Gottes Geist im Ghetto? Der Rapper Eminem

Einer der erfolgreichsten US-amerikanischen Rapper, ja Musiker überhaupt, ist der Detroiter Marshall Mahers, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Eminem. Er hat Millionen CDs verkauft und ist nach mehreren Entziehungskuren wieder zurück im Geschäft. Was zeichnet Eminem und seine Musik aus? Finden sich religiöse Spuren?

Foto: dpa / picture-alliance

Der Rapper Eminem. Foto: dpa / picture-alliance

Als Weißer in den Wohnvierteln der Schwarzen

Eminem wurde zwar nicht in Detroit geboren, wuchs da jedoch auf und hat dort immer noch einen Wohnsitz. Sein bürgerlicher Name ist Marshall Bruce Mahers III. Detroit ist der prägende Ort für Eminem. Geboren 1972 in St. Joseph, Missouri, zog seine Mutter, die nach Eminems Aussagen drogensüchtig war und psychische Probleme hatte, mit ihm als Kleinkind nach Detroit. Dort erlebte Eminem als Neuer und Außenseiter – Identitäten, die er allein schon wegen seiner weißen Hautfarbe in einer mehrheitlich schwarzen Ghettogesellschaft hatte – oft Gewalt. Gemobbt und Zusammengeschlagen zu werden waren Alltagserfahrungen Eminems. Opfersein war der Normalzustand.

Zuhause die kranke Mutter und des Öfteren ein gewalttätiger Mann, dem Eminem lästig war, in der Schule „white trash“ und aufs Maul. Nach vielen Umzügen wurde die Straße „8 Mile“ in Detroit seine Heimat. In 8 Mile trennen sich die Suburbs, die oft von Weißen besiedelt werden, von der mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Innenstadt. Detroit an sich ist eine verzweifelte und verlassene Stadt. In den 50er Jahren war es die aufstrebende Stadt in den USA schlechthin und wurde auch „The Motor City“ genannt. General Motors  und Ford bauten hier Autos. Danach folgte der große Niedergang. In den 70er Jahren zogen schließlich alle weg, die Geld und Alternativen hatten. Zurück blieben die Verlierer und die Schwachen, für die ein Umzug nicht möglich war. Die Stadt befindet sich somit seit Jahrzehnten im Agoniestatus. Es gibt keine realistische Hoffnung mehr, dass der frühere Ruhm zurückkehrt, jedoch tritt der Tod auch nicht ein.

Eminems Musik

Nach der neunten Klasse verließ Eminem die Schule. Englisch war das einzige Fach, in dem er gute Leistungen brachte. Eminem ist voll von Wörtern, aber auch voller Gewalterfahrungen. Gebrochen und kämpferisch zugleich. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. 1991 erschoss sich Eminems Onkel, der für ihn ein Vaterersatz war. Eigentlich wäre das bisher Gesagte genug, um von einem „fucked up“ life zu sprechen, aus dem es keine Erlösung zu geben scheint. Eminem, bzw. Marshall Mahers, wäre aber nicht Marshall Mahers, wäre es dabei geblieben. Er ist ein Kämpfer, der sich immer wieder gegen alle Widerstände nach oben boxt. Eminem erkannte Hip Hop als seine Art, die „Scheiße“ zu verarbeiten, die er erlebte und sich Respekt, die wichtigste Anerkennung in seinem Milieu, zu erarbeiteten.

Fast nur von schwarzen Rappern umgeben, rappte Eminem sich den „Dreck von der Seele“. Beeindruckend  zeigt dies der autobiografische Film „8 Mile“. 1992 erhielt Eminem endlich von einem Detroiter Label einen Plattenvertrag. Zunächst blieb er jedoch noch ein unbekannter Lokalrapper, den niemand außerhalb seines Umfelds wirklich kannte. 1999 kam er erste Durchbruch mit seinem Album „The Slim Shady LP“ und der weltweite Riesendurchbruch gelang schon ein Jahr danach, im Jahr 2000 mit „The Marshall Mahers LP“. Dieses Album erlangte weitweite Nummer Eins Erfolge und verkaufte sich bisher über 22 Millionen Mal. Eminem ist seitdem ein absoluter Rapp-Star. Viele Lieder sind biografisch gehalten und verarbeiten sein Leid. Viele Auftritte standen unter Drogeneinfluss. Vor allem eine Tablettensucht machte Eminem lange zu schaffen.

Das Lied „Stan“ verarbeitet Einsamkeit, ungewollte Schwangerschaft, Verzweiflung und Suizid. Der Fan „Stan“ schreibt Eminem, erhält jedoch keine Antwort. Schließlich antwortet Eminem. In dem Lied heißt es:

„You said your girlfriend’s pregnant now, how far along is she Look, I’m really flattered you would call your daughter that […] You got some issues Stan, I think you need some counseling.”

– Du sagtest deine Freundin sei nun schwanger, in welchem Monat ist sie? Sieh, es schmeichelt mir, dass du ihr den Namen [Bonnie, nach einem Lied von Eminem] gibst. Du hast einige Probleme, Stand, ich denke, du brauchst therapeutische Hilfe.“

Am Ende des Liedes stirbt Stan jedoch bei einem Autounfall.

In einem weiteren Lied, „The Way I am“, setzt sich Eminem vor allem mit seinen Kritikern auseinander, die ihn nicht verstehen und sich daran stören, dass er nicht in der seichten Art rüberkommt, die sie gerne hätten. Gutmenschentum ist nicht Eminems Art. Auch wurde Eminems Musik verschiedentlich als gewaltverherrlichend bzw. gewaltfördernd bezeichnet. Eminem verarbeitet dies u.a. so:

„I don’t know you and no, I don’t owe you a motherfucking thing I’m not Mr. N’Sync, I’m not what your friends think. I’m not Mr. Friendly, I can be a prick.“

-Ich kenne dich nicht, nein, ich schulde dir gar nichts. Ich bin nicht Herr „N’Sync“ [eine US-Pop.Boygroup]. Ich bin nicht Herr Freundlich, ich kann ein Depp sein.

Zu seinem 2002 erschienen autobiographischem Kinofilm „8 Mile“ erschien ein Album, das die beiden sehr bekannten Lieder „lose yourself“ und „8 Mile“ enthält. Im Lied „lose yourself“ singt er vor allem über den Kampf, den es braucht, um von ganz unten nach oben zu kommen. Davon Chancen zu nutzen und sich selbst in der Musik zu verlieren:

 „Look, if you had one shot, or one opportunity To seize everything you ever wanted. one moment Would you capture it or just let it slip? […] You better lose yourself in the music, the moment You own it, you better never let it go You only get one shot, do not miss your chance to blow“

– Sieh, wenn du eine Chance hättest, nur eine Möglichkeit, alles zu erreichen, was du immer wolltest, einen Moment. Würdest du ihn einfangen, oder vorbeiziehen lassen? […] Du verlierst dich besser in der Musik, den Moment, den du verdient hast. Du lässt ihn besser nicht gehen. Du hast nur eine Chance, Verpass deine Chance nicht.

2002 erschien außerdem das Album „The Eminem Show“, auf dem der sehr autobiografische Titel „Cleanin`Out my Closet“ [zu Deutsch: Entrümpelung] zu finden ist. Eminem verarbeitet dort vor allem seine Beziehung zu seiner Mutter:

„So you could try to justify the way you treated me Ma? But guess what? You’re getting older now and it’s cold when you’re lonely“

– Also, du konntest versuchen zu rechtfertigen, wie du mich behandelt hast, Mutter? Aber stell dir das mal vor: Du wirst nun älter und es ist kalt, wenn du einsam bist.

2004 erschien das Album „Enore“, das den sehr düsteren Song „Mockingbird“  [amerikanischer Vogel, zu Deutsch: Spottdrossel oder auch Nachtigal] enthält. Hier singt Eminem vor allem über die Fehler, die er als Vater gegenüber seiner Tochter gemacht hat:

„Now hush little baby, don’t you cry Everything’s gonna be alright Stiffen that upper lip up, little lady, I told ya Daddy’s here to hold ya through the night“

– Nun, beeil dich, kleines Kind, weine nicht, alles wird gut. halt die Lippe obenm kleine Dame, dein Papa ist hier, um dich in der Nacht zu halten.

In den nächsten Jahren erschienen vorerst keine neuen Studioalben mehr. Eminem kämpfte vor allem mit seiner  Tablettensucht und anderen Problemen. Erst 2009 erschien das Album „Relaps“ und 2010 „Recovery“, auf dem Eminem seine überwundene Drogen- und Tablettensucht verarbeitet. Bezeichnend dafür ist das Lied „not afraid“:

„I’m not afraid, I’m not afraid To take a stand, to take a stand […] We’ll walk this road together through the storm.

– Ich habe keine Angst, ich habe keine Angst Stellung zu beziehen, Stellung zu beziehen. […] Wir werden diesen Weg zusammen gehen, durch den Sturm.

Gewalt verarbeiten

Im Lied „Love the way you lie“ wird vor allem über häusliche Gewalt, bzw. Gewalt in Beziehungen gesungen. Das ganze Album verarbeitet stärker als die bisherigen private und psychische Probleme. Der Name „Recovery“, Erholung/Gesundung passt daher recht gut. Indem der ganze Dreck besungen wird, wird in gewissem Sinne Erholung und Befreiung erhofft. Es ist einfacher mit Dingen umzugehen, wenn man sie benennt und wenn nötig hinausschreit bzw. -rappt. Eminem kann damit sogar Geld verdienen. Das neueste Eminem Album erschien 2013 und heißt „The Marshall Mahers LP 2“. Dieses Album ist wieder poppiger gehalten und erhält einige Tracks wie „The Monster“, „Rap God“ oder „Berzerk“, die vor allem kommerziellen Erfolg versprechen.

Musik aus dem durchlebten Ghetto

Eminems Musik ist deshalb ansprechend, weil sie echt wirkt. Sie tritt nicht so gekünzelt auf, wie Dieter Bohlens blutleere Popmusik für „Deutschland sucht den Superstar“, sondern als selbst durchlebter Ghettorap, der immer wieder wie ein Phoenix aus dem Elend gen Himmel aufersteht. Viele, die aus problematischen Verhältnissen kommen, können sich mit Eminem identifizieren. Wenngleich auch klar sein sollte, dass er mittlerweile für die meisten einfach ein erfolgreicher Musiker ist, der massentaugliche Songs produziert. Dennoch ist in den Texten eine Botschaft enthalten. Die Botschaft es auch irgendwann, irgendwie schaffen zu können, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern zu kämpfen,  immer und immer wieder, gibt vielen Zuversicht.

Eminem singt sich den Dreck von der Seele, singt über seine Probleme, sein Leben, sein Leid und seine Hoffnungen. Die erfüllte Hoffnung, aus dem Elend hinausgekommen zu sein, ist es schließlich, die sich bei Eminem alleinschon durch den Erfolg zeigt. Nun steht er da, der ehemalige „White trash“ aus dem gottverlassenen Detroit, in dem eigentlich nur hoffnungslose Fälle groß werden. Er ist  erfolgreicher Rapper, Millionär und Vater von Töchtern. Auf der anderen Seite aber auch durch Tablettensucht und familiäre Brüche gezeichnet.

Religiöse Spuren?

Im Ghetto zeigt sich Gott und Glaube anscheinend eher durch Abwesenheit denn durch Wirksamkeit. Was jedoch in Eminems Texten immer mitschimmert, ist die Sehnsucht nach Leben, nach Zugehörigkeit, nach Gemeinschaft und auch intakter Familie. Das Gangster-Gehabe offenbart sich in den Texten oft als enttäuschtes Menschsein, das darauf wartet, endlich frei  und versöhnt leben zu können. Anders ausgedrückt: Fragt man nach religiösen Spuren in seinen Liedern, liegen die Antworten im Menschsein, indem sich die Hoffnung nach dem ausdrückt, was Religion verheißen will.

Josef Jung

Foto: dpa / picture-alliance

Ein Gedanke zu “Gottes Geist im Ghetto? Der Rapper Eminem

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