Person – nur Natur?

Ein empirischer Beweis gegen Naturalismus und Darwinismus

Foto: dpa / picture-alliance

Foto: dpa/picture-alliance

Naturalismus als Weltanschauung

Die Philosophie, die die meisten Intellektuellen für angemessen halten, nennt sich „Naturalismus“. Sie besagt, dass wir durch die Evolution so geworden sind, wie wir sind. Manches, was uns daran noch unplausibel erscheint, werden die Naturwissenschaften noch herausfinden, so die euphemistische These vieler Naturwissenschaftler.Kann der Mensch sich als nur Ergebnis der Natur verstehen? Manche gehen sogar so weit, auch das Handeln durch die Natur bestimmt zu sehen. Unser Gehirn handelt und wir, also unser „Ich“, bekommt nur mit, was das Gehirn längst entschieden und zur Umsetzung übermittelt hat.

Was wir Person nennen, ist also mehr ein Zuschauer der Naturprozesse, die in uns ablaufen. Aber ist der Mensch so hinreichend erklärt? Verstehen wir uns tatsächlich als von der Natur hervorgebracht oder nicht doch als Personen?  Person heißt doch, dass ich nicht von der Natur, sondern von mir selbst bestimmt werde. So gehen wir doch zu Beerdigungen nicht deshalb, weil wir uns von einem Naturprodukt verabschieden, sondern wir eine Person ehren und nicht einfach verscharren wollen. Wir machen sogar Unterschiede, je nach der Bedeutung, die die Person für uns hatte.

Beerdigung – der Ritus ist kein Naturphänomen

Wann fühlen wir uns verpflichtet zu einer Beerdigung zu gehen? Und wann gehen wir, weil wir es selbst wollen? Es hängt mit der Person zusammen. Ist jemand verunglückt oder „zu früh“ gestorben, dann betrauern wir das ungelebte Leben. Mit unserer Teilnahme an der Beerdigung versuchen wir, den Verlust zu mindern. Dieser Mensch gehört eigentlich noch zu uns Lebenden, wir lassen ihn im Tod nicht allein. Wenn ein Mensch „satt an Jahren“ gegangen ist oder von einer langen Krankheit erlöst wurde, dann erweisen wir ihm die „letzte Ehre“. Es gibt dann noch die Beerdigungen, da müssen wir teilnehmen. Es sind die wenigen Menschen, die unser Leben geprägt haben. Ich statte sozusagen Dank ab für das, was ich bekommen habe. Was haben solche Menschen aber gemacht.

Sie waren sie selbst – sie haben sich selbst „gemacht“

Wenn ich mich an jemandem orientieren konnte, dann war er, dann war sie maßgebend. Es war nicht jemand, der auf anderes verwiesen, mir gute Tipps gegeben, der mir etwas mitgeben wollte, was er anderswo gelesen hat. Sie haben mir erklärt, vorgeschlagen, geraten, was sie selbst durchdacht, erprobt und auf die Auswirkungen hin überlegt hatten. Es waren ihre Einschätzung, ihre Lebenserfahrung und nicht zuletzt ihre Wertvorstellungen, worauf es im Leben ankommt, was sie für ein gelingendes Leben für angemessen und manchmal auch für notwendig hielten. Offensichtlich gibt es Menschen in meinem Leben, die für mich Orientierungspunkte gesetzt haben. Glaubwürdig werden sie, wenn sie selbst nach den Wertvorstellungen handeln, die sie anderen ans Herz legen.

Krisen, nicht Anpassung formen die Person

Wie immer im Leben sind es die Krisen, die den Charakter eines Menschen offenlegen. Erst derjenige, der Krisen nicht nur überstanden, sondern gemeistert hat, wird in seinen Konturen greifbar. Deshalb sind unter den Menschen, an denen ich mich orientiere, keine, die jeweils den Schwierigkeiten aus dem Weg gegangen sind und sich ihrer Verantwortung nicht gestellt haben. Man spürt es, ob ein Rat, eine Wertorientierung nur mit Worten oder mit Lebenserfahrungen unterlegt sind. Das führt zu dem Spannungsverhältnis zwischen den Umständen, die das Leben nicht zur freien Auswahl, sondern zur zwingenden Auseinandersetzung bereithält und der eigenen Lebensorientierung.

