„Eine echte Analyse der Bilder der Gegenwart“

Foto: Turia Kant VerlagAlain Badiou: „Pornographie der Gegenwart“

Der Titel des kleines Buches, es handelt sich um einen Vortrag vom 26. Januar 2013 an der Sorbonne, lässt zunächst nicht auf den Inhalt schließen. Der Philosoph und Schriftsteller Alain Badiou macht für seine Überlegungen das Stück „Der Balkon“ von Jean Genet zum Ausgangspunkt seines Denkens über eine Fetischisierung der Demokratie, die man als eine erweiterte Kapitalismuskritik bezeichnen könnte. Das Stück „Der Balkon“ ist die Frage, „was aus den Bildern wird, wenn die Gegenwart in Unordnung gerät.“

Badiou bemerkt zunächst, dass sich die zeitgenössische Philosophie viel zu sehr mit dem Historischen beschäftigt und diese Nostalgie zur Schau stellt. Aus diesem rückblickenden Philosophieren entspringt eine Melancholie über das Verlorene. Die Gegenwart dagegen wird in einem großen Abstand wahrgenommen. Der Zugang zur Gegenwart, so Alain Badiou, gelingt indes über „eine echte Analyse der Bilder der Gegenwart“. Vergleichbar ist dieser Schritt mit dem der Komödie. Während die Tragödie die Wahrheit in der Vergangenheit bestimmt, sucht die Komödie das Possenhafte von Wahrheit und Macht in der Gegenwart zu erkennen.

Die Frage ist jedoch, inwieweit die Bilder die Realität bestimmen. Mit Karl Marx fomuliert ist es die Ideologie, die das Tun bestimmt und aufgelöst werden muss. Alain Badiou stellt dem Reich der Bilder die Realität der Revolte gegenüber. Dem Stück von Genet entlehnt er als Bild für die Gegenwart: den Phallus. Die Erektion ist die eindeutige Präsentation der Gegenwart und der Phallus dafür das Bild, „was kein Bild besitzt“, sondern „das Bild der nackten Gewalt“ darstellt. Das leitende Bild in der heutigen westlichen Gesellschaft ist das Wort „Demokratie“. Es gilt als normal, sich als Demokrat zu verstehen. Der Versuch einer Kapitalismuskritik ist durch die Bilder von einer „guten Demokratie“ festgelegt und letztendlich eine „auf sich selbst reduzierte Kapitalismuskritik“, die nutzlos und eine Schimäre ist. Der Kapitalismus bekommt ein menschliches Antlitz, hat positive Auswirkungen für alle und kann als demokratisch gelten. Die Lösung liegt nun nicht in einer besseren Kritik am Kapitalismus oder einer Enttarnung der Bilder oder Ideologie, sondern wird Ereignis, wenn „die poetische Nacktheit der Gegenwart“ entworfen wird. Ein solcher Entwurf ist unvollständig, doch enthält er einen Hauch von Wissen und immer auch einen Grad von Empörung oder unmittelbarer Macht.

Die „Pornographie der Gegenwart“ ist eine anstrengende und vielleicht unbefriedigende Lektüre, weil keine Systematik im herkömmlichen Sinne oder eine klare Analyse vorgelegt werden. Es ist das Vertrauen auf einen poetischen Zugang, der denjenigen, der diesen Weg wagt, entblößt in die Gegenwart katapultiert. Vor der Tat, vor der Veränderung der Welt, steht die poetische Entfesselung der Kräfte. Und weil die daraus entstehenden Bilder nicht konsumierbar sind, können sie ihre Kraft entfalten und liefern die größte Gewähr dafür, dass sie von innen kommen und weitestgehend geschützt vor einer Fetischisierung sind. Die üblichen akademischen Kritiken entstammen dagegen einer Mittelschicht, die sich irgendwie in einer kritischen Distanz zum Kapitalismus eingerichtet hat, aber keine empörende Kraft entwickelt.

Alain Badiou, Pornographie der Gegenwart. Wien Berlin, Verlag Turia – Kant, 2014. Weitere Informationen zum Buch hier.

Thomas Holtbernd

Foto: Turia Kant Verlag

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