Freiheit im digitalen Zeitalter

Foto: Verlag„Wenn ich etwas will, dann kann ich es in Freiheit wählen.“ Das denkt wahrscheinlich der durchschnittliche Bürger, surft noch ein wenig im Internet, postet schnell etwas bei Facebook, bestellt kurz im Internet, was ihm gerade noch einfiel, ist zufrieden und versteht die Kritiker nicht, die die neue Datenwelt eher meiden und die Gefahren betonen. Manche Kritiker verfallen tatsächlich dem Drang, den Untergang des Abendlands zu beschwören, sehen sich durch NSA bestätigt und verteufeln die neuen Medien, Internet oder Smartphone, weil auf diese Weise „verderbliche“ Inhalte leicht transportiert werden können, man denke nur an Kinderpornografie.

Freiheit durch Gemeinschaft

Eine solche Medien- und Internetschelte ist recht oberflächlich. Byung-Chul Han, der 1959 in Korea geborene und jetzt in Berlin lehrende Philosoph, geht seine Analyse grundsätzlicher an. Er beginnt mit einem Gedanken von Karl Marx, womit schon deutlich wird, dass die Kritik an den neuen Medien in eine Gesellschaftskritik eingebettet sein muss, die wiederum durch eine bestimmte anthropologische Grundposition bestimmt ist. Karl Marx und Friedrich Engels definieren in „Die deutsche Ideologie“ die Freiheit von der Gemeinschaft her, frei ist, wer eine gelingende Beziehung zum anderen aufbauen kann. Und an dieser Stelle setzt Byung-Chul Han an und geht damit weit über eine übliche Analyse der digitalen Welt hinaus.

Und über Michel Foucault hinaus

Die Freiheit der Wahl ist im Gegensatz zu dem, was Michel Foucault noch meinte feststellen zu können, keine Frage mehr der Macht bzw. herkömmlicher Machtinstrumente und Unterdrückungsmechanismen. Es finden im digitalen Zeitalter bezogen auf die Freiheit der Wahl keine Disziplinierungsmaßnahmen mehr statt. Im Prinzip können die Menschen der westlichen Hemisphäre tun, was sie wollen. Die Menschen haben die Produktivkräfte in der Hand, sie sind ihre eigenen Unternehmen und beuten sich selbst aus. Es gibt nicht mehr Proletariat und Bourgeoisie, sondern – so müsste man Byung-Chul Han folgen – Idioten und Normale.

Transzendenz und Immanenz

Die Normalen sind einer Autoaggressivität ausgeliefert, die sich zur Depression entwickelt. Dies ist dadurch bedingt, dass die neuen Subjektivierungsformen eine Transzendenz erzeugen. Der Mensch als Unternehmer seiner selbst muss sich stets optimieren und kann nicht auf der Immanenzebene verbleiben. Die digitale Gesellschaft beruht darauf, dass Informationen möglichst ohne Reibungsverluste weitergeleitet und ausgetauscht werden können. Kontextunabhängigkeit und Gleichförmigkeit sind Garanten für eine störungsfreie und schnelle Kommunikation. Eine Innerlichkeit oder Eigenart, die für einen Idioten kennzeichnend sind, werden in der digitalen Welt durch die Selbstentblößung aufgehoben.

Unsichtbare Macht

Die grenzenlose Freiheit, die die Selbstbekundungen und der unendliche Zugriff auf Informationen eröffnen, verdeckt die Macht, die nicht mehr als Unterdrückung erscheint, sondern als Verführung und psychopolitische Technik. Die Macht ist nicht sichtbar und dadurch dass Freiheit als freie Auswahl zwischen Angeboten besteht, sind nicht mehr repressive Mechanismen vorhanden und die Freiheit scheint total zu sein. Es besteht keine Biopolitik, also der Zugriff auf den Körper oder die Arbeitskraft. Quasi religiöse Formen, wie sie bereits Walter Benjamin beschrieben hat, sind Kennzeichen des Kapitalismus in seiner neoliberalen Fortentwicklung.

Subjekt oder Projekt

Konnte sich der unterdrückte Mensch noch als Subjekt verstehen, so ist er im digitalen Zeitalter der Protagonist seiner Projekte. Um Projekte steuern und nach vorne bringen zu können, bedarf es der Motivation, die eng mit Emotionen verbunden sind. Der Eingriff in die Psyche findet an dieser Stelle statt und gelingt am besten, wenn das Subjekt nur noch Projekt ist. Damit Handlungen schnell und effektiv initiiert werden können, müssen sie vor einem reflexiven Abwägen stehen, da Nachdenken und in Bezug setzen eine Entschleunigung der Prozesse und Projekte zur Folge hätten.

Alles ist Spiel

Am Beispiel von Computerspielