Dabei sein ist alles

Bahn und Telekom bieten Internet im Zug an - FeatureMan ist bei Facebook, man besucht ein Konzert, weil man da wichtige Leute trifft, man ist dabei, wenn es um Ökologie geht, man ist dabei, wenn es um eine bestimmte Meinung geht, man ist bei gesunder Ernährung dabei, man ist beim Fitnessprogramm dabei, …man ist mal nicht dabei und hat gleich ein schlechtes Gewissen. Man isst gerne das, was Ernährungswissenschaftler als Gift für den Körper deklariert haben. Man macht auch keinen Sport, weil man sich einfach nur gerne bewegt und dafür nicht ins Fitnessstudio gehen muss. Man kauft keine Markenklamotten, weil man einfach etwas dagegen hat, mit dem Signet der entsprechenden Firma auf dem Kleidungsstück herumzulaufen. Und dann geht man z. B. in ein Konzert, weil man die Musik genau dieser Band oder dieses Orchesters hören will, es sind viele Zuhörer dabei und man wundert sich, dass viele Zuhörer zwar da sind, aber doch irgendwie gar nicht dabei sind.

Da sein und nicht dabei sein

Es fängt damit an, dass manche Menschen ständig ihr Smartphone in der Hand halten und irgendwem eine SMS schreiben, etwas googlen, anderen Fotos oder Filmchen zeigen, Fotos machen oder einfach nur mit diesem Gerät beschäftigt sind. Warum diese Menschen sich gerade zu dieser Zeit an diesem Ort befinden, das weiß niemand so recht. Da müht sich eine Band, das Beste aus sich herauszuholen und die Zuhörer zeigen sich gerade Fotos vom Konzert einer ganz anderen Band, da war man auch dabei.

Dabeisein und nicht auffallen

Ist man gerade dabei, sich zu einer Sache eine Meinung zu bilden und äußert noch nicht ganz ausgegorene Gedanken, dann kann das völlig daneben gehen, denn die, die schon immer dabei sind, haben schon eine Meinung oder sich der allgemein akzeptierten Meinung angeschlossen. Schnell kann man so zum Chauvi werden, weil man mal angedacht hat, dass Männer und Frauen sich doch irgendwie unterscheiden, Waffengewalt vielleicht doch gerechtfertigt sein könnte, Sexualstraftäter nicht mit dem Tode bestraft werden sollten und die Missbrauchsfälle vielleicht auch noch einen anderen und noch nicht bedachten Aspekt haben könnten, eventuell würde mit dem Missbrauch auch Missbrauch betrieben. Schnell ist man dann nicht mehr dabei, denn solche Meinungen sind inakzeptabel und es ist doch klar, Missbrauch ist schlecht und zu verurteilen.

Da Da Da

Solche und ähnliche Beobachtungen zeigen möglicherweise ein schwindendes Gefühl für Schuld auf. In der Öffentlichkeit stehende Menschen orientieren sich kaum noch an einer ethischen Norm, vorrangig ist die Medienwirksamkeit. Presseabteilungen formulieren Nachrichten so um, dass keine verbindliche Aussage getätigt wird, denn das könnte als ein Schuldeingeständnis gedeutet oder von der Presse bzw. den Advokaten dazu benutzt werden. Manager bleiben in ihren Aussagen unverbindlich, weil sie die Wahrheit verschleiern und nicht zur Rechenschaft gezogen werden wollen. Kirchliche Stellen reden von Kirchenaustritten, leeren Kirchen, Wiederverheiratung von Geschiedenen o. ä. und scheinen ganz vergessen zu haben, was die Botschaft des Glaubens ist. Sie haben alles getan, was die Katecheten von McKinsey gelehrt haben, es wurde ein Leit- oder Zukunftsbild entwickelt, Organisationen wurden umstrukturiert, d. h. Personal entlassen. Man ist ganz dabei, denn andere Firmen haben es auch schon mit Hilfe dieser Beratungsfirma geschafft. Wer Ohren hat zu hören, der hört das Urlied des Dadaismus: Da Da Da…

Ich melde mich“

Verabschiedet sich jemand mit den Worten „ich melde mich“ kann man recht sicher davon ausgehen, dass sich da niemand melden wird. Pflichtet jemand einem anderen bei und sichert ihm Unterstützung zu, dann bedeutet das noch lange nicht, dass man sich darauf verlassen kann. Vereine haben Mühen, Mitglieder zu bekommen, denn viele Menschen wollen sich nicht mehr festlegen. Akademien können ihre Tagungen oft nur provisorisch planen, weil Anmeldungen erst kurz vor einer Tagung getätigt werden und übernachten möchte man auch nicht mehr in fremden Betten.

Dabei oder nicht dabei

Hat sich jemand festgelegt, eine bestimmte Veranstaltung zu besuchen, dann hat er sich auch gegen etwas entschieden. Verabredet sich jemand mit dem einen Freund, kann er nicht gleichzeitig mit einem anderen Freund etwas unternehmen. Sich für etwas zu entscheiden, bedeutet eben auch, Schuld auf sich zu nehmen. Wer für einen Kriegseinsatz votiert, muss gleichzeitig auch sagen, dass Menschen dabei sterben werden. Wer gegen Waffenlieferungen ist, muss auch eingestehen, dass dadurch Arbeitsplätze verloren gehen. Wer den einen die Rente erhöht, schmälert anderen den Lohn. Die Frage, was eine richtige Entscheidung ist, ist hiervon nicht betroffen. Vielmehr kann nur dann eine Handlung gut werden, wenn derjenige, der etwas entscheidet, sich auch der Schuld bewusst ist, die er damit auf sich nimmt oder nehmen könnte. Und die Kraft hierzu erhält er durch seine Verbindlichkeit. Für das jüdisch-christliche Verständnis müsste dieser Zusammenhang eigentlich selbstverständlich sein. Sünde ist danach nicht eine einzelne Tat, sondern die Unverbindlichkeit, das Sichabtrennen von Gott. In einer säkularisierten Welt, die jüdisch-christlich geformt worden ist, wäre zu untersuchen, wie sich dieser Gedanke in eine Welt ohne Gott transformiert hat oder eventuell verloren gegangen ist und sich ganz anders entwickelt hat? Es kann ebenso gefragt werden, ob die heute festgestellte Entwicklung sich nicht aus dem jüdisch-christlichen Glauben als solchem ergibt?

Die Investition ins Dabeisein

Das Judentum und Christentum sind dadurch gekennzeichnet, dass das Dabeisein oft eine lebensgefährliche Investition war und ist. Die Entwicklung hin zu einer Gemeinschaft mit einer Organisation und einem ausgefeilten Regelwerk hat zwar dem Einzelnen Schutz gegeben, doch wurde dies erkauft mit dem Umstand, dass der Einzelne sich dem Gesamten unterwerfen muss. Die Notwendigkeit, Bündnisse zu schließen und untereinander Verbindlichkeiten zu entwickeln, tritt in den Hintergrund. Schuld wird im Sinne einzelner Vergehen verstanden, in Tarife eingeteilt und mit einer „Abgabenordnung“ versehen. Im 20. Jahrhundert führt die Andachtsbeichte zu einem individualisierten Einüben dessen, was spirituell die Gemeinschaft verbindet. Durch das Konzil wird aus dem Bußsakrament eine Versöhnungsangelegenheit. Die Reconciliatio steht im Vordergrund, die Gemeinschaft nimmt den „Sünder“ wieder auf. Etwas provokant könnte man formulieren, der Einzelne zeigt sein Bemühen um Wiederaufnahme in die Gemeinschaft, die Aspekte von Schuld und Buße werden nivelliert. Die gesellschaftliche Entwicklung zeigt ebensolche Mechanismen, das einzelne Gesellschaftsmitglied ist Teil dieser Gemeinschaft, wenn es sich „richtig“ verhält und um die Aufnahme oder Eingliederung bemüht, indem Gemeinschaftsübungen geleistet werden. Das Dabeisein steht im Fokus. Eine Gesellschaft, die immer wieder neu durch Verbindlichkeit hergestellt werden muss, gerät aus dem Blickfeld.

Schuld als Investition

Es gibt nur wenige Modelle, die die Gesellschaft in einer immer wieder neu zu schaffenden Gemeinschaft sehen. Theoretisch klingt dies in der Theorie von der permanenten Revolution bei Leo Trotzki an, praktisch hat dies Fidel Castro auf Kuba umgesetzt und innerhalb der Theologie könnte der Begriff der ecclessia semper reformanda so verstanden werden. Ein Prozess, der eine immer wieder herzustellende „Neugründung“ darstellt, verlangt Schuld als Investition, weil das jetzige Tun aus Sicht der Zukunft falsch oder unvollkommen ist. Wird dieses Wagnis nicht eingegangen, ist auch die Verbindlichkeit zu einem konkreten Anderen weniger notwendig, da das Schuldvergeben nicht als ein direkter sozialer Akt zugesichert werden muss. Vielmehr reicht die Investition in die Anpassung und das Befolgen der Regeln einer Gemeinschaft. Die Kirchen hätten gerade jetzt, da sich Pfarreien auflösen, viele Menschen die Institution aber nicht den Glauben verlassen, eine Chance, zunächst für sich selbst in einen Prozess der „Neugründung“ zu gelangen und damit beispielhaft für die Gesellschaft, Schuld, Verbindlichkeit und Unsicherheiten als positive Werte zu leben. Kirche könnte auf diese Weise einen Nutzen für die Gemeinschaft darstellen und abkehren von dem ermüdenden Jammern über den Bedeutungsverlust in der modernen Gesellschaft.

Thomas Holtbernd

Foto: dpa / picture-alliance

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