Religiöse Spurensuche – die Exerzitien: Ignatius, ein Pilger am Beginn der Neuzeit

Der Baske Inigo, Erfinder der Exerzitien, verstand sich als Pilger. Nach einer Kriegsverletzung schwört er dem Ritterideal ab, besucht den katalanischen Wallfahrtsort auf dem Monteserrat und zieht sich dann in ein kleines Bergstädtchen, Manresa, zurück. Das sollte sein ganzes Leben und das der Kirche grundlegend ändern.

Foto: dpa/ picture-alliance

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Das Bergstädtchen Manresa

Hier beginnt er ein intensives Gebetsleben und legt damit die Fundamente für die späteren Exerzitien, die auf 30 Tage angelegt sind. Dann bricht er ins Heilige Land auf. Dort kann er nicht bleiben, weil die Türken die Ansiedlung von Christen unterbinden. Zurückgekehrt entschließt er sich, Priester zu werden, lernt Latein und beginnt das Theologiestudium In Alcala fällt er der Inquisition auf, nach den Querelen in Spanien wechselt er nach Paris, findet dort die Mitstreiter für die Ordensgründung. Sie wollen nach Palästina, um Jesu in seinem Heimatland näher zu sein. Ein Krieg verhindert die Überfahrt. So wenden sie sich an den Stellvertreter Christi. Ignatius ist in Rom am Zielpunkt seiner Pilgerschaft angekommen, während Franz Xaver aufbricht und bis vor die Tore Chinas gelangt. Das ist die räumliche Beschreibung der Pilgerschaft.

In den Bewegungen der Seele die Segel richtig setzen

Die Pilgerschaft führt ihn zuerst in die eigene Seele, jedoch nicht als Selbstanalyse. Er konfrontiert sein Ich mit den Berichten der Evangelien und den dort aufgezeichneten Worten Jesu. Seine Entdeckung: In der Meditation der Evangelientexte gerät das Innere in Bewegung. Zuerst führt ihn das in die Erkenntnis, dass sein bisheriges Leben von Ehrgeiz und Stolz regiert war und er auf seinem bisherigen Weg keine Grenzlinie zur Sünde gezogen hat. Als Sohn eines Adeligen überfällt ihn Scham, nämlich Gott, der über jedem König steht, beleidigt zu haben. Nach dieser Reinigung, die noch ganz in den Kategorien mittelalterlicher Vorstellungen geschieht, öffnet sich ihm das Tor in die Neuzeit mit der Frage: Was fange ich mit meinem Leben an? Er hatte bereits eine Laufbahn in der Kanzlei eines Herzogs eingeschlagen, seine gestochen klare Schrift zeigt seine solide Ausbildung. Jedoch hat er diese Welt, die von Wettkampf und Ehrgeiz geprägt ist, verlassen. Die Zukunft steht wieder offen. An dieser Schwelle entdeckt er die Tatsache der Berufung: Es gibt einen Lebensauftrag. Gott belässt den Bekehrten nicht in einer religiösen Vagheit, sondern gibt ihm einen Auftrag, den er in seiner eigenen Entwicklung entdeckt. Er selbst fand mit seinen Fragen und dem Hin- und Her-Gerissensein keine Hilfe bei den Priestern. Nur eine alte, gebetserfahrende Frau kannte diese inneren Bewegungen, die für Ignatius oft bedrohlich schienen. Draus erwächst der Entschluss, „den Seelen“ zu helfen.

Es ist nicht nur der Geist Gottes aktiv

In dem Ringen in Manresa durchströmen den Pilger unterschiedliche Gefühlswellen. Er muss die „Geister unterscheiden“ lernen. Denn einmal vernimmt er die Stimme des Teufels, die ihm die Unmöglichkeit vor Augen stellt, diesen strengen religiösen Weg durchzuhalten. Vorher suchten ihn Selbstmordgedanken heim, ehe er lernte, auf die Barmherzigkeit Gottes zu vertrauen. Dann hat er mystische Erfahrungen, die er eindeutig dem Geist Gottes zuschreiben kann. Für die Unterscheidung der Geister, die sich zeitweise in seinem Inneren bekämpften, entwickelt er Regeln, diese zielen auf

Die innere Stimmigkeit

Als erstes nennt Ignatius „Wachstum in Glaube, Hoffnung, Liebe“. Der Lebensauftrag hilft dem Einzelnen mehr Person zu werden, dem Leben mehr zuzutrauen, sich nicht zu ducken, sondern aufrecht zu gehen und das in größerer Liebe für die Natur und die Menschen.

Innere Freude ist ein weiterer deutlicher Hinweis. Wer seinen Berufungsauftrag gefunden hat, spürt Freude, obwohl dieser Auftrag ihm einiges abverlangt. Er ist wie ein Schatz, den der für sein Leben Offene gefunden hat, ein Schatz zudem, der sich nicht verbraucht. Die Freude kommt auch daher, dass endlich das Besondere für mich gefunden habe. Ich bin da angekommen, wo nur ich genau Bescheid weiß. Andere können mich abhalten oder bestärken. Aber ob sie mich entmutigen oder nur vor einem falschen Schritt warnen, ob sie mich bestärken oder mich nur für das Interesse einer Institution, einer Firma einsetzen, kann nur ich erkennen, nämlich daran, ob es mein Leben sein wird.

Ein weiteres Indiz für das Richtige ist die innere Ruhe. Ich muss nicht mehr suchen, abwägen, mir Rat holen. Es ist, wie wenn ich auf dem Gipfel eines Berges angekommen bin. Ich muss nicht weiter den Weg suchen, ich kann mich hinsetzen und in Ruhe die Landschaft betrachten. Denn mit der wichtigen Entscheidung habe ich mein Leben in die Hand genommen. Ich stehe nicht mehr unten am Berg und überlege, ob ich mich entscheide oder nicht, sondern ich habe mich durchgekämpft, ich habe mich für eine Ausbildung, ein Studium entschieden, mich für das Schlussexamen durchgerungen, einen Vertrag unterschrieben, den Rucksack für eine große Reise gepackt, den Gewerbeschein für meine Selbständigkeit angemeldet, das Thema für meine Doktorarbeit mit dem Professor abgesprochen. Ich muss zwar vom Berg wieder in die Niederungen des Alltags herabsteigen, nehme aber den Blick, den ich vom Gipfel aus hatte, mit in mein Leben.

Es sind also einmal die Talente, die dem einzelnen den Weg zu seiner Einmaligkeit ermöglichen. Dann sind es besondere Erfahrungen, die Neues eröffnen. Darunter liegen Gefühle, die tragen, wenn eine Entscheidung zu treffen, die dem Lebensschiff einen bestimmten Kurs gibt. Ich muss zwar überlegen und abwägen, aber die Kraft, mich zu entscheiden, kommt aus dem Gefühl.
Wenn sich das Innere auf Gott ausgerichtet hat, dann erkennt der Mensch mit allen Sinnen, wie Gott in allem Geschaffenen mit seiner Liebe wirkt. Ignatius legt eine Betrachtung zur Erlangung der Liebe vor. Sie besteht rückblickend im Dank und dann in einem neuen Blick auf das Wirken Gottes:

Schauen,
wie Gott in den Geschöpfen wohnt:

in den Elementen,
indem er Sein gibt;
in den Pflanzen,
indem er belebt; in den Tieren,
indem er Wahrnehmen schenkt;
in den Menschen,
indem er Verstehen gibt;
und so in mir,
indem er mir Sein gibt;
indem er beseelt;
indem er Wahrnehmen macht
und indem er mich verstehen macht;

ebenso indem er einen Tempel aus mir macht,
da ich nach dem Gleichnis und Bild seiner
göttlichen Majestät geschaffen bin.

Exerzitienbuch Nr. 235

Das Exerzitienbuch ist keine Erzählung, kein Bericht, sondern eher wie ein Handbuch für das Segeln zu lesen. Es gibt den Aufbau der 30-tägigen Übungen vor und hält viele Hinweise bereit, auf was der Exerzitienbegleiter beim Exerzitanten achten soll. In diese kurzen Anmerkungen sind die jahrelangen Erfahrungen des hochbegabten Seelenführers eingegangen. Den Prozess, den Ignatius selbst durchgemacht hat, schildert er in dem von ihm diktieren „Bericht des Pilgers“. Ehe man einen Blick in das Exerzitienbuch wirft, sollte man diesen Bericht lesen.

Eckhard Bieger S.J.

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