Die Ent-Hierarchisierung religiöser Sprache

Foto: dpa / picture-allianceVeränderungen in der Gesellschaft, in Kultur und Geistesleben scheinen bei einem ersten Blick in den letzten Jahren in rasendem Tempo und die bisherigen Verhältnisse stark umwälzenden Schritten vonstattengegangen zu sein. Fernsehen, Telefon und das Internet haben vor allem die Beziehung unter den Menschen verändert. Kontakte zu anderen Menschen sind eine Art von Konsum geworden, Vernetzungen mit einer großen Anzahl an Personen sind ohne große Mühen möglich. Auf der anderen Seite steht eine Singleisierung. Vor allem Großstadtbewohner leben allein in ihren Wohnungen, die Zahl der traditionellen Familien nimmt ab, alte Menschen können nicht mehr darauf vertrauen, dass sich jemand aus der engeren Verwandtschaft um sie kümmert. Im Zusammenhang mit diesen Entwicklungen scheinen sich auch die Allgemeinbildung, die Fähigkeit, Sprache orthografisch als auch semantisch richtig zu gebrauchen, so wie Sozial- und Kulturtechniken in einem noch nicht absehbaren Ausmaß zum Negativen hin entwickelt zu haben. Gleichzeitig beklagen Kirchen einen enormen Rückgang ihrer Mitglieder und den Verlust religiöser Betätigung und Orientierung als auch religiösen Wissens.

Das Denken in langen Zeiträumen

Von ihrem Ansatz her müssten Kirchen und religiös Orientierte sich eigentlich von einer solchen Diagnose nicht verwirren lassen, denn ihr Denken ist auf lange Zeiträume angelegt. Die Erschaffung und das Ende der Welt sind die großzügig ausgemachten Pole in einer Heilsauffassung vom Menschen. Ein Augenblick in der Geschichte von vielleicht 100 Jahren kann allenfalls eine kurze Überlegung wert sein, grundsätzlich bleibt das Ziel der Geschichte bestehen. Die momentane historische Situation scheint allerdings differenzierter gedeutet werden zu müssen. Bei einem Interpretationsversuch ist immer zu berücksichtigen, dass dieser aus der Verfangenheit mit der jeweiligen geschichtlichen Ausgangsposition heraus geschieht. Und es wäre gerade hier die These anzunehmen, dass die Unmöglichkeit, gedanklich seinen eigenen historischen Ort zu verlassen, der entscheidende Aspekt in der nach-postmodernen Zeit ist. Dass der Mensch immer schon Produkt geschichtlicher Entwicklungen ist, versteht sich dabei von selbst. Dies schließt jedoch nicht aus, dass er diesen Ort bestimmen und das Wissen darum quasi als hermeneutischen Schlüssel zur Deutung seiner Wirklichkeit in einer relativen Unabhängigkeit nutzen kann. Dieses Heraustreten aus dem reißenden Strom des Zeitgeschehens erweist sich in der Nach-Postmoderne als ein besonderer Akt intellektueller und vor allem emotionaler Anstrengung.

Schrift als die Sprache der Geheimnisse

Löst man sich von der Fixierung auf die letzten 100 Jahre, so lassen sich Grundzüge einer Entwicklung in einer zeitlich ausholenderen Weise beschreiben, die heutigen Phänomene in ihrer Entwicklung grundsätzlicher und in ihren tatsächlichen Dimensionen aufzeigen. Ein besonderer Aspekt ist im Aufkommen der Schrift auszumachen, die menschliche Gesellschaften radikal verändert hat. Durch das Schreiben entstanden privilegierte Schichten in der Gemeinschaft. Wer lesen und schreiben konnte, war deutlich besser gestellt und hatte ein Machtmittel in der Hand. Die Klöster brachten eine gewisse Liberalisierung in diese Entwicklung, weil sie Abschriften erstellten. Die Buchdruckkunst veränderte die über viele Jahrhunderte bestehende Hierarchisierung jedoch radikal. Jetzt war es nicht nur möglich, das geschriebene Wort jedem zugänglich zu machen. Es konnten auch Flugblätter gedruckt werden, um Informationen und Aufrufe schnell und an eine große Menge zu verteilen. Die Menschen waren nicht mehr wie im Mittelalter auf die bildliche Darstellung wie in den Kirchenfenstern angewiesen. Bildung war nun für einen größeren Teil der Gesellschaft über Gedrucktes zugänglich. Wissen, das als Geheimnis einer kleinen Gruppe gehütet wurde, konnte überprüft werden. Damit konnten Geheimnisse vergesellschaftet und aus dem so zugänglichen Wissen konnte dann Kapital geschlagen werden. Die Entwicklung der modernen Medien kann man unter dem Aspekt der Zugänglichkeit betrachten, es ist eine weitere Demokratisierung des Wissens und damit Veränderung der Herrschaftsstrukturen. Durch das Internet ist fast jede Information jedem an fast jedem Ort zugänglich und kann verwertet werden.

Demokratisierung

Es macht religiöse Sprache nicht aus, sie nur als Geheimsprache einer kleinen Machtelite zu verstehen, doch ist dies ein wesentlicher Aspekt der Funktion religiöser Sprache. Im Laufe der Entwicklung der Schrift und der Möglichkeit der Vervielfältigung wurde religiöse Sprache mehr und mehr demokratisiert. Vielleicht haben Geheimdienste heute diese Funktion übernommen. Sie hüten ein Geheimnis, das per se nicht öffentlich gemacht werden darf. Nimmt man religiöse Sprache als den Code einer Gruppe von Hohenpriestern, dann ist dieser Code geknackt. Die diffuse Angst vor NSA u. ä. kann als erschreckende Erkenntnis gedeutet werden, dass eine unbekannte Macht ein nicht beschriebenes Geheimnis bewacht. Es ist nicht das Offenlegen von Informationen oder Intimitäten, denn dies geschieht auf breiter Front auf Facebook und anderen Medien. Es ist die Angst davor, dass niemand mehr ordnend die Geheimnisse steuert, denn von ihnen kann eine positive oder negative Kraft ausgehen. Im Gegensatz zum Geheimdienst waren und sind die Vertreter der Religionen bekannt und real wahrnehmbar. Zumindest in den westlichen Industrienationen haben die Vertreter der Religionen ihre Aufgabe als Hüter des Geheimnisses aufgegeben. So wurde mit Martin Luther nicht nur die Zugänglichkeit der Schrift verändert, sondern auch die Verständlichkeit. Religiöse Sprache ist damit abgekoppelt von einer Geheimsprache wie auch von der Sprache einer Elite und hat das Geheimnisvolle nicht mehr im Fokus. Die historisch-kritische Methode oder die Entmythologisierung haben der religiösen Sprache ihren Code genommen. Jede Schrift kann entschlüsselt werden und der Schlüssel liegt nicht mehr bei einer Elite, die lesen kann. Die uneingeschränkte Verfügbarkeit von Informationen lässt gleichzeitig die Illusion aufkommen, dass der Zugang schon die Decodierung sei und die verfügbaren Informationen, weil sie in dieser Fülle vorhanden sind, suggerieren die Richtigkeit dieser Annahme.

Die Sprache von Erfahrung

Die zerstörende Kraft einer Reaktion auf die vermeintliche Entschlüsselung aller Geheimnisse findet sich bei radikalen Gruppen, die ebenso wie die „Lauen“ auf den Informationszugang fixiert und überzeugt sind, dass Informationen als solche einen Geheimnisverrat darstellen. Dort wird „Macht haben“ mit dem Besitz von Geheimnis gleichgesetzt, das vermittelte kämpferische Männerbild verspricht die Teilhabe an dem Geheimnis und trifft gleichzeitig auf einen Impuls, die Welt durch Hierarchisierung wieder ordnen zu wollen. Gäbe es eine deutliche religiöse Sprache, wäre dies nicht möglich. Es scheint jedoch momentan keine Gruppe in der Lage zu sein, eine religiöse Sprache zu finden, die in sich kraftvoll ist. Das könnte damit zu tun haben, dass Religionen, die sich vor allem auf ein Buch beziehen, wie Bibel, Koran, Katechismus, Thora etc. es nicht gewohnt sind, dem narrativen Habitus oder der Poesie von Religion Kraft zu verleihen. Es widerspricht dem Wort als Schrift, wenn die Deutung der Welt allein aus der Erfahrung geschöpft wird. Die Schrift legt fest, dass Erfahrung nicht aus sich selbst heraus gedeutet werden kann, sondern der Deutung immer schon etwas vorausgeht. Wird jedoch das Schreiben und Lesen demokratisiert, Informationen frei zugänglich, dann gibt es kaum noch eine Deutungshoheit. Und je mehr die Schrift vergesellschaftet wird, eine Elite das Wissen nicht mehr in Schriftform bewahren und verknappen kann, desto mehr wird der Einzelne zum Deuter seiner Erfahrungen.

Technischer Fortschritt

Das Lesen in der demokratisierten Form hat dazu geführt, dass die Menschen Wirklichkeiten entschlüsseln konnten. Derselbe Mechanismus wurde durch die Entwicklung der Wissenschaften provoziert. Der rasante Fortschritt der Technik ist ja nicht eine Weiterentwicklung der Wissenschaften, sondern das Herauslösen von Anwendungsmöglichkeiten und die Praktikabilität der Wissenschaften. Mit der Technik lässt sich für eine breite Masse Wissenschaft anwendbar machen, wie durch die Vervielfältigungsmöglichkeit des Geschriebenen die Schrift massentauglich wurde. Scheinbar lassen sich mit der Technik die Geheimnisse der Wissenschaften entschlüsseln. Man kann diese Vorstellung als einen naturalistischen Fehlschluss bezeichnen, doch es ist auch eine bestimmte Form der Demokratisierung von Geheimnissen und der Entmachtung von Eliten, indem das Beobachtete mit der Bedeutung gleichgesetzt wird. Reden Wissenschaftler technisch über Wissenschaft, dann nehmen sie gar nicht mehr wahr, dass sie das Gebiet der Wissenschaft bereits verlassen haben. So wie Religionen nicht mehr religiös reden, so sprechen Wissenschaftler nicht mehr wissenschaftlich. Zunächst bleibt dem Einzelnen dann keine andere Möglichkeit, als Daten mit Bedeutung gleichzusetzen.

Der Körper als Ort der religiösen Sprache

Religiöse Sprache impliziert Geheimnisse und eine bestimmte Form der Hierarchisierung, die als Privileg einer gewissen Elite konstituiert sein kann oder als eine Ansammlung von Übungen, die nicht einfach verfügbar sind, sondern erlernt werden müssen und damit in anderer Weise elitär sind. Für heutige Menschen scheint religiöse Sprache nicht mehr durch die Schrift geprägt zu sein, sondern eng gekoppelt an Übungen zu sein. Übungen ersetzen die Deutung. Religiöses wird dann fassbar, wenn es körperlich gespürt wird. Etwas, was aufgeschrieben steht, lässt sich nachlesen. Etwas, was sich ereignet und erlebt wird, ist konkret und gleichzeitig eine Aussage. Der Körper hat die Bedeutung der Schrift übernommen, er ist das Geschriebene oder die Instanz, die etwas erlebt, ist gleichzeitig Ausdruck und kann sogar als Ausdrucksfläche genutzt werden. Allerdings besteht so auch die Gefahr, dass der Mensch durch seinen Körper und nicht in seinem Körper gefangen ist. Die Vorstellung, aus seinem Körper herauszutreten, indem die Seele den Körper verlässt, ist nicht möglich, wenn der Körper gleichzeitig als erfahrenes Subjekt, Ausdruck und Ausdrucksfläche gedacht wird. Das Subjekt kann sich nicht deuten, wenn es gleichzeitig Ausdruck einer solchen Deutung ist. Generalisiert entsteht so die Unmöglichkeit, den jeweiligen Ort der Geschichte als hermeneutischen Schlüssel nutzen zu können. Ein Körper, der tätowiert, gepierct und in anderer Weise modelliert wird, ist ja schon der hermeneutische Schlüssel. Er ist nicht mehr Instrument, sondern schon Ausdruck. In gewisser Weise könnte man dies als eine unio mystica beschreiben. Mystiker vergangener Zeiten konnten eine solche Erfahrung jedoch mit der Sprache beschreiben, die sie durch die Schrift gelernt hatten und fanden ihre Erfahrungen darin bestätigt. Ist religiöse Sprache nicht mehr Geheimsprache und Code einer Elite, dann dient sie nicht mehr der Erklärung von Wissenden für gemachte Erfahrungen einzelner. Die religiöse Sprache ist demokratisiert und individualisiert. Sie ist Teil eines Individuums und nicht Teil einer Gemeinschaft. Das Verbindende besteht darin, dass Individuen davon wissen und annehmen können, dass es bei anderen auch so ist. Der Austausch mit anderen wird dann jedoch nicht über die Inhalte geführt, sondern darüber, dass es so etwas gibt. Eine Theoretisierung oder Abstrahierung der Erfahrung käme einer Hierarchisierung gleich, da die individuelle Erfahrung verallgemeinert und damit bewertet werden könnte. Wird der Körper als Sprache benutzt, dann kann diese Gefahr umgangen werden. Religiöse Sprache muss daher heute verstanden werden als eine durch und durch individualisierte Geheimsprache, die sich selbst mit dem Körper deutet und im eigentlichen Sinne unausgesprochen bleibt.

Thomas Holtbernd

Foto: älteste gedruckte Luther-Bibel – Quelle: dpa / picture-alliance

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