THE WALKING DEAD und die Auferstehung der Toten

Seit einigen Jahren erlebt das Genre „Horror-Postapokalypse“ einen Boom. Ob als Comic, Buch, Film, Videospiel oder Serie: Die fiktive Darstellung, wie einige, wenige Menschen nach einer globalen Pandemie oder Katastrophe überleben, die die Menschheit weitgehend vernichtet hat, zieht an. Die Fernsehserie „THE WALKING DEAD“ gehört zu den beliebtesten postapokalyptischen Dystopien. Was wird dargestellt? Was wird ausgesagt? Was macht den Reiz der Serie aus?

US-Fernsehserie «The Walking Dead»

dpa zum Staffelstart von «The Walking Dead» bei RTL II vom 28.10.2013

Augustinische Theologie in Comic und Film

Man mag es vielleicht nicht glauben, aber Augustinus, der größte lateinische Kirchenvater, spielt auch bei heutigen populären Serien und Comics noch eine große Rolle, wenngleich es dem Autor selbst vielleicht gar nicht bewusst ist. Augustinus hat bereits im 4. und 5. Jahrhundert nach Christus philosophische, anthropologische und theologische Grundlagen gelegt, die noch heute die Menschen beschäftigen. Augustinus ist der Theologe der Erbsündentheorie, der aus seiner anthropologischen Betrachtung heraus auf die tiefe Sündenverfallenheit des Menschen schloss, aus die nur Christus erlösen könne. Augustinus selbst sagte: „Es ist seltsam: Die Menschen klagen darüber, dass die Zeiten böse sind. Hört auf mit dem Klagen. Bessert euch selber. Denn nicht die Zeiten sind böse, sondern unser Tun. Und wir sind die Zeit.“

Der Autor der THE WALKING DEAD Comics, Robert Kirkman, drückt das so aus: „Was uns gute Zombiefilme wirklich zeigen, ist, wie kaputt wir doch eigentlich sind.“ Somit haben Kirkman und Augustinus als Ausgangslage eine „böse“, bzw. „kaputte“ menschliche Natur, wobei Augustinus sein Heil in Christus findet. Wie sieht es bei THE WALKING DEAD aus?

Unsere Welt im Jahr 2010 in THE WALKING DEAD

Stell dir vor, du kommst ins Krankenhaus und liegst einige Zeit im Koma. Nachdem du aufgewacht bist, ist nichts mehr so wie es vorher war. Die Welt ist anders und gefährlich geworden. So beginnt der Plot in THE WALKING DEAD. Der Polizist Rick wird angeschossen und im Krankenhaus behandelt, als er aufwacht, ist etwa ein Monat vergangen und die bekannte Welt gibt es nicht mehr. Zuerst weiß er nicht, was los ist. Er verlässt sein Zimmer, auf dem Flur des Krankenhauses sieht es aus, als wäre er in einem Kriegsgebiet. Der Strom ist weitgehend ausgefallen, die Beleuchtung beschädigt, überall Blut, Zerstörung und kein lebender Mensch mehr da. Stattdessen zerfetzte Leichen. Am Ende des Flures sieht er eine Tür, die mit einer Kette geschützt ist, auf der „Don‘t open Dead inside“ – Nicht öffnen, Tote drin – steht. Er nähert sich und sieht, wie von innen versucht wird, die Verriegelung zu lösen, schließlich Hände herausragen und nach ihm greifen. Er verlässt das Krankenhaus, draußen ist der Weg mit Leichen gesäumt.

Es ist heiß, Sommer in Georgia, einem Südstaat in den USA, eigentlich eine lebendige und schöne Jahreszeit im „Peach State“, doch um ihn herum nur Tod und der Geruch von Verwesung. Während er den Vorort von Atlanta, in dem das Krankenhaus liegt, weiter erkundet, entdeckt er nur verwesende aber sich bewegende Menschen, die wie der wandelnde Tod- the walking dead- aussehen. Die Erscheinung ist Programm, denn ihr Ziel, ob als beinlose Kriecher auf dem Boden, oder als Untote auf zwei Beinen, ist immer nur Lebende zu beißen, wodurch sie Tod und Infektion bringen. Den degenerierten Zombies ist alles Menschliche, bis auf ihren verwesenden Körper, genommen. Sie wollen nur ihren Hunger nach frischem Fleisch stillen, wozu sie die überlebenden Menschen beißen und töten.

Auf der Suche nach der Familie und anderen Überlebenden

Rick, der Überlebende, will wissen ob es noch andere gibt, die ebenfalls noch am Leben sind. Was ist mit seiner Familie? Was mit dem Rest der Welt? Er fährt zu seinem Haus, doch dort ist niemand mehr. Der Vorort ist eine Geisterstadt, einzig die Untoten oder „Beißer“ sind noch auf den Beinen. Rick begegnet allerdings noch zwei weiteren Menschen, die überlebt haben. Einen Vater und seinen Sohn. Sie klären ihn in aller Kürze auf, was passiert sei, dass eine Seuche ausbrach, dass viele starben, andere gebissen wurden und nun keiner mehr am Leben sei. Allerdings scheine es in Atlanta eine Art Quarantänezone zu geben. Atlanta gibt Rick neue Hoffnung. Vielleicht sind dort weitere Überlebende, vielleicht auch Ricks Frau und sein Sohn. Er verlässt die Stadt und bricht nach Atlanta auf. Verwesung und Zombies kreuzen seinen Weg. Entweder erschießt er sie oder er weicht aus. Auf einer Farm findet er ein Pferd, mit dem er in die Stadt Atlanta reitet. Nicht eine lebende Menschenseele begegnet ihm. Auf den mehrspurigen Straßen vor Atlanta sind tausende von Autos, leer oder mit Leichen bestückt. Mit seinem Polizeisender sendet er auf allen Kanälen einen Notruf aus, in der Hoffnung, dass ihn jemand hört und antwortet. Doch er ist einsam, umgeben von Todesgefahr. Atlanta selbst entpuppt sich als Todesfalle, sein Pferd wird gebissen, die Stadt wurde von den verwesenden Untoten überrannt, dort gibt es keine Hoffnung, nur den Tod und die Zombieauferstehung.

Doch einige Menschen, die ebenfalls überlebt haben, sind dort auf Nahrungs- und Vorratssuche. Sie retten Rick vor dem sicher geglaubten Zombiebiss und bringen ihn in ihre Zuflucht vor der Stadt.

Das Überleben der Gruppe

Rick gehört nun zu einer Gruppe von Überlebenden, auch seine Frau und sein Sohn sind dort. Seine Freude ist riesig. Jeder hat ihn für tot erklärt. Seine Rückkehr wird aber auch zum Problem. Schnell wird er der Anführer der Gruppe und der bisherige „Tröster“ seiner Frau und „Vaterersatz“, sein Freund Shane, muss nun die Beziehung zu Ricks Frau und seinem Sohn beenden, schweigen und sich hinten anstellen. Die Gruppe, bestehend aus etwa 20 Leuten, ist Zwecks- nicht Freundesgemeinschaft. In der Gruppe ist die Chance zu überleben größer, als alleine. Nach einem Zombieangriff auf ihr Refugium merken sie schnell, dass es dort zu gefährlich wird. Sie ziehen weiter und landen auf einer Farm abseits der Zivilisation. Sie wirkt wie eine heile Welt inmitten der feindlichen Endzeit. Sie lassen sich dort nieder, anfangs jedoch nicht, um dort zu leben, sondern um ein vermisstes Gruppenmitglied zu finden. Auf ihrer Flucht ging im Wald vor der Farm ein junges Mädchen, Sophia, verloren. Ihre Mutter und die Gruppe suchen sie. Wo ist sie? Gebissen wurden und ein Zombie? Tot? Oder lebt sie noch? Niemand weiß es, doch die Hoffnung bleibt. In einer Kapelle betet ihre Mutter vor einem Kruzifix und bittet um ein Zeichen, bittet, dass ihre Tochter noch lebt.

Sie soll ein Zeichen erhalten. Als die Gruppe auf der Farm eine Scheune entdeckt, in der der Farmer Hershel ein Geheimnis versteckt, wird Sophia gefunden. Nachdem die Türen aufgeschlossen worden waren, kommt Sophia hinaus, allerdings nicht wie gewünscht, nicht als junges Mädchen, sondern als Zombie. Hershel dachte, die infizierten Menschen könnten noch geheilt werden und sperrte sie deshalb in die Scheune.  Doch das ist eine leere Hoffnung. Es gibt keine Heilung. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Sophia wurde so zu einem brutalst möglichen Schock. Ihr wird von Rick in den Kopf geschossen, damit die Gefahr beseitigt wird. Diese Szene ist symptomatisch für die ganze Serie: Auf Hoffnung folgt Enttäuschung, Kampf und Niederlage, so verläuft es im Grunde die ganze Zeit über. Einzig bleibt einem die Möglichkeit, das Scheitern hinauszuzögern, aber am Grundzustand ändert dies nichts. Die Welt liegt in den Händen von Zombies, nicht von Nächstenliebe. Es gibt nicht den geringsten Grund, zu hoffen, dass sich dies ändert. Es kommt sogar noch schlimmer. In der Gruppe bricht ein Streit aus über die Führung und Vorgehen und Rick, über die Zukunft der Gruppe, zwischen Ricks Frau und Shane, zwischen dem Farmer Hershel und Rick. Es wird klar: Rick und Shane können nicht zusammen in der Gruppe überleben. Beide wollen Ricks Frau. Auch haben sie andere Strategien um zu überleben.

Rick ist eine gewisse Moral und Menschlichkeit wichtig, Shane nur das Überleben, das ist seine einzige Rechtfertigung, so sagt er, dass er alles, was er getan hat, tat, um zu überleben. In einer Episode töte er auf er Flucht vor den Zombies seinen Gefährten, damit er selbst fliehen kann. Auf der Flucht hat er allerdings auch Medizin für den todkranken Sohn von Rick sichergestellt. Da die Zombies Shanes Gefährten töten und durch das Essen des Leichnams abgelenkt sind, kann Shane die Medizin nehmen. Er sagt nachher, sein Gefährte habe sich für ihn geopfert. In Wirklichkeit war es kaltblütiger Mord. Es gibt kein Gut und Böse, sondern nur Überlebende und Scheiternde. Moral muss sich bei ihm an der Überlebensfähigkeit, nicht am Gutgemeinten messen. Was ist richtiges Handeln – das, was überleben lässt. Eines Nachts will Shane Rick unter einem Vorwand von Der Gruppe weglocken, um ihn zu erschießen. Rick erkennt das, er erklärt Shane, dass er es erkannt habe, ihm verzeihe, Rick wirft seine Waffe weg und nähert sich dem reuigen Shane. Als er bei Shane ist, zückt Rick ein Messer und sticht Shane ab. „Ich musste es tun“, rechtfertigt er sich. Wer ist nun der Böse? Zumindest ist Rick der, der überlebt hat. Shaun ist tot, es offenbart sich aber eine neue Grausamkeit der Seuche: Alle sind infiziert, ob sie Zombies sind, oder nicht. Wer tot ist, ist daher nicht einfach tot, sondern steht als untoter Zombie auf. So auch Shaun. Nur ein Schuss ins Hirn bringt ihn endgültig außer Gefecht.

Schließlich wird die Farm von Zombies überrannt und die Gruppe muss wieder fliehen. Einige sterben bei der Flucht, oder werden von der Gruppe getrennt. Mit neuen Mitgliedern wie dem Farmer Hershel und seiner Familie und ohne einige Zurückgebliebende oder gestorbene alte Gruppenangehörige, geht es nun in die nächste Etappe des Überlebenskampfes.

Die Faszination der Serie THE WALKING DEAD

Es geht bei The Walking Dead nicht so sehr um das Töten von Zombies, als um die Gruppe und ihre Mitglieder in einer postapokalyptischen Welt. Wie überlebt man in so einer Welt? Was wird aus Liebe? Was aus Hoffnung? Was wird aus Menschlichkeit, Moral und Freundschaft? Was macht es mit den Menschen, so zu leben, wie verändern sie sich, wer stirbt, wer bleibt am Leben? Kann man in so einer Welt noch glauben? Neben dem anziehenden des Horros, das The Walking Dead sicherlich hat, scheinen es vor allem die Schicksale und Geschichten der Gruppe und der einzelnen Charaktere zu sein, die das faszinierende an der Serie ausmachen. The Walking Dead ist zwar keine Soap wie GZSZ oder VERBOTENE LIEBE, es geht auch nicht um die Frage, was tun, wenn man den Job verliert, aus der Wohnung fliegt, oder Schulden hat, aber die ganz basalen menschlichen Fragen und Bedürfnisse, wenn auch in einer viel existenzielleren Ebene, werden gelebt: Wie gehe ich mit Liebe um, wer bedeutet mir etwas, wem kann man vertrauen, wie das Leben meistern, welche Lügen und Intrigen gibt es? Wenn die soziale Kälte zunimmt oder auch die Langeweile, scheinen Extremdarstellungen anzuziehen – entweder weil sie versteckt Vertrautes wecken oder ablenken.

Zeigt THE WALKING DEAD eine  Welt ohne Hoffnung?

Hershel, der Religiöseste in der Gruppe, entgegnet einmal Ricks Aussage, dass er doch ein Mann Gottes sei und mehr Glauben haben solle:

„Als Christus uns die Auferstehung der Toten versprach, da dachte ich, er hätte damit was anderes gemeint.“ – Hershel, The Walking Dead, Staffel 3

Die Auferstehung als Zombie blüht ja jedem einzelnen von ihnen, ob nach einem Biss oder dem natürlichen Tod – alle sind infiziert. Heißt das The Walking Dead will zeigen, dass Glaube und Religion falsche Hoffnungen sind? Zeigt Walking Dead in der dystopischen Postapokalypse, dass Glaube, Hoffnung und Liebe letztlich ins Leere laufen? Dass es keinen Gott gibt, der sorgt und liebt, sondern nur ein Universum der Gleichgültigkeit, in dem es nicht zählt, ob man grausam oder menschlich ist, sondern nur, dass man überlebt? Ist es eine Serie, die Gott als Illusion darstellen will? Die drastische Darstellung von Nietzsches Konsequenz des Gottestodes? Diese Fragen lassen sich nicht einfach beantworten. Sicher ist, dass eine Naivität in der Welt von The Walking Dead unweigerlich zum Tod führen würde. Interessant an dieser Serie ist jedoch das in letzter Zeit medial immer häufiger vorkommende Phänomen der Hoffnung, die keine Erfüllung findet. Nietzsche sagt vergleichend dazu am Beispiel des Hungers:

„Der Hunger beweist nicht, dass es zu seiner Sättigung eine Speise gibt, aber er wünscht die Speise.“ Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches

Das ist Tragik ad infinitum, eine Niederlage ohne Ende. Mit Blick auf die verhungerten Menschen dieser Erde erweist sich zumindest, dass nicht alle Hungernden Nahrung erhalten. In Afrika ist dies jeden Tag Wirklichkeit. Lässt sich diese Weisheit der Welt jedoch auch auf die letzte Hoffnung, die himmlische Hoffnung, übertragen? Ist diese Hoffnung eine ins Leere laufende Sehnsucht, wie der Hunger, der keine Nahrung findet? Hunger zeigt jedoch, dass er sich nach etwas sehnt, was zwar im konkreten Fall nicht gegeben sein mag: Nahrung, was aber potenziell möglich und da ist. Es wird also im Verlangen nach Nahrung nicht nach etwas grundsätzlich Utopischem gehungert, sondern das Leben Erhaltende wird angezeigt. Im Hunger ist eine Wahrheit vorhanden: „Iss, damit du leben kannst.“ Nahrung ist grundsätzlich vorhanden. Warum also sollte es mit grundsätzlicher Hoffnung so sein, dass sie ins Leere läuft?

Im Absurden mag es möglich sein, dass es keine letzte Erfüllung  und Gerechtigkeit geben muss. Jedoch braucht auch das Absurde gewisse Regeln und Gesetzmäßigkeiten, im tiefen Kern bejaht das Absurde sogar die Hoffnungssuche des Menschen, denn ohne eine Ahnung von Hoffnung und Glückseligkeit kann man nichts als absurd bewerten. Was The Walking Dead im Kern will und tut, so sagt es auch dessen Autor, Robert Kirkman, ist zu zeigen wie Menschen sind. Und die Menschen bleiben trotz allem auf Hoffnung und Ziele ausgerichtet. Damit bleibt auch die letzte Hoffnung, die auf die Auferstehung der Toten – nicht zum Zombie, sondern zum ewigen Leben – als Möglichkeit bestehen.

Josef Jung

Links und Literatur:

Homepage der Serie: http://www.amctv.com/shows/the-walking-dead

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=p3E-RNY_am8

Nietzsche, Friedrich, Menschliches, Allzumenschliches, Köln 2006.

2 Gedanken zu “THE WALKING DEAD und die Auferstehung der Toten

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