Der Trugschluss der Digitalisten

Foto: dpa / picture-allianceEs gibt das Internet, es gibt das Smartphone, in einer kurzen Zeitspanne hat sich ein weltweites Netz der Kommunikation um den ganzen Erdkreis gebildet und ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die Digitalisten bestimmen die öffentliche Meinung und das gesellschaftliche Leben. Diskussionen um das Für und Wider beziehen sich auf die Fragen von Nutzen und Schaden, die die neuen Techniken haben könnten. Diese Auseinandersetzung wird vornehmlich bezogen auf die Inhalte geführt, die ohne Zensur abgerufen werden können. Der momentan wichtigste Diskurs ist die Frage nach der Sicherheit des Users und der Privatsphäre.

Profilerstellung

Geheimdienste sammeln weltweit Daten in unglaublichen Mengen und werten diese aus. Im Prinzip ist jeder Schritt überwacht und durch die Vernetzung der zahlreichen digitalen Informationserzeuger kann ein sehr genaues Profil von jedem Nutzer erzeugt werden. Ferner inzwischen normal, jedoch kaum kritisch wahrgenommen, ist die individuell angepasste Werbung. Auf dem Bildschirm des Users erscheinen genau für die Produkte oder Dienstleistungen Werbebanner, die er gegooglet oder bei amazon u. a. gesucht hat. Amazon hat Konzepte für einen Kauf vor dem Kauf entwickelt. Die Algorithmen sind mittlerweile so gut, dass ein Anbieter aus dem bisherigen Such- und Kaufverhalten äußerst exakt voraussagen kann, was als Nächstes bestellt wird. Die Ware ist bereits unterwegs, bevor sie bestellt wurde. Der Kunde hält die schnelle Lieferung für eine Perfektion der Logistik, in Wirklichkeit ist es eine Kombination aus guter Voraussage und Manipulation.

Die Faszination

In einer Welt, die fast vollständig von technischen Hilfsmitteln durchdrungen ist, sind die Menschen fasziniert von den unendlichen Anwendungsmöglichkeiten des Internets. Kontakte können ohne Zeitverluste, wie noch bei einem Brief, gepflegt werden. 24 Stunden am Tag sind die Internetportale geöffnet, spontan und ohne die Begrenzung durch eine Ladenöffnungszeit können Waren bestellt werden. Facebook bietet die Plattform für jeden, um sich in irgendeiner Weise und mit irgendetwas zu jeder Zeit an eine Öffentlichkeit zu wenden. Wer etwas auf sich hält, ist bei Facebook vertreten, hat eine eigene Homepage oder einen Blog. Karrieren scheinen über youtube beginnen zu können, ein Marketing ohne Facebook, Twitter, Xing usw. ist gar nicht mehr vorstellbar. Es dürfte mittlerweile Menschen geben, die ohne Internet und Smartphone nicht mehr in der Lage sind, eine Pizza in der Pizzeria nebenan zu bestellen und abzuholen.

Die Ressource Aufmerksamkeit

Analysiert man, wodurch Menschen berühmt und / oder reich geworden sind, dann wird man sehr schnell feststellen, dass es vor allem die Reduzierung ihrer Aufmerksamkeit war. Diese Menschen haben sich auf eine Sache konzentriert. Oft kümmert sie nicht, was andere denken, diese Menschen wissen von der Welt um sie herum relativ wenig. Auf diese Weise können sie Ihre Aufmerksamkeit ganz auf ihr Vorhaben richten und auf einen begrenzten Ausschnitt der Realität. Die erfolgreichen Menschen haben sich von Meinungen, Vorstellungen u. ä. nicht davon abbringen lassen, etwas, was als unrealistisch gedeutet wurde, als Realität ganz und gar anzunehmen. Mit dem Internet haben Millionen nicht diejenigen gemacht, die es lediglich nutzen, sondern die, die eine Idee für die Nutzung hatten, also bei der Oberfläche blieben. Weil jedoch das Internet mit der Fantasie eines allmächtigen Instruments verbunden ist, entsteht die Annahme, man müsse die Instrumente nur richtig gebrauchen und dann käme der Erfolg. Das Internet absorbiert die Energie, die man für die Fokussierung auf sein Anliegen benötigt. Betriebe haben daher schon Regeln entwickelt, wie mit Emails umzugehen ist und wie die Flut der Emails begrenzt werden kann.

Die Realitätsfalle

Wie auch immer die Möglichkeiten bewertet werden, welche das Internet bietet, so muss zunächst einmal festgestellt werden, dass es sich um ein Instrument handelt. Der Trugschluss der Digitalisten besteht darin, dass sie das weltweite Web als Realität annehmen. User halten das, was sie im Internet machen, für die Wirklichkeit. Das Geschehen findet jedoch hinter der Oberfläche statt, die einzig wirkliche Realität, die ein User hat, ist die Tastatur, der Bildschirm und der Rechner. Weil im Gegensatz z. B. zu einem Buch die Fantasie oder das hinter der Oberfläche Liegende so realitätsnah sind, verschmelzen die Ebenen. Was eigentlich metaphysisch ist, weil es hinter dem konkret Erfahrbaren liegt, wird mit dem Konkreten gleichgesetzt. Dies ist auch deshalb möglich, weil das digital Metaphysische erklärt werden kann. Es ist nicht wie in den Religionen etwas tatsächlich dem menschlichen Verstand nicht Zugängliches. Die Erkenntnis, dass auch dunkle Mächte oder gefallene Engel der digitalen Götterwelt hinter der Oberfläche wirken, hat die Vorstellung vom digitalen Paradies ein wenig angekratzt. Befürworter und Gegner der digitalen Welten verbleiben jedoch in der Vermengung der Realitäten, wollen Regeln und Gesetze schaffen, um die digitalen Teufel in ihre Schranken zu weisen.

Metaphysik in Digital

Das Internet ist, wenn man mit der Brille eines religiös Begabten darüber schaut, die Erfüllung eines Menschheitstraums. Die digitalen Welten sind vom Menschen geschaffen, ganz nach seinem Sinn und ohne Grenzen, die die „normale“ Welt den Menschen aufbürdet. Es stören keine statischen Begrenzungen wie beim Turmbau zu Babel, es hindern keine sprachlichen Barrieren, da Schrift und Sprache durch Bilder fast vollständig ersetzt werden können. Und ohne Digitalisierung ist das moderne Leben fast gar nicht mehr möglich und vorstellbar. Die Regeln der Digitalisierung bestimmen das Denken und Sprechen des modernen Menschen. Eine Trennung zwischen Realität und Metaphysik scheint im Alltagsleben, das durch die digitalen Medien bestimmt ist, gar nicht mehr vollzogen zu werden. Es ist insofern zu fragen, wie überhaupt über etwas gesprochen werden kann, das als Möglichkeit jenseits der Zugriffsmöglichkeiten liegt, wenn durch das Internet die Illusion erzeugt wird, dass alles zugänglich ist und es eine konkrete Realität gar nicht mehr gibt. Gott ist keine Projektion des Menschen, der Mensch ist Gott, weil er in der virtuellen Welt alles schaffen kann. Es braucht keine religiöse Sprache mehr. Bedienen sich Neo-Atheisten und Gläubige noch derselben Sprache, so sprechen die Digitalisten gar nicht mehr, sie geben Befehle ein. Ein Gott, der aus den digitalen Welten entsteigen könnte, ist nicht denkbar, da Realität und Metaphysik verschmolzen sind und der Mensch die Realität bestimmt. Ein Gott stammt nicht von dieser Welt, hat aber keine Möglichkeit mehr, aus einer anderen Welt hinabzusteigen, wenn durch die Verquickung von Realität und Metaphysik nur eine Welt in den Köpfen der Menschen existiert.

Spuren im Sand

Der Mensch wird auf Gott nicht in der digitalen Welt stoßen. Wahrscheinlicher ist, dass der Mensch auf sich trifft. Wie die Spuren am Strand, die nicht als die eigenen erkannt werden, sondern Nachdenklichkeit auslösen über die Möglichkeit eines Fremden, muss der Mensch auf etwas stoßen, das er als Teil oder Handlung von sich vergessen hat. Im Gegensatz zum digitalen Netz, das nichts vergisst, gehört das Vergessen zur religiösen Begabung und ist eine Form der religiösen Sprache.

Thomas Holtbernd

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