THE LAST OF US: Was macht eine Pandemie aus Menschen, Moral und Glaube?

Das Ebolavirus ist 2015 in Westafrika zu einer Epidemie geworden, im Mittelalter gab es Pestepidemien. Bisher blieben Seuchen lokal begrenzt. In Büchern, Filmen und Spielen wird schon seit längerem thematisiert, was passieren kann, wenn aus einer lokalen Epidemie oder aus einem bisher scheinbar harmlosen Virus eine globale Pandemie wird. Welchen Einfluss hat das auf Mensch, Moral und Gottesglaube?

E3 Expo (Electronic Entertainment Expo) in Los Angeles

Foto: dpa /picture alliance

Epidemien stürzen das gewohnte Leben um

Im Mittelalter war es die Pest, die im 14. Jahrhundert als „schwarzer Tod“ mit etwa 25 Millionen Toten ein Drittel der europäischen Bevölkerung elendig sterben ließ. In der Moderne sind es verschiedene Viren, die die Gefahr einer Pandemie in sich tragen, wie H5N1 (Vogelgrippe), MERS-cov (Middle East respiratory syndrome coronavirus) oder auch Ebola. Das Ebolavirus, das bisher meist zurückgezogen im Afrikanischen Regenwald schlummerte, hat sich nun zur lokalen Epidemie entwickelt. Von Guinea aus hat es sich nach Sierra Leone und Liberia ausgebreitet. Auch andere Länder melden Verdachtsfälle, die teilweise auch bestätigt werden. Mittlerweile gibt es fast 10.000 gemeldete Infektionen und beinahe 5000 Tote. Abhängig davon mit welchem Typ des Ebolavirus man sich infiziert hat, liegt sie Sterblichkeitsrate bei 50 bis 90%. Aus dem Nichts kam auf einmal das Virus und infizierte Tausende und brachte die ganze soziale Ordnung binnen Tagen auseinander. In Liberia wurden bereits alle Schulen geschlossen, die Grenzen abgeriegelt. Das Land ist eine No-Go-Area für Touristen geworden. Die WHO, die World Health Organization, fürchtet die Kontrolle zu verlieren. Ebola droht außer Kontrolle zu geraten. Dann kann das passieren, was bisher nur in Büchern und Videospielen vorkommt: Eine Seuche bestimmt das Leben der Menschen, der Alltag wird zur chronischen Katastrophe.

Mediale Dystopien: THE LAST OF US

In den Medien wird schon lange über die Frage: „Was wäre wenn?“ spekuliert. Was wäre, wenn sich eine Epidemie zu einer globalen Seuche entwickeln würde, und die gesamte Zivilisation und bisherige Ordnung aus den Fugen geraten würde? Was wäre, wenn nicht alle Menschen nach einer Infektion sterben würden, sondern einige als infizierte Zombies gleichsam die restlichen Überlebenden bedrohten? Wie lebt der übrig gebliebene Rest der Menschen in so einer Situation? Gibt es noch Moral? Gibt es noch Glauben? Gibt es noch die Frage nach Gott? Filme, Bücher und Spiele behandeln diese Fragen, wenngleich meist in unterschwelliger Art und Weise. Man denke zum Beispiel an das Buch und den gleichnamigen Film I AM LEGEND, auch an den Comic und die Serie THE WALKING DEAD. Eine postapokalyptische Welt ist ebenfalls Thema im PlayStation Spiel THE LAST OF US.

THE LAST OF US – totale Destruktion durchgespielt

In diesem Spiel, das zig Preise als Spiel des Jahres 2013 gewann, mutiert im Jahr 2013 ein Pilz der Cordyceps Gattung, der in der Realität eigentlich nur Ameisen befallen kann, zu einer Spezies, die auch den Menschen infiziert. Die Sporen dieses Pilzes nisten sich im Menschen ein und beginnen die Kontrolle über sein Gehirn zu gewinnen. Dass Tierkrankheiten auf Menschen übergreifen, Zoonose genannt, hat es immer gegeben. Ein Beispiel ist das HI-Virus. Die im Spiel von diesem Pilz infizierten Menschen reagieren ähnlich wie degenerierte Zombies. Sie haben nur ein Ziel: Andere Nichtinfizierte zu beißen, um auch sie zu infizieren. Wenn sich der Pilz in den Menschen ausbreitet, agieren sie wie brutale Raubtiere, die nur auf Beute aus sind, jede Menschlichkeit ist ihnen genommen. Die Coryceps-Mutation wird zu einer weltweiten Pandemie, gegen die es keine Medizin gibt und tötet nahezu die gesamte Menschheit. So kommt es, dass die Welt, wie wir sie kennen, im Jahr 2013 vollkommen aus den Fugen gerät und das zentrale Ziel nun nicht Familie und Arbeit oder persönliche Selbstverwirklichung, sondern das bloße Überleben wird.

Töten, um zu überleben

Man überlebt in dieser Welt nicht, indem man nett ist, sondern indem man tötet, um nicht getötet zu werden. Es gibt keine Hoffnung in diesem Spiel. Es gibt kein Heilmittel, keine Besserung, entweder sind die Menschen infiziert oder meist zu Mördern geworden. Es gibt fast nur noch Banditen oder Soldaten. Das Militär versucht mit Waffen die Kontrolle zu behalten. Eine Rebellenorganisation, Fireflies genannt, will gegen das Militär selbst die Kontrolle übernehmen. Überleben ist die einzige Maxime, die es gibt. Es gilt immer zu überlegen, welche Menschen einem wichtig sind, welche sozialen Beziehungen es wert sind, dass man sie schützt und welche Menschen man dafür töten muss. Nicht umsonst heißt ein Satz in dem Film:

„you either hang onto your morals and die, or do whatever it takes to survive“ [entweder hängst du an deiner Moral und stirbst, oder du tust was immer möglich ist, um zu überleben.]

Humane Refugien und die Frage nach dem Himmel

Dennoch begegnet auch die Frage nach endzeitlicher Erlösung, nach dem Himmelreich. In The Last of Us fragt Sam, ein Jugendlicher, Ellie, ein 14jähriges Mädchen und spielbaren Charakter, ob sie daran glaube, dass es trotz all dieser Seuche und dem Verlust von Freunden und Familie einen Himmel gebe, im dem man seine verstorbenen Angehörigen und Freunde wiedersehe. Sie antwortet: „I would like to believe it“ [Ich würde es gern glauben] und fährt dann fort, als er nachfragt, ob es sie es denn glaube: „I guess not“ [Ich denke nicht]. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass Sam von infizierten Menschen gebissen bzw. angesteckt wurde, er beginnt nun selbst in einen Zombie zu mutieren und wird deshalb von seinem älteren Bruder erschossen. Sams älterer Bruder konnte nicht ertragen, dass Sam zu einem Monster wurde und jede Menschlichkeit verliert, ebenso kann er jedoch nicht ertragen, seinen Bruder erschossen zu haben. Im Affekt hält er dann die Pistole gegen seine eigene Schläfe und drückt ab. Ellie überlebt Sams Angriff unverletzt, hat erneut vertraute Menschen verloren und kämpft den hoffnungslosen Überlebenskampf weiter. Vertrauen und Hoffnung werden so zu einer bitteren Niederlage ohne Ende. Oft töten sich Infizierte selber, um nicht zu einem von einem Pilz kontrollierten Monster zu werden oder qualvoll zu sterben. Es ist aber immer gefährlich, mit jemandem ein Leben zu teilen, sein eigenes Leben jemandem anzuvertrauen, denn der Andere ist auch ein potenzielles Überlebensrisiko. Bill, ein Charakter in dem Spiel, resümiert daher treffend:

„Once upon a time, I had somebody that I cared about and in this world that sort of shit is good for one thing: getting you killed.“ [Einst hatte ich jemanden, der mir wichtig war und in dieser Welt ist diese Art von Scheiße nur für eines gut: um getötet zu werden.]

Das Bemerkenswerte in dieser Welt voller Enttäuschungen, Verluste und Kämpfe, in der vieles wie sinnloses Durchhalten wirkt, ist allerdings, dass dennoch alle menschlichen Empfindungen und Tugenden vorkommen. Neben Hass, Verzweiflung Bitterkeit und dem Töten, um zu überleben, gibt es auch Trauer, Angst, Mut, Freundschaft, Opferbereitschaft und Liebe. Die schlechtesten und besten Eigenschaften des Menschen kommen zum Vorschein. Es kommt trotz der erlebten Hoffnungslosigkeit immer einmal ein Funke Zuversicht auf. Ellie wird zur Hoffnungsträgerin, da sie trotz Infektion mit dem Cordyceps, durch Biss eines Infizierten, nicht zu einem Zombie wird. So will Joel, Ellies Aufpasser und Vaterersatz, sie in ein Krankenhaus bringen, in dem ihre Resistenz untersucht und zum Wohle der Menschen genutzt werden kann. Dazu reisen sie von Boston, an der amerikanischen Ostküste, nach Salt Lake City, tief im Westen der USA.

Die Menschen bleiben sinnbezogen

Die Welt ist wunderschön und grausam. Wenn es möglich ist, versucht man in allem Elend die Momente der Schönheit, einen Sonnenaufgang oder eine grandiose Aussicht, zu bestaunen. Es gibt Liebesbeziehungen, Kinder werden geboren, aber zugleich werden Menschen infiziert und erschossen. Das kann immer und überall passieren. Die Sporen des Cordyceps-Pilzes kennen keine Grenzen, kein Alter, keine Gnade, sie kommen und verseuchen. Wo sie wollen, wen sie wollen. Die Rettung der Menschheit durch Ellies Resistenz scheitert jedoch, da  Ellie getötet werden müsste um ihre Resistenz für andere zu sichern. Joel lässt dies nicht zu und tötet alle, die Ellie für ein eventuelles Überleben der Menschen töten wollen. So zeigt sich, was aus Menschen in der Seuche geworden ist: Außerhalb der eigenen Gruppe/Familie sind alle anderen Menschen egal. Jeder gegen jeden, Gruppe gegen Gruppe, die Grenze zwischen Gut und Böse existiert nicht mehr. Jeder kämpft ums Überleben und tut, was er dazu eben tun muss. Als Spieler hat man keinen Einfluss auf den Verlauf des Spieles, es ist eher wie interaktives Kino: Man steuert selbst die Szene solange, bis sie das vorgegebene Ende erreicht. Der letzte Rat im Spiel erteilt Joel nach ihrer Rettung an Ellie:

„I struggled for a long time with surviving. No matter what, you keep finding something to fight for.“ [Ich kämpfte lange, um zu überleben. Egal was passiert, du findest etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt.]

Ellie  scheint das nicht zu interessieren, zu philolosophisch, oder theoretisch, sie will nur eines wissen und fragt Joel am Ende, ob alles, was er ihr über die Fireflies sagte, wahr sei. Sie weiß nicht, dass Joel diese getötet hat, um Ellie zu retten. Ellie klammert sich an die Hoffnung, dass die Fireflies und ihre Resistenz gegen den Pilz die Rettung  sein könnten. Ellie lässt Joel schwören, dass alles, was er über die Fireflies sagte, wahr sei. Joel schwört ihr diese Lüge „I swear.“ Ellie wirkt nicht überzeugt, aber sagt „okay.“ Die Lüge hilft zu überleben und ist weniger grausam als die Wahrheit. Sie hält beide zusammen. Der Abspann beginnt.

Josef Jung

Links über das Spiel:

Vorgeschichte über Ellie

Offizieller Youtube Kanal von Sony

THE LAST OF US als IGN Spiel des Jahres 2013 in allen Kategorien

Homepage des Spiels

5 Gedanken zu “THE LAST OF US: Was macht eine Pandemie aus Menschen, Moral und Glaube?

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