Kapitalismus als entwurzelte Religion

Foto: dpa / picture-allianceDie hohle Liturgie des Geldes

Banken, große Unternehmen, Unternehmensberater, Manager und all die Macher in der Wirtschaft bilden eine enge und geschlossene Gemeinschaft. Wer Kritik äußert, wird einer Inquisition unterzogen, ihm werden die Dogmen des Kapitalismus entgegen gehalten und er hat mit der Exkommunikation zu rechnen. Das Weltbild solcher Wirtschaftsmenschen ist enger und dogmatischer als man sich das von kirchlichen Traditionalisten vorstellen könnte. Es mag sein, dass solche geschlossenen Weltbilder im hintersten Winkel pietistisch geprägter Landstriche existieren, da ist es allerdings offensichtlich. Die Wirtschaftswelt verdeckt das Simple ihres Tuns und die Enge ihres Denkens mit einer scheinbar großartigen äußeren Form.

Schlichtheit der Formen

Die Liturgie und die Zeremonien der Wirtschaftswelt zeichnen sich jedoch nicht durch Glanz und Vielseitigkeit aus, es ist alles schlicht, aber viel und wuchtig. Eine protestantische Kirche ist karg, ein Bankgebäude schlicht und groß. Die Bankentürme in Frankfurt sind nicht schön oder glanzvoll, sie sind einfach nur viel. Die Hochhäuser könnten auch andere Firmen beherbergen, lediglich das Logo macht darauf aufmerksam, wer in diesen Häusern waltet. Die Messgewänder der Hohen Priester des Geldes sind graues Einheitsdesign. In den Bahnhöfen und auf den Flughäfen sind sie sofort an ihrer langweiligen Kleidung zu erkennen. Selbst wenn sie mit ihren Limousinen vorfahren, bleibt das Bild dasselbe. Nichts Besonderes, aber dafür viel. Selbst ihre Sprache kennt keine Poesie wie liturgische Gebete oder Gesänge in einer Kirche. Allerdings ist in der Wirtschaftswelt das, was in der kirchlichen Liturgie das Latein war, weiterhin die Norm. Das Kauderwelsch aus Anglizismen und angeblicher Fachsprache wirkt wie das Murmeln eines Schamanen, der seine Zeremonie hygienisch und steril als eine Werbeveranstaltung vorführt. Und die Messe wird immer noch im tridentinischen Ritus gelesen, denn Wirtschaftsleute schauen auf das Wesentliche und nicht die Menschen an. Der Blick ist auf die Bilanzen und Renditen gerichtet, vom Verlust der Arbeitsplätze wird nur nebenbei geredet.

Arbeiter im Weinberg

Manager, Unternehmensberater und Führungskräfte haben lange Arbeitstage, sie dienen der Firma, dem Unternehmen, der Sache. Für sie gibt es eine besondere Form des Zölibats, sie leben zwar nicht ehelos, doch ist der Arbeit alles untergeordnet, die Frau oft eher eine Mätresse und die Kinder werden auf ein internationales Internat geschickt, damit sie die notwendigen Voraussetzungen haben, weil es ja immer schwieriger wird. Und weil sie so schwer arbeiten, genehmigen sie sich ein wenig Luxus, den sie allerdings auch nur gelegentlich genießen können. Sehr viel mehr genehmigen sie sich eine richtige Meinung. Dogmenhaft werden ex cathedra die Mechanismen der Wirtschaft erklärt. Kritiker werden als Neider entlarvt und mit einer unverständlichen Terminologie als Laien degradiert. Ihre Beteuerungen über Wirtsabläufe klingen wie eine liturgische Sprache, sie verweisen jedoch nicht auf eine Transzendenz und entpuppen sich daher als Worthülsen.

Kleriker und Laien

Im Geldberg ist nicht jeder Arbeiter auf der gleichen Stufe. Unternehmensberater z. B. gehören zu den niederen Weihen, haben jedoch eine wichtige Bedeutung für den Ablauf der Zeremonien. Sie schleudern das Weihrauchfass mit immer neuen Konzepten und Strategien, die einen wohlriechenden Duft verbreiten. Sie dürfen bei der Liturgie mitspielen, die Manager jedoch leiten die Liturgie. Und wäre da nicht der Küster oder die Chefsekretärin, die alles im Blick hat, gäbe es ein heilloses Chaos. In den Bänken sitzen die Laien, sind beeindruckt von der Zeremonie und benebelt vom Weihrauch der Unternehmensberater. Unter den Managern gibt es Violette und Rote, ganz normale Priester, Bischöfe und Kardinäle. Die Banken sind der Vatikan, was hinter den Mauern geschieht, weiß niemand. Sie bestimmen darüber, wer in den Markt eintreten darf, wer würdig ist, das Heiligtum zu betreten, nämlich um einen Kredit für sein Geschäftsmodell oder eine neue Anschaffung zu bekommen.

Die Theologie der Wirtschaft

Sind Kirchen prunkvoll, schön, ausgefallen und voller Kunst, die auf die wesentlichen Botschaften hinweist, so kennt die Theologie der Wirtschaft solche Begriffe nicht. Die Gebäude sind schlicht, spiegeln Rationalität wider, die Sprache ist unpoetisch. Eine kalte Macht wird präsentiert, es wird nichts versteckt. Die Theologie der Wirtschaft ist einfach und direkt, Macht und Größe werden in den Gebäuden gezeigt, die Alleinherrschaft durch die apodiktische Sprache sicher gestellt, Oben und Unten durch Ausschließungsdynamiken realisiert und Häretikern wird einfach der Geldhahn zugedreht. Die Menschen des christlichen Abendlands sind es gewöhnt, dass eine Theologie kompliziert ist, dass manche Geheimnisse Geheimnisse bleiben. Dass die Religion des Kapitalismus eine solch schlichte Theologie hat, ist nicht vorstellbar und gerade dies wird als Fassade gerne aufrechterhalten. Kann ein katholischer Gottesdienst sehr schlicht sein, er bleibt ein Gottesdienst, der Inhalt durchdringt die schlechteste Form, weil der Inhalt stark ist. Anders bei der Religion des Geldes. Da ist der Inhalt schwach und die Form wird stark gemacht. Die Liturgie des Geldes ist dabei nicht facettenreich, sondern einfach nur „viel“.

Religiosität ohne Inhalt

Max Weber war der Theoretiker neben Karl Marx, der hellsichtig die Veränderung der Religion und die Entwicklung des Kapitalismus beschrieben hat. Was einmal eine religiöse Form war, hat sich vom Inhalt gelöst, bestimmt jedoch das Denken und Verhalten des Menschen. Religiöse Spuren im Kapitalismus sind daher nur Äußerlichkeiten, sie verweisen auch nicht auf religiöse Hintergründe, sie sind hohl. Wirken diese Leerformeln über längere Zeit auf den Menschen ein, dann kann die hierdurch bewirkte innere Leere keinen Gegenpol mehr bilden. Es wird ja kein Unterschied wahrgenommen. Menschen, die religiöse Inhalte vertreten, werden nicht als Gegner oder Widersacher erlebt, man weiß gar nicht, wovon diese Menschen sprechen, weil nichts oder kaum etwas zum Klingen gebracht wird. Die Problematik endet bei der Frage, ob es ein richtiges Leben im falschen gibt? Oder ob von Religiosität zu sprechen, die Veränderung der Verhältnisse voraussetzt?

Thomas Holtbernd

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