Dem Zufall ein Gesicht geben

Menschen, die mich prägen konnten, sind durch das Leben geformt. Sie haben sich durchringen, schwierige Situationen bestehen, Entscheidungen neu treffen müssen.

Sie haben Vieles erlebt, mussten mit Herausforderungen und Verlusten fertig werden, die sie nicht vorausgesehen hatten. Ihr Leben war also von Zufällen geprägt. Als Zufall definiert Darwin das, was die Höherentwicklung eines Lebewesens ermöglicht. Die Auslese im Überlebenskampf entscheidet, ob die durch Zufall herbeigeführte Veränderung am genetischen Code überlebensfähig ist. Persönlichkeiten haben sich aber gerade nicht von den Zufällen prägen lassen, sondern haben dem Unvorhergesehenen ihr Gesicht gegeben. Wenn etwas wirklich schief gegangen ist, wenn wir gescheitert sind, dann liegt es eigentlich nahe, nicht so weiterzugehen, sondern sich dem äußeren Geschehen anzupassen. Auch wenn ich vielleicht ein großes Ziel aufgeben muss, realistisch scheint es, sich den Einflüssen, die mein Projekt unmöglich machen, nicht entgegen zu stellen.

Es ist auch tatsächlich so: Nach einem Misserfolg, einem Scheitern kann man nicht einfach so weitermachen. Aber das heißt noch nicht, dass ich das Vorhaben aufgeben sollte. Vor allem muss ich mich nicht von den Werten verabschieden, die mir vor Augen stehen. Eine Krankheit endlich heilen zu können, ein Kunstwerk zu schaffen, eine Gruppe, ein Team zu bilden, das etwas Großes auf die Beine stellt. Viele große Gründungen gäbe es nicht, wenn die Initiatoren aufgegeben hätten, als die ersten Gefährten abgesprungen waren. Sie haben weiter gemacht. Eine Universität, ein Krankenhaus, eine Akademie braucht die Idee der Gründer, um im Abrieb der Zeit nicht das Gesicht zu verlieren.

Nicht Anpassung, sondern dem Gegenwind standhalten

Den Zeitläufen gerecht werden, sein Gesicht dem Sturm aussetzen, so dass die Grundlinien deutlicher heraustreten, das bildet Persönlichkeit. Kann man das mit dem Darwinischen Doppelprinzip Zufall und Selektion erklären? Das würde für die Person, die der Mensch ausbilden soll, heißen, dass Mitschwimmen mit dem Strom Persönlichkeit bildet. Mitschwimmen ist tatsächlich ein Erfolgsrezept. Aber wir wählen uns die Mitschwimmer nicht zu Vorbildern. Ob Wissenschaftler, Künstler, Politiker oder spirituelle Persönlichkeiten, sie überzeugen gerade, weil sie einem inneren Kompass gefolgt sind und sich nicht von ihrem Weg haben abbringen lassen.Sie mussten mit Widerständen fertig werden, man hat sie nicht hochkommen lassen, weil die Mehrheit anders tickte, so dass oft erst die nächste oder übernächste Generation ihre Bedeutung erkannt hat.

Nun könnte man sagen, dass die wissenschaftliche Entdeckung, die Kunstwerke, die politische Option, das spirituelle Profil sich dann doch als „überlebensfähiger“ erwiesen hat, so wie die Sprachfähigkeit des Menschen dieser Affenart eine entscheidende Überlegenheit verschafft hat. Aber die Gattung Mensch ist gar nicht so an Entwicklung interessiert, sondern lehnt das Neue erst einmal ab und belohnt fast nie ein Verhalten, das sich strikt an Werten orientiert. Gerade deshalb sprechen wir von Persönlichkeiten, wenn diese gegen den Trend der intelligentesten Spezies ihren Weg gegangen sind. Offensichtlich gibt es über die Erreichung der Stufe „sprachfähiges Wesen“ noch eine Entwicklungsstufe, nämlich sich nicht einfach an dem Biologischen und an den Erfolgsversprechen zu orientieren, sondern an der Ethik.

Ethik ist kein Naturphänomen

Was oben als Persönlichkeit beschrieben wurde, ist kein Naturphänomen. Es lässt sich mit naturwissenschaftlichen Kategorien nicht erklären. Vor allem lässt sich biologisch nicht erklären, warum Menschen eher den Tod auf sich nehmen, als sich von ihren religiösen- oder Wertvorstellungen abbringen zu lassen. Märtyrer sind biologisch sinnlos. Es sind starke Vertreter ihrer Gattung, die sich eigentlich fortpflanzen müssten, damit ihr Erbgut nicht verloren geht.

Ethik ist empirisch fassbar

Menschen, die wertorientiert handeln, sind keine Wesen einer anderen Welt. Sie werden zu Persönlichkeiten erst dadurch, dass sie sich dem Gegenwind dieser realen Welt aussetzen. Das könnte den Neid der Engel auf die menschliche Existenz erklären, weil die Engel sich zu den Werten nicht durchringen müssen, die Menschen aber sehr wohl. Das, was wir als Persönlichkeit wahrnehmen, ist keine bloß subjektive Phantasie, sondern stimmt mit der Einschätzung eines solchen Menschen durch andere überein. Andere, die diesen Menschen ebenfalls kennengelernt haben, urteilen ebenso wie wir. Eine solche Wahrnehmung ist anders als eine naturwissenschaftlich gewonnene Erkenntnis. Eine Erkenntnis der Physik muss an jedem Ort wiederholbar sein. Das gilt nicht für den „Gegenstand“, den wir Persönlichkeit nennen. Diesen „Gegenstand“, so wie er geworden ist, gibt es nur einmal, weil eben eine Person ihre Persönlichkeit ausgebildet hat. Aber diese Persönlichkeit ist jedem zugänglich, sie lebt nicht in einer anderen Welt, in die Physik oder Biologie nicht hineinreichen.

Eine Philosophie muss den ganzen Menschen erklären können

Wenn der Naturalismus davon ausgeht, dass alles der Beobachtung zugänglich und durch andere überprüfbar sein muss, dann gibt es Phänomene, die von mehreren Menschen beobachtet werden können, aber mit den Gesetzen der Naturwissenschaften nicht gefasst werden können. Aber diese Gegenstände, hier Menschen, denen wir Persönlichkeit zuschreiben, kommen in dieser Welt vor. Philosophie, wenn sie nicht nur Theorie der Naturwissenschaften sein will, muss sich diesen „Gegenständen“ zuwenden. Das hat sie immer schon gemacht, indem sie als Anthropologie über den Menschen nachgedacht und sich mit der Wertorientierung, die dem Menschen aufgegeben ist, auseinandergesetzt hat. Es geht darum, die große Weite der Philosophie zurückzugewinnen. Anthropologisch wie psychologisch ist wohl festzuhalten, dass der Mensch, so wie er geboren wird, eine Stufe erreicht hat, die ihn mit Sprachfähigkeit ausgestattet hat. Im Gehirn ist dafür ein Areal auszumachen. Das ist sozusagen seine Natur. Mit dieser Sprachfähigkeit soll er sich dann aber entwickeln. Das nennen wir Kultur – Sprache, Dichtung, darstellende Künste, Musik, Architektur und die Institutionen, ob Universität, Schule, Kindergarten, Parlament, Gerichte, Kirchen mit ihren Riten … sie sind keine Naturprodukte und trotzdem empirisch fassbar.

Eckhard Bieger S.J.

Foto: dpa / picture-alliance

Ein Gedanke zu “Person – nur Natur?

  1. Pingback: Gott wahrnehmen. Es sind Erfahrungen, die zu Gott führen | hinsehen.net

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s