Gott oder Mammon

Foto: dpa / picture-allianceZur Religion des Kapitalismus

„Der Neoliberalismus ist wie Aids: Er zerstört das Immunsystem seiner Opfer“ (Pierre Bourdieu)

Der Neoliberalismus ist weit mehr als eine bloße Wirtschaftstheorie. Er ist die gesellschaftliche Leitideologie, die sich alle Lebensbereiche gefügig macht und sich festsetzt in den Köpfen und Herzen der Menschen.

Man muss den Neoliberalismus insofern ernst nehmen, dass man ihn nicht nur von seinen gesellschaftlichen Auswirkungen her in Augenschein nimmt, sondern ihn von seinem inneren Wesen her durchleuchtet. Erst wenn wir ihn auch theologisch in den Blick nehmen, offenbart sich sein Anspruch auf Totalität. Der Neoliberalismus ist eben keine säkularisierte und damit gott – lose Wirtschaftstheorie zum Thema Markt, sondern er bedeutet eine religiöse Vergötzung des Marktes.

Wollte man ein Glaubensbekenntnis des Neoliberalismus formulieren, so sähe es wohl folgendermaßen aus:

Ich glaube an die Allmacht und Allzuständigkeit des von allen sozialen Reglementierungen befreiten Marktes. Er ist der Schöpfer allen Reichtums. Das Heil des Menschen liegt darin, sich der Gottgegebenheit dieses freien Marktes zu fügen. Außerhalb des Marktes gibt es kein Heil!

Die Spiritualität des neoliberalen Kapitalismus könnte man als rastloses Mehr-Haben-Wollen kennzeichnen. Ihre innerste Triebkraft ist die ständige Geldvermehrung. Dieser Trieb ist maßlos in dem Sinne, dass er sich kaum befriedigen lässt.

Jedes Glaubensbekenntnis konkretisiert sich in einer entsprechenden Moral. Die wichtigste marktkonforme Tugend ist dabei die Demut. Demütig hat sich der Mensch den Mechanismen des Marktes zu unterwerfen. Gegen den freien Markt vorzugehen, etwa ihn durch soziale oder ökologische Reglements einengen zu wollen, ist Ausdruck menschlicher Überheblichkeit.

Neben der Demut ist die Freiheit eine der großen Markttugenden. Freiheit meint vor allem Schrankenlosigkeit hinsichtlich des obersten Ziels, der Gewinnmaximierung. Wo Nachfrage besteht, wird es auch ein Angebot geben und umgekehrt.

Wo es Tugenden gibt, existiert selbstverständlich auch die Sünde. Die größte vorstellbare Sünde ist es, den Markt durch Regeln in seiner Entfaltung einzuengen. Die Zielvorstellung der sozialen Gerechtigkeit etwa führt direkt in die Hölle des wirtschaftlichen Abschwungs.

Die neoliberale Religion hat selbstverständlich Gotteshäuser, Kathedralen des Marktes: die Bankhäusern, Investmentzentralen und Börsen. Analog zum Jerusalemer Tempel gibt es zwar Vorhöfe fürs Volk, das Allerheiligste aber ist nur den jeweils Eingeweihten, den Hohepriestern dieser Religion zugänglich.

Am eindringlichsten werden die liturgischen Feiern im Allerheiligsten selbst zelebriert, in den Börsen. Dort werden die heilsentscheidenden Opfer dargebracht. Jedes Opfer –so etwa Entlassungen, Betriebsschließungen, Verlagerungen etc.- wird mit der Gunst des Götzen belohnt, die da heißt Kursgewinn.

Man sieht, die Neoliberalen sind durch und durch religiöse Menschen. Sie verehren den Markt, das Kapital und die Rendite mit glühender Hingabe. Darum reicht es auch nicht, wirtschaftswissenschaftliche Kritik am neoliberalen Ökonomiekonzept zu üben. Hier geht es um Glaubensüberzeugungen. Da braucht es Religionskritik, gegenüber dieser Religion müssen wir atheistisch werden und uns in Gottlosigkeit üben.

