Robin Williams oder der Zwang zum Witzigsein

Der Tod von Robin Williams scheint zu bestätigen, was häufig von den Clowns angenommen wird. Sie bringen andere zum Lachen und sind eigentlich sehr traurig. Dem Komischen wohnt etwas Tragisches inne. Jeder Witz enthält einen gewissen Ernst. Und wer schon mal versucht hat, andere zum Lachen zu bringen, weiß, wie schwer das ist. Eine solche Arbeit ist gar nicht lustig, sondern sehr anstrengend und führt oft in die Verzweiflung. Robin Williams war traurig oder psychiatrisch formuliert, er litt an Depressionen und ist wohl an seiner Einsamkeit zerbrochen. Die Frage, die an seiner Person aufbrechen kann, ist die nach der Bedeutung des Lustigseins oder der anthropologischen Frage des Humors.

Robin Williams found dead in his home in California

Foto: dpa / picture-alliance

Der Clown als Löwe

Im Gegensatz zu den Vorstellungen, die viele sich über den Clown machen, scheint der jüdische Witz diese enge Beziehung zur traurigen Verzweiflung nicht zu haben. Der jüdische Witz gilt als feinsinnig und trotz aller Tiefschläge als optimistisch. Die Leidensgeschichte des jüdischen Volkes führte zu einem sehr feinsinnigen Humor, der Leid mit Witz in einer sehr menschlichen Weise verbunden hat und nicht depressiv erscheint, sondern gewitzt. Diese Einschätzung ist möglicherweise genauso falsch wie die vom traurigen Clown. Solche Klischees tragen dazu bei, dass an Spaßmacher sehr eng gesteckte Erwartungen herangetragen werden und der Humor weniger als eine Interaktion bestimmt wird. Der Clown ist abhängig von seinem Publikum. Er ist nicht nur der Spaßmacher, der auftritt und alle zum Lachen bringt, er ist ein Mensch, der das Feedback braucht, der den Applaus mehr begehrt als das tägliche Brot. Das Publikum will unterhalten werden und denkt nicht daran, wie sehr das Nichtlachen den Clown zu noch mehr Leistung herausfordert, obwohl es keinen Gag zünden lässt, weil es mehr will. Die Traurigkeit und depressive Stimmung des Auditoriums hält den Clown gefangen und wenn er nicht wie ein Löwe kämpft, dann legt sich das schwarze Band der Schwermut über sein Gemüt. Frühere Erfolge oder auch der große Name können in solchen Augenblicken den Druck nicht nehmen.

Balance

Robin Williams war Oscarpreisträger, also einer der Großen in Hollywood und kannte ebenso Misserfolge. Er war alkohol- und kokainabhängig, hatte 20 Jahre bewiesen, dass er diesem Feind Widerstand leisten kann und wurde doch 2006 wieder rückfällig. Er schien das, was dem jüdischen Humor zugeschrieben wird, nicht zu haben, nämlich diese Lust am Leid, diesen Trotzdem-Humor. In einem Film spielt Robin Williams Patch Adams. Und es beginnt damit, dass sich Patch Adams in die Psychiatrie einweisen lässt, weil er akut suizidgefährdet ist. Patch Adams, den es ja tatsächlich gibt, schafft es, sich von seinen Depressionen zu lösen und ist für die Klinikclown-Bewegung zur Gallionsfigur geworden. In der Traurigkeit scheint also auch eine ungeheure Kraft zu liegen, bzw. Menschen entwickeln eine große Kraft in dieser Traurigkeit. Dieser Aspekt scheint Robin Williams ausgezeichnet zu haben, es war der Versuch, eine Balance zwischen Witz und Verwundbarkeit zu schaffen. Der Wunsch nach einer solchen Balance ist jedoch wirklichkeitsfremd. Und es ist möglicherweise das Typische am jüdischen Witz, dass eine solche Balance erst gar nicht versucht wird, sondern dem Witz der Vortritt gelassen und ganz bewusst ein Ungleichgewicht zu Ungunsten der Verwundbarkeit hergestellt wird. Die Verwundbarkeit ist im Witz aufgehoben, ihr wird nicht die Chance gegeben, ein Ungleichgewicht herzustellen.

Die Lust am Bösen

Zu einem gesunden Menschen gehört es, das Böse auszuhalten, gegen das Töten sein und gleichzeitig in den Krieg zu ziehen. Witz muss manchmal wehtun, unverzeihlich sein. Es ist eine Übung im Aushalten des Bösen. Wie Kinder wollen die Menschen jedoch lieber ihre Illusion erhalten, das Leben ließe sich in Balance führen. Von daher stehen sich der Clown und Kinder auch sehr nahe, der Clown erzeugt die Illusion vom Augenblick, der ewig währt. Ein Clown, der auf die Wunden oder auf das Böse hinweist, bekommt keinen Applaus. Eine Gesellschaft, die viele solcher Clowns braucht, zeigt damit, dass sie Ambivalenzen verdrängt. Gerade depressive Menschen neigen dazu, angestrengt lustig zu sein, weil sie sich so der Ambivalenzen entziehen können. Böse Witze werden abgelehnt, weil sie die Kraft verlangen, es auszuhalten, dass nicht alles gut ist. Letztlich zeigt ein Humor, der keine Grenzen kennt, die Zuversicht und Gewissheit, dass hinter allem Bösen doch etwas Positives ist.

Gott ist der beste Witz

Wer mit seinem Witz an Grenzen geht, das Böse riskiert, negative Reaktionen auf seinen Humor einplant und aufrecht stehen bleiben will, der muss irgendwo in sich eine Stärke spüren. Eine negative Haltung würde den Witz zynisch oder sarkastisch machen, es wäre die Lust am Untergang. Der böse Witz hingegen kann das Spiel mit dem Guten sein. Der Schwarze Peter wird ins Spiel gebracht, weil die Hoffnung herrscht. Der Glaube an das Trotzdem und die Gewissheit, dass der Mensch mehr ist als des Menschen Wolf, macht Grenzüberschreitungen möglich. Und irgendwie ist dann Gott der beste Witz, denn eine solche Transzendenz lässt die klare Definition vom Bösen gar nicht mehr zu, man kann dann wirklich über alles Witze machen.

Thomas Holtbernd

Foto: dpa / picture-alliance

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