Wie aus Opfern Täter werden am Beispiel des Films „X-Men: Erste Entscheidung“

Die „X-Men“ Reihe, die aus den gleichnamigen MARVEL-Comics hervorgeht, zeigt wie kaum eine andere Filmreihe aus Hollywood die Stärken und Schwächen des Menschen. Die Welt dieser Filme wird von Mutanten, „X-Men“ genannt, bevölkert, die entweder für oder gegen die Menschen kämpfen. Ihre helle oder dunkle Seite fiel jedoch nicht vom Himmel, auch ist sie keine genetische Disposition, wie die Filme deutlich machen, sondern Entscheidung aus Biografie. Eine Annäherung wie der „X-Man“ „Magneto“ zum Bösewicht wurde.

Foto: dpa / picture-alliance

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„Magneto“ als „X-Men“

„Magneto“, benannt nach seiner Fähigkeit wie ein Magnet alles Metallische an sich zu ziehen, zu verbiegen und durch die Luft zu jagen, hat im MARVEL Comic den Geburtsnamen Max Eisenhardt, den er später in Erik Lehnsherr umändert. Im Film hat er von Anfang an den Namen Erik Lehnsherr. Er wird Ende der 20er Jahre in Deutschland als Sohn einer deutschen jüdischen Familie geboren. Während der Nazizeit landet er als Kind mit seiner Familie im Konzentrationslager Auschwitz. Hier beginnt seine filmische Biografie. Im Konzentrationslager fällt auf, dass er besondere Kräfte hat.

Der Nazi-Arzt Sebastian Shaw, der auch ein Mutant ist, merkt, dass Eriks Fähigkeiten, Metalle zu kontrollieren, vor allem durch Aggressionen geweckt werden. So lässt er ihn in seinem Büro erscheinen und im Nebenzimmer Eriks Mutter vorladen. Erik soll eine Münze verbiegen, was er jedoch nicht schafft. Daraufhin lässt der Nazi-Arzt Eriks Mutter töten, während Erik gezwungen ist zuzusehen. Die dadurch geweckten Aggressionen und die Wut führen Erik dazu, dass seine elektromagnetische Fähigkeiten wie ein Vulkan ausbrechen. Erik zerstört das Büro und tötet dabei zwei Angestellte. Amerikanischen Spezialeinheiten befreien ihn aus dem KZ.

Rache an dem Arzt des Konzentrationslagers

Erwachsen geworden setzt sich Magneto das Ziel den Nazi-Arzt Shaw zu finden und zu töten. Zuerst reist er nach Südamerika, trifft dort jedoch nur auf andere Altnazis. Zunächst halten diese Erik für einen der ihren und begrüßen ihn freundlich. Dann zeigt er den Nazis sein Brandmal, seine KZ-Häftlingsnummer. Die Stimmung kippt und Erik tötet mithilfe seiner Fähigkeiten die ehemaligen Nazischergen. Die Spuren führen ihn in die Staaten. Während der 60er Jahre kommt er in den USA an und lernt dort eine X-Men Ausbildungseinrichtung kennen und dessen Leiter, den X-Man Prof. Charles Xavier. Prof. Xavier kann die Gedanken und Erinnerungen anderer zu lesen. Erik ist seelisch tief gebrochen und gekränkt, getrieben davon seinen Rachefeldzug zu vollenden. Er fällt jedoch nicht nur durch chronische Aggression auf, sondern auch durch Empathie für Mitmutanten. Erik ermutigt immer jeden Mutanten, sich so zu akzeptieren, wie er oder sie ist.

Als Prof. Xavier Eriks Gedanken liest, erfährt Prof. Xavier, welche traumatischen Erlebnisse Erik hatte und versucht ihm zu helfen. Prof. Xavier sagt zu ihm: „Ich habe deine Qualen gespürt, ich kann dir helfen.“ Später trainiert Prof. Xavier mit Erik dessen Mutantenfähigkeiten. Erik kann zunächst keinen Erfolg vorweisen. Prof. Xavier liest erneut in Eriks Gedanken, es läuft sowohl ihm als auch Erik eine Träne über die Wange und Prof. Xavier sagt: „Ich hatte Zugang zur hellsten Stelle all Deiner Erinnerungen. Das ist eine wunderschöne Erinnerung …. In Dir steckt so viel mehr als Du ahnst. Nicht nur Schmerz und Wut. Da ist auch Gutes in Dir, ich hab’s gefühlt. Und wenn Du Dir das zu Nutze machst, wirst Du über eine Macht verfügen, wie niemand sonst. Nicht einmal ich. Also was ist, noch ein Versuch?“ Erik kann diesmal seine Fähigkeiten erfolgreich einsetzen.

Dennoch, Erik bleibt ein zutiefst gebrochener Mensch. Später spielen sie Schach und geraten in eine Diskussion über die Menschen. Prof. Xavier sagt zu ihm: „Es liegt an uns, die besseren Menschen zu sein.“ Erik glaubt jedoch nicht an die Menschen. Erik will Rache und Shaw töten, das ist sein Ziel von Anfang an, deshalb ist er in den USA. Prof. Xavier sagt daraufhin: „Erik, hör mir zu, hör mir bitte genau zu, mein Freund: Shaw zu töten, wird Dir keinen Frieden bringen.“ Eriks Replik ist eine Offenbarung: „Friede war nie eine Option.“

Dennoch bleibt Erik bei Prof. Xaviers „X-Men“ Agenten, die im Auftrag der CIA gegen die Sowjetunion kämpfen. Während der Kubakrise entdeckt Erik den ehemaligen Nazi-Arzt Shaw, der jetzt als Mutant für die Sowjetunion arbeitet und dafür kämpft, den Dritten Weltkrieg vom Zaume zu brechen. Shaw hat einen besonderen Helm auf, um sich vor den telepathischen Kräften von Prof. Xavier abzuschirmen und zu schützen. Erik gelingt es, Shaw mit dessen eigener Nazimünze zu töten. Erik setzt sich nach Shaws Tod dessen Helm auf. Nun ist er auch vor Prof. Xaviers Telepathie geschützt, durch den Helm seines Todfeindes. Diesen Helm wird Erik nie wieder absetzen. Der Helm ist sehr markant, so dass Erik nun äußerlich Shawn ähnelt.

Eriks finale Entscheidung zum Bösen

Die Mutanten befinden sich mittlerweile auf einer Insel. Erik hält eine kurze Ansprache vor den anderen Mutanten und sagt, dass die Menschen die wahren Feinde seien. Die Menschen fühlen sich schon länger durch die Mutanten verunsichert und verängstigt. Sie feuern schließlich mit U-Booten Raketen auf die Insel ab. Erik kann die Raketen durch seine Fähigkeiten aufhalten und lenkt sie zurück in Richtung der U-Boote. Prof. Xavier will ihn daran hindern, indem er sagt: „Erik, du hast selbst gesagt, dass wir die besseren Menschen sind, das ist der Moment es zu beweisen. […] Sie befolgen nur Befehle.“ Erik erwidert: „Mein Schicksal lag einst in den Händen von Männern, die nur Befehle befolgten. Niemals wieder.“ Erik lenkt die Raketen zurück in Richtung der U-Boote, kann jedoch dabei aufgehalten werden, die U-Boote zu vernichten und die Menschen zu töten, da andere Mutanten ihn daran hindern, die Raketen zu kontrollieren. Dabei wird Prof. Xavier angeschossen und ist in Folge dessen querschnittsgelähmt.

Der Kampf gegen die Menschen

Erik gründet nun seine eigene Organisation, die sich gegen die Menschen richtet. Er hält erneut eine Ansprache: „Die Gesellschaft wird uns nicht akzeptieren. Wir bilden unsere eigene. Die Menschen haben ihre Chance vertan. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir unsere nutzen. Wer ist auf meiner Seite? Das Versteckspiel ist vorbei.“ Einige der X-Men schließen sich ihm an. Besonders die, die durch Enttäuschungen und geringes Selbstwertgefühl geprägt sind. In Eriks Organisation finden sie eine Art Heimat. Später nennt sich Erik Magneto und seine Organisation benennt er „Bruderschaft der bösen Mutanten“, die später in „Bruderschaft der Mutanten“ umbenannt wird. Shawns frühere Mitglieder werden Teil von Magnetos Bruderschaft. Die Bruderschaft führt immer wieder Terroranschläge gegen die Menschen durch. Magneto versucht, alle Mutanten in seinen Kampf einzubeziehen. Das Opfer von Gewalt ist nun selbst zum Täter geworden. Seine Gebrochenheit ist sein Antrieb. Sein Ziel: Alle, die nicht auf seiner Seite sind zu töten.

Was Der Film zeigt: Der gebrochene Mensch

In der heutigen Zeit kommt es oft vor, sich Verbrechern biografisch bzw. psychologisch zu nähern. Dies führt häufig zu der Einsicht, dass bei den meisten chronischen Verbrechern existenzielle Enttäuschungen vorliegen, in denen nicht nur falsche Vorstellungen zerbrochen, sondern Erschütterungen vorgekommen sind, die gegen die Würde und das Wesen des Menschen gingen, das Grundvertrauen erschütterten, tiefe Kränkungen erzeugten und keine Heilung aufweisen, so letztlich alle künftigen Gräueltaten in sich tragen können. Einer der grausamsten Verbrecher der letzten Jahrzehnte, der Triebtäter Jürgen Bartsch, schrieb in einem Brief an seinen Anwalt Heinz Möller (1966) dazu Folgendes: „Wir alle wissen es: Ein Kind braucht Liebe! […] Schon als kleiner Junge wußte ich um diese Dinge, und das Fehlen des wirklichen Geborgenseins hat mir immer sehr weh getan.“ (Paul Moor, Jürgen Bartsch).

In der Bibel geschieht der erste Mord aus gekränkter Eitelkeit und Neid: Kains Opfer wird von Gott nicht anerkannt, wohl aber das von Abel, so dass Kain seinen Bruder Abel ermordet. Wird die Gebrochenheit im Menschen geweckt, weiß niemand, wozu es führen kann. Einige finden Versöhnung und inneren Frieden, andere hingegen können ihre Vergangenheit und Erlebnisse nicht hinter sich lassen und gehen den Weg der Dunkelheit. Was der Mensch ist und sein kann, dies zeigen die X-Men Filme anhand von fiktiven Mutanten.

Josef Jung

Foto: dpa / picture-alliance

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