Religionskritik

Das innerste Wesen des neoliberalen Kapitalismus, das, worum sich alle Aktivitäten drehen, ist das Geld und seine Vermehrung. Geld ist dabei natürlich weit mehr als ein bloßes Zahlungs- oder Tauschmittel. Es beinhaltet neben einem ökonomischen Wert einen mythischen Mehrwert. Ihm wird letztlich göttliche Qualität zuerkannt, wie schon Karl Marx herausgestellt hat: „Das Geld, indem es die Eigenschaft besitzt, alles zu kaufen, indem es die Eigenschaft besitzt, alle Gegenstände sich anzueignen, ist also der Gegenstand in eminentem Besitz. Die Universalität seiner Eigenschaft ist die Allmacht seines Wesens, es gilt daher als allmächtiges Wesen…“.[1]Marx Karl, in: Fromm Erich, Das Menschenbild bei Karl Marx. Mit den wichtigsten Teilen der Frühschriften von Karl Marx, Frankfurt-Berlin-Wien 1982, 142

Der Götze Geld

Das Geld wird im Neoliberalismus zum verehrten Götzen, der Markt bringe durch die unsichtbare Hand, die alles weise lenkt,  Wohlergehen für jedermann, und der Eigennutz des Einzelnen verwandele sich dadurch in einen geheimnisvollen Akt der Gemeinwohlförderung. Glaube allüberall! Von daher ist es völlig klar: „Eine Kapitalismuskritik, die nicht auch religionskritisch argumentiert, verfehlt deshalb die subtheologischen Begründungen des Kapitalismus und seiner darauf beruhenden Wirkungsweise.“

Segbers Franz, Kapitalismus in der Glaubenskrise, in: Fink Ilsegret, Hildebrandt Cornelia (Hg.), Kämpfe für eine solidarische Welt. Theologie der Befreiung und Demokratischer Sozialismus im Dialog, Papers der Rosa Luxemburg Stiftung, Berlin 2010, 93

Die Kritik der Bibel am Geld erschöpft sich nicht nur in einer moralischen Kritik, wie sie in der Weisheitsliteratur, etwa bei Kohelet (5,9ff; 10,19) oder bei Jesus Sirach (27,1; 29,10; 31,5ff) zu finden ist. Sie geht weit darüber hinaus. Das Geld wird kritisiert als gefährliche Alternative zu Gott, als eine Macht, die an seine Stelle tritt. „Niemand kann zwei Herren dienen…Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (Mt 6,24). Der biblische Gegensatz zum Glauben an Gott ist nicht etwa der Unglaube, der Atheismus, sondern der Götzenglaube. Der „…Mammon ist der eigentliche Gegengott des Evangeliums“.

Ragaz Leonhard, Die Bibel. Eine Deutung, Band V: Jesus, Zürich 1949, 98

Die Begrenztheit des Menchen soll außer Kraft gesetzt werden

Aber als Götze ist die Sicherheit, die er anzubieten vermag, nur eine scheinbare. Geld vermittelt eben nur die Illusion, buchstäblich alles kaufen zu können, und damit vor den Wechselfällen des Lebens gefeit zu sein. Hinter der Gier nach immer mehr steht nichts anderes als die nackte Angst, letztlich „…das Nichtfertigwerden mit dem eigenen Tod“, der eigenen „Begrenztheit als körperlichem, bedürftigem Wesen“.
Duchrow Ulrich, Bianchi Reinhold, Krüger René, Petracca Vincenzo, Solidarisch Mensch werden. Psychische und soziale Destruktion im Neoliberalismus – Wege zu ihrer Überwindung, Hamburg 2006, 140

An dieser Frage muss der Götze Geld notgedrungen scheitern, denn er kann durch noch so große Anstrengungen quantitativer Akkumulation keinen qualitativen Heilsmehrwert erzeugen. Der Mammonglaube bleibt soteriologisch blind. Das Vakuum wird angefüllt mit Surrogaten: Reichtum, Macht, Ansehen, Luxus. „Sie sollen ihm (dem Mammongläubigen – M.B.) Gott ersetzen; sie sollen den Tod überwinden, ewiges Leben schenken. Erst wenn wir dies erkennen, blicken wir in das tiefste Geheimnis der Götzenmacht des Mammons.“

s. Ragaz-Bergpredigt Jesu

Prophetische Intervention

Der Neoliberalismus ist eine Religion des Fatalismus. Die Gesetze des Marktes hätten naturwissenschaftliche Qualität, so sein Credo. Das damit zum Ausdruck kommende Interesse ist klar: Es geht dem neoliberalen Kapitalismus um den Erhalt der Hegemonie der Geldmacht, um eine dauerhafte Unangreifbarkeit des gesellschaftlichen Ist-Zustandes. Jeder Widerstand gegen die Verteilungslogik des Marktes soll von vorneherein als zwecklos erscheinen. „Indem sich die Diktatur des Kapitals hinter blinden und anonymen `Gesetzen des Marktes´ verschanzt, zwingt sie uns die Vorstellung einer geschlossenen und unveränderlichen Welt auf. Sie verwirft jede menschliche Initiative, jedes geschichtliche Handeln, das aus der subversiven Tradition des noch nicht Bestehenden, noch nicht Erreichten, mit einem Wort: der Utopie, hervorgeht. Sie sperrt die Zukunft aus.“

Ziegler Jean, Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher, München 2005, 7. Aufl., 54

Gegen diese Anmaßung des pseudoreligiösen Fatalismus, der die Menschen mundtot und resigniert halten will, gilt es, den prophetischen Zorn im Namen des lebendigen Gottes der Bibel aufleben zu lassen. Der Zorn ist das komplementäre Gegenstück zur Compassion. Wer in Mitleidenschaft die Opfer und Verlierer erreichen will, dem fällt es schwer, nicht zornig zu sein auf jene, die ihnen die Leiden zufügen. Der Zorn stellt eine enorme konstruktive Energie zur Verfügung. Und zwar in zweierlei Richtung.

Zum einen geht es um die Entlarvung des Götzen. Der Neoliberalismus mit seinem TINA-Prinzip (There is no alternative!) ist als eine Struktur der Sünde zu demaskieren. Er raubt den Menschen die Hoffnung auf Veränderung der Verhältnisse und damit auf ein besseres Leben, indem er ihnen die geschichtliche Gestaltungsfähigkeit aus der Hand schlägt. Biblische Prophetie aber stellt im Namen des geschichtsmächtigen Gottes dieses gesamte System in Frage. „Der Prophet vertritt die Opposition Gottes gegen die Welt. Das ist seine Berufung.“ (Ragaz) Als „Volkstribun Gottes“ (Ragaz)stellt er sich auf die Seite der Opfer dieses Systems und fordert in der konkreten Situation neoliberaler Unterdrückung eine andere, eine menschengemäßere, d.h. der Würde des Menschen entsprechende, und im Übrigen auch sachgerechtere Wirtschaftsordnung.

Neben der Entlarvung hat die biblische Prophetie zum anderen auch Visionen zu pflegen und als Hoffnungsszenarien in den Diskurs einzuspeisen. Visionen sind für die herrschenden Verhältnisse und die dadurch Privilegierten gefährlich. Sie verweisen mit ihrem noch uneingelösten Möglichkeitspotential auf denkbare Praxisvarianten und kippen damit die Alternativlosigkeit des Faktischen. Das subversive Utopiereservoir der Reich Gottes Botschaft ist die vielleicht nachhaltigste Infragestellung des real existierenden Neoliberalismus. Vor dem Hintergrund des biblischen Schalom tritt die heimtückische Armseligkeit des Götzen besonders drastisch hervor: Eine bessere Welt ist möglich! Alles andere ist eine interessengeleitete bewusste Täuschung.

Dr. Manfred Böhm
Leiter der Betriebsseelsorge im Erzbistum Bamberg

Foto: dpa / picture-alliance

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