Das Reichskonkordat von 1933

Serie Jahrestage der Nazi-Diktatur - Nuntius Pacelli

Eugenio Pacelli, der für den hl. Stuhl das Konkordat unterzeichnete (links)

Am 20. Juli 1933 unterzeichneten der Hl. Stuhl und das Deutsche Reich einen völkerrechtlichen Vertrag, das so genannte Reichskonkordat. Am 10. September 1933 bestätigte das Deutsche Reich den Vertrag. Hat die Kirche dadurch Hitler gutgeheißen?

Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII, unterzeichnete als Vertreter der Kirche am 20. Juli 1933 in Rom das Reichskonkordat zwischen dem von den Nationalsozialisten geführten Deutschland und dem Heiligen Stuhl.

Vorher stimmte die Zentrumspartei dem Ermächtigungsgesetz zu. Josef Pilvousek fragt daher, ob diese plötzliche Kehrtwende des deutschen Episkopats auf den Vatikan zurückzuführen sei, dem damit die Verantwortung für das Ende des politischen und resistenten Katholizismus gegen den Nationalsozialismus zuzuschreiben wäre.

Hat der Vatikan das Zentrum zur Zustimmung des Ermächtigungsgesetzes gedrängt?

Es gibt bei Kirchenhistorikern den Begriff der „Junktimsthese“, wonach dem Ermächti­gungsgesetz am 23. März 1933 durch das Zentrum deshalb zugestimmt wurde und die Rücknahme der Warnung vor dem Nationalsozialismus am 28. März 1933 durch das katholische Episkopat deshalb erfolgte, da es in Rom die Hoffnung gab, dass ein Reichskonkordat die Differenzen zwischen Staat und Kirche löse. Somit wäre Rom tonangebend beim Zustandekommen des Reichskonkordates gewesen. Weil Eugenio Pacelli für dieses immer gekämpft hätte, sei er als Kardinalstaatssekretär maßgeblich daran beteiligt gewesen, von Rom aus die katholische Haltung in der NS-Politik in Richtung eines Konkordates zu lenken. Dazu passe weiterhin, dass Pacelli während einer Audienz bei Pius XI. am 4. März 1933 Hitler als ersten und einzigen Staatsmann beschrieb, der öffentlich gegen den Kommunismus geredet habe. Die kalkulierte Abwägung, den Nationalsozialismus im Kampf gegen den Kommunismus zumindest zu dulden, schien dahinterzustehen.

Jedoch zeigt sich, dass die Entscheidung, vor dem Nationalsozialismus nicht mehr warnen zu müssen, in Deutschland gefallen ist. Nach der Regierungserklärung Hitlers hielten die Bischöfe dies nicht mehr für notwendig. Dennoch wurde die nationalsozialistische Weltanschauung nach wie vor als gefährliche Ideologie betrachtet. Ein Reichskonkordat wird hingegen erst am 8. April 1933 von Nuntius Orsenigo ins Spiel gebracht. Vatikanische Quellen erwähnen ein solches Vorhaben vorher nicht. Die Handlungen im März 1933, die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz und die Zurücknahme der Warnungen vor dem Nationalsozialismus, erfolgten zumindest nicht auf römische Anweisungen.

Warum der Vatikan ein Konkordat mit der nationalsozialistischen Deutschland einging

Laut Franz Xaver Bischof ging es im Konkordat darum, das kirchliche Leben und die Seelsorge zu sichern. Auch wollte man sich vor Verfolgungswellen schützen. Bereits in den zwanziger Jahren gab es Versuche, die Sowjetunion völkerrechtlich anzuerkennen, um so die Seelsorge der katholischen Kirche sichern zu können. Dies hatte jedoch nicht mit Sympathien für totalitäre Systeme zu tun, so belegten auch die Quellen zweifelsfrei, dass Pacelli sich über den menschenverachtenden Charakter des Nationalsozialismus im Klaren war. Die Vertreter der Diplomatie, dessen Kopf Pacelli war, wollten mit dem Konkordat die Seelsorge für die Katholiken sichern, um nicht deren Seelenheil zu gefährden.

Hitlers und Pacellis Sicht des Konkordates

Hitler bewertete dieses Konkordat jedoch, wie er in einem Brief an die NSDAP vom 22 Juli 1933 schrieb, nicht nur als Anerkennung des nationalsozialistischen Staates durch den Vatikan, sondern sogar als eine weltweit sichtbare Bestätigung, dass Nationalsozialismus und Religion keine Feinde wären. Pacelli widersprach dieser Interpretation in zwei Artikeln am 26. und 27. Juli 1933 im L’Osservatore Romano, indem er die moralische Anerkennung des Nationalsozialismus leugnete und das Reichskonkordat lediglich als Anerkennung des Kirchenrechts seitens des nationalsozialistischen Staates betrachtete.

Das Konkordat führte auch zu einem gewissen Schutz der Kirche im Vergleich zu Ländern ohne Konkordate, wie zum Beispiel Österreich.

Das Reichskonkordat erkannte den Nationalsozialismus völkerrechtlich an 

Das Reichskonkordat bedeutete aber auch, wie Josef Pilvousek bemerkt, dass Reserven gegenüber dem Staat abgebaut wurden; den deutschen Katholiken, Bischöfen, Priestern und Laien wurde vermittelt, beim Neuaufbau eines christlich-nationalen Deutschlands nicht abseits stehen zu dürfen. Weiterhin bedeute es auch die völkerrechtliche Anerkennung des NS-Staates.

Praktische Erwägungen gaben den Ausschlag zur Konkordatsunterzeichnung

Michael Feldkamp macht darauf aufmerksam, dass das Reichskonkordat gegen alle Polemiken kein Hitler-, sondern ein Pacelli-Konkordat war. Das Reichskonkordat bildete eine einzigartige völkerrechtliche Verteidigungslinie für die Freiheit der Kirche. Hitler mag mit seinem Konkordat vor allem den außenpolitischen Erfolg gesucht haben. Der Kurie hingegen ging es um das Heil jeder einzelnen Seele für die der Papst wie er gegenüber Engelbert Dollfuß gesagt haben soll, auch mit dem Teufel bereit wäre zu verhandeln.

Der Kulturkampf im 19. Jahrhundert dazu, dass viele Pfarreien unbesetzt blieben und Seelsorge nicht gewährleistet werden konnte. Dies wollte man nicht wiederholen. Die Freiheit für die Seelsorge wurde über moralische Einwände gestellt.

Josef Jung

Literatur:

Bischof, Franz Xaver. Pius XII. und die Moderne, in: Pfister, Peter (Hg.) Eugenio Pacelli – Pius XII. (1876-1958) im Blick der Forschung Vorträge zur Ausstellung „Opus Iustitiae Pax“ in München. Regensburg 2009. S. 41-64.

Chenaux, Philippe. Eine Deutsche Prägung. In: Wolf, Hubert. Eugenio Pacelli als Nuntius in Deutschland. Paderborn 2013, S. 99-109.

Feldkamp, Michael. Pius XII und Deutschland. Göttingen, 2000.

Pilvousek, Josef. Die katholische Kirche vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. In: Kottje. Raymund u.a. (Hrsg.). Ökumenische Kirchengeschichte. Bd. 3. Von der Französischen Revolution bis 1989. Darmstadt, 2007. S. 271-349.

Rudolf Kohlruss an Guido Schmidt vom 13. März 1913 [sic!, real: 1937]. In: Engel-Janosi, Friedrich. Vom Chaos zur Katastrophe. Vatikanische Gespräche 1918 bis 1938. Vornehmlich auf Grund der Berichte der österreichischen Gesandten beim Heiligen Stuhl. Wien, 1971. S. 285.

Scholder, Klaus. The Churches and the Third Reich. Translated by John Bowden. Vol. 1. London, 1987. S.406 Wiedergegeben nach: Cornwell John. Hitler’s Pope, London 1999. S. 130.

Wolf, Hubert. Art.: „Wie der Papst zu Hitlers Machtantritt stand“. In: FAZ vom 28.03.2008, auf: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/historikerstreit-wie-der-papst-zu-hitlers-machtantritt-stand-1511402.html (22. März 2013).

Wolf, Hubert. Katholische Kirchengeschichte im „langen“ 19. Jahrhundert von 1789 bis 1918. In: Kottje. Raymund u.a. (Hrsg.). Ökumenische Kirchengeschichte. Bd. 3. Von der Französischen Revolution bis 1989. Darmstadt, 2007. S. 91-177.

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