwort/79  (Datum 2014-10-03).

Wittig, Joseph, „Die Erlösten“, in: Hochland 19/2 (1922), S. 1-26.

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