The Last of Us: Left Behind – Gibt es sinnvolles Leben im Angesicht des Abgrunds?

In „The Last of Us“ zeigt sich wie in kaum einem anderen Videospiel wie moderne Lebensinterpretationen aussehen. Im Alten Testament wird Hiob, der leidende Gerechte, belohnt und erhällt alles zurück. Im Neuen Testament folgt auf die Kreuzigung Jesu die Auferstehung. Am Ende siegen also Leben und Gerechtigkeit. Doch ist das noch die heutige Sichtweise über Leben und Glauben?

E3 Expo (Electronic Entertainment Expo) in Los Angeles

Foto: dpa /picture alliance

Ellie und Riley

„Left Behind“ thematisiert vor allem die Beziehung zwischen der 14-jährigen Ellie und der 15-jährigen Riley. Der zweite Erzählstrang des DLCs, in dem Ellie Medizin für Joel besorgt, wird hier wegen der fehlenden Relevanz nicht erwähnt. Die Geschichte zwischen Riley und Ellie in „Left Behind“ spielt zeitlich einige Tage bevor Joel Ellie im Spiel „The Last of Us“ kennenlernt. Es handelt sich also auch im DLC um eine durch eine globalen Pilz-Epidemie vollkommen veränderte und stark entvölkerte Welt. Im Jahr 2013 bricht eine globale Seuche aus, die die meisten Menschen tötet oder zu Zombies macht, die wie wilde Raubtiere Menschen jagen um sie ebenfalls mit der Seuche zu infizieren. Der Cordyceps-Pilz steuert die Gehirne der infizierten Menschen. Left Behind spielt im Jahr 2033, somit gut zwanzig Jahre nachdem der Pilz durch Mutation Menschen befallen konnte. Ellie und Riley kennen also nur die postapokalyptische Welt, in der es vor allem um Überlebenskämpfe, tragische Verluste und hoffnungsloses Durchhalten geht.

Das normale unbeschwerte Leben ist beiden Mädchen unbekannt. Ellie ist eine Waise und wächst in einer Militärakademie, einer Art unter militärischem Drill stehendem Internat, auf. Dort lernt sie zu kämpfen, gegen Zombies und vermeintliche Terroristen. Rileys Vater hat sich infiziert und Rileys Mutter getötet, woraufhin Riley ihren Vater tötet. Die beiden sind also Überlebende im wahrsten Sinne des Wortes und leben in der Quarantänezone Boston. Riley geht eines Tages weg, um sich den Fireflies, einer Rebellenorganisation, anzuschließen. Für das Militär ist dies eine Terroristenorganisation. Sie selbst sehen sich als Freiheitskämpfer. Riley kommt wieder, um Ellie wiederzusehen und mit ihr einen unbeschwerten Tag in einem ehemaligen Einkaufszentrum zu verbringen.

Unbeschwertheit im Angesicht der Bedrohung

Ellie und Riley schleichen sich ins ehemalige Einkaufszentrum, das wegen des Seuchenausbruchs seit Jahren außer Betrieb ist und wegen der Infektionsgefahr nicht betreten werden darf. Dort verbringen sie einige unbeschwerte Stunden und dürfen einfach nur jung sein. Sie setzen sich Halloweenmasken auf, stellen sich vor wie sie an den Spielautomaten zocken würden, machen Fotos von sich und spielen mit Wasserpistolen. Für einige Stunden gibt es keine Zombies, keine Gefahr, keine Angst und keine Traumata, man darf einfach Freundschaft leben. Eine der stärksten Szenen ist die auf dem Karussell. Ein Moment der Schönheit in der hässlichen Endzeit. Das Karussell läuft aber nur kurz und Riley ruft als es stoppt sehnsüchtig: „live“ – lebe. Das Schöne wird immer wieder abgebrochen.

Romantik in Todesgefahr

Riley sagt zu Ellie, dass sie gekommen ist, um Ellie mitzuteilen, dass sie sich den Fireflies angeschlossen hat und dauerhaft weggehen wird. Ellie sei die Einzige, die dies verhindern könne. Ellie will Rileys Traum von den Firelies zunächst nicht im Wege stehen und sagt, dass Riley gehen solle. Schon wieder wäre damit ein Verlust, der so typisch in diesem Spiel ist, zu verkraften. Sie gelangen in eine Musikabteilung, in der eine Tanzfläche ist. Sie machen Musik an und tanzen. Ellie wird in einem Moment emotional und sagt zu Riley: „Don’t go“ und küsst Riley auf den Mund.

Die Frage, ob es sich dabei um eine lesbische Szene handelt, die Autoren gesellschaftliche Themen aufgreifen, scheint mir überflüssig zu sein. In Left Behind findet man eine Welt vor, die vollkommen vor die Hunde geht. Nichts ist hier noch unbeschwert, nicht das Leben und nicht die Liebe. Ellie hat nur Riley und will irgendwie ihre Verbundenheit ausdrücken. Es geht um Verlustängste, Freundschaft und Liebessehnsucht im Angesicht einer hoffnungslosen Welt. Nach dem Kuss kommen die Zombies. Vielleicht von der Musik angelockt, sind sie nun da um Ellie und Riley zu infizieren. Nun heißt es: Lauft um euer Leben.

Ja sagen im Abgrund

In dieser Welt gibt es nun mal keinen lieben Gott, der im letzten die Sachen zum Guten führt. So Müssen Ellie und Riley alleine um ihr Überleben kämpfen. Sie entkommen den anstürmenden Zombies recht lange, doch dann rutscht Ellie aus und wird von einem Zombie gepackt. Riley eilt Ellie zu Hilfe und erschießt den Zombie. Später hilft Ellie dann auch Riley. Doch es ist umsonst. Ein Zombie beißt Ellie als Riley ihr hilft und Riley wird ebenfalls gebissen. Die Zombies sind zwar tot, doch der Kampf ist dennoch verloren. Nur noch wenige Stunden und beide werden ebenfalls Zombies sein. Die Situation wandelt sich in „eine Niederlage ohne Ende“ (Albert Camus, die Pest). Riley nennt nun Möglichkeiten des Umgangs: „The way I see it, we got two options. Option one: We take the easy way out. It’s quick and painless. I’m not a fan of option one. Two: We fight.“ Ellie erwidert zurecht: „fight for what? we gonna turn into one of these things“.

Um Heilung jedenfalls kann nicht gekämpft werden. Aber es geht Riley um etwas anderes. Um eine Grundhaltung dem Leben gegenüber, das weder Hoffnung noch Erlösung bietet. Es gibt keine Wende zur Rettung, aber eine Wende zum Annehmen des Lebens: Riley sagt in einem abschließenden Statement:

„There are million ways we should have died before today. And a million ways we can die before tomorrow. But we fight… for every second we get to spend with each other. Whether it is two minutes or two days. We don’t give that up. I don’t wanna give that up. My vote… Let’s just wait it out. You know we can be all poetic and just lose our minds together.“ Ellies letzte Frage in diesem Spiel klingt verloren und ängstlich: „What’s option three?“ – „Sorry, c’mon, Let’s get outta here.“

Nun gehen die beiden fort, in der verzweifelten Vorahnung zu sterben und zu mutieren. Wer wird zuerst sterben? Wer wird wen angreifen? Niemand weiß es. Sie gehen in den Tod. Musik wird eingespielt. Der Bildschirm wird schwarz. Das Videospiel ist zu Ende.

Kommen hier die Philosophien Camus‘ und Nietzsches zum Tragen?

Das Ende zeigt, wie ich meine, viel von dem, was Camus in seinem Roman „die Pest“ ähnlich ausdrückt. In diesem Roman  gibt  es auch eine Seuche, die Beulenpest, die allerdings nur eine Stadt, nicht jedoch die ganze Welt lahmlegt. Es gibt keinen endgültigen Sieg, dennoch aber eine Haltung zur Katastrophe, aus derentwillen der fiktionale Arzt Rieux seinen Bericht anfertigt: „um für diese Pestkranken Zeugnis abzulegen, damit wenigstens eine Erinnerung an die Ungerechtigkeit und Gewalt blieb, die ihnen angetan worden war, und um einfach zu sagen, was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“ Dem Arzt selbst ist nämlich bewusst, dass der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, „dass er jahrzehntelang in den Möbeln und der Wäsche schlummern kann, dass er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

Nietzsche drückt das in „Also sprach Zarathustra“ so aus: „Ich aber bin ein Segnender und ein Ja-Sager, wenn du nur um mich bist, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! – in alle Abgründe trage ich da noch mein segnendes Ja-sagen.“ Trotz alledem und in alledem nicht untergehen sondern den Abgrund aushalten, ihn vielleicht sogar besingen und in der letzten Hoffnungslosigkeit dennoch nicht verzweifeln, sondern das Beste draus machen ohne falsche Vertröstung. Das ist nach Nietzsche und Camus die Anleitung zum Glück. Man entscheidet sich das Unabwendbare bestmöglich zu leben. Das ist deren Erhabenheit über die Tragik. Diese wird dadurch jedoch nicht bezwungen oder überwunden, sondern nur durchlebt. Einen Ausweg gibt es nicht.

Mit christlicher Theologie gesprochen: Die Hoffnung bleibt am Karfreitag stehen, einen Ostersonntag gibt es nicht. Mit dem Buch Hiob gesprochen: THE LAST OF US: LEFT BEHIND zeigt leidende Gerechte ohne „Happy End“. Es ist nur noch entscheidend, wie man am Kreuz hängt. Die Tragik bleibt jedoch unüberwindlich und unerlöst. Das Spiel zeigt somit in überspitzer Weise die Hoffnungslosigkeit einer reinen säkularen Welt. Es geht nicht mehr darum, an das ewige Leben und Auferstehung zu glauben, entscheidend ist, wie man mit seiner Existenz zum Tode umgehen kann.

Josef Jung

Links:

Das Computerspiel „The Last of Us

Trailer zum Spiel

Foto und Homepage

Bewertung des Spiels

Literatur:

Camus, Albert, Die Pest, Berlin 1998.

Nietzsche, Friedrich, Wilhelm, Also sprach Zarathustra, Hamburg 2011.

3 Gedanken zu “The Last of Us: Left Behind – Gibt es sinnvolles Leben im Angesicht des Abgrunds?

  1. Pingback: Ebola-Ausbruch in Afrika und THE LAST OF US. Wie Videospiele Epidemien thematisieren | hinsehen.net

  2. Pingback: „’Die Pest‘ war für uns eine Art Bibel für die humanitäre Arbeit“: Camus‘ Roman als Motivation zur Menschlichkeit | hinsehen.net

  3. Pingback: THE LAST OF US: Was macht eine Pandemie aus Menschen, Moral und Glaube? | hinsehen.net

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s