Erster Weltkrieg – Euphorie der Macht – Nichtigkeit

Foto: dpa / picture-allianceReflexion eines Jesuiten

„Prometheus – Entfesselung der Mächte“ lautet das Thema der diesjährigen Zürcher Sommerfestspiele. Die Rezeption des Mythos in Musik und Literatur des 19. Jh. stehen auf dem Programm, wie auch eine Lesung von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“. Prometheische Entfesselung der Mächte könnte auch Bezeichnung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs sein, der sich in diesem Sommer zum 100. Mal jährt. Seit Monaten sind Zeitungen und Zeitschriften voll mit Beiträgen, die kommentierend und analysierend an die Urkatastrophe des 20. Jh. erinnern. Mit dem Ersten Weltkrieg beginnt der Abgesang des Alten Europa.

Das Willkommen des Krieges – Befreiung aus einer maroden Gesellschaft

1914 wurde der Kriegsausbruch von fast allen Intellektuellen und Kunstschaffenden euphorisch begrüsst. Eine zutiefst marode und einengend empfundene Gesellschaft wollte man überwinden. Krieg sollte Läuterung und neue Dynamik, Befreiung und heroische Selbstverwirklichung bringen. Unzählige Aufzeichnungen drücken Sehnsucht nach Erlösung aus. Auch Jesuiten, wie der noch junge Teilhard de Chardin, erhofften sich vom Krieg Völkerverschmelzung und mystische Vereinigungserfahrung. Die Kriegsbegeisterung auf allen Seiten ging von einem raschen Sieg aus. Danach würde ein neues, ruhiges Leben sich entfalten, gleichsam auf noch höherer Kulturstufe. Der überschwängliche Patriotismus und Nationalismus beflügelte alle Kriegsnationen. Neue Heimat, neues Land! Auch die Jesuiten in den unterschiedlichen Ländern liessen sich je patriotisch beflügeln oder sogar mitreissen. Der Krieg wurde legitimiert und als gerecht empfunden. Doch schon nach wenigen Monaten wurden die dramatischen und schrecklichen Kriegsszenen der Front in die Gesellschaften hineingetragen. Die Verstrickung in Gewalt und sinnloses Abschlachten zog seine Kreise. Die Euphorie schlug um. Der Krieg wurde zur traumatischen Erfahrung.

Der Krieg begrub den Fortschrittsglauben

Der Erste Weltkrieg war nach vier Jahren nicht vorüber. Es konnte nicht zur alten Tagesordnung zurückgegangen werden. Zu tief waren der Glaube an Fortschritt und Aufklärung durch das autonome Individuum erschüttert worden. Die Auseinandersetzung um Interpretation und Weiterführung der Moderne verschärfte sich. Sie sollte in die Revolution in Russland und in einen Zweiten Weltkrieg führen. Dieser wurden nun ideologischer geführt. Der treibende Nationalismus des Ersten Weltkriegs ging in weltanschaulichem Kampf auf. Im Kalten Krieg von liberal-kapitalistischem Westen gegen den sozial-kommunistischen Osten dauerte er bis 1989. Die Jesuiten als Vertreter der Kirche und konservativen Gegner der Moderne gerieten im Zeiten Weltkriegs ins Visier. Die Juden als Exponenten der Moderne kämpften im Ersten Weltkrieg in allen Nationen mit und wurden im Zweiten Weltkrieg fast aufgerieben

Dem Krieg verfallen?

Der Rückblick heute wirft zahlreiche Fragen auf. Nur zwei möchte ich uns Jesuiten stellen:

1.) Warum haben so viele Menschen vom Ersten Weltkrieg Erlösung und Befreiung erwartet? Hat die christliche Verkündigung vom Evangelium zu wenig gegriffen? Hatten wir als Jesuiten sie in ihrer Tiefe erfasst? Was bedeutet es, sich durch Selbstbehauptung und Gewalt befreien zu wollen? Ist es nicht eine inhärente Versuchung, der wir auch heute auf viel subtilerer Ebene immer wieder begegnen? Prometheus oder der Gott der Bibel, für den die Juden im 20. Jh. exemplarisch standen und für den auch viele Christen im 21. Jh. stehen, bleiben die Alternative.

2.) Selbstverständlich sind wir Jesuiten immer Kinder unserer Zeit. Doch wie gelingt es, gegenüber dem Zeitgeist einen eigenen Standpunkt einzunehmen, nicht in ihm aufzugehen? Trägt unsere geistliche und intellektuelle Ausbildung genügend dazu bei, in kritischer Unterscheidung das Zeitgeschehen zu beurteilen? Haben wir Kraft und Mut, als Orden einen Weg nicht in Abschottung jedoch in unterscheidender Profilierung zu gehen? Neben dem Rebellisch-Ablehnenden des Prometheus existiert schliesslich auch das Alternativ-Bejahende des Evangeliums.

Ein ruhigerer, kontemplativerer und reflexiveren Lebensrhythmus ist unerlässlich, um den alternativen Gestaltungswillen zu fördern. Zu naives Mitgehen mit dem vielfältigen und oft unübersichtlichen Geschehen unserer Zeit, sei es in blosser Reaktion oder Antireaktion auf den Zeitgeist, genügt nicht. Wir sind immer neu zu Unterscheidung und Orientierung gerufen.

Christian Rutishauser SJ
Provinzial der Schweizer Jesuitenprovinz

Foto: dpa / picture-alliance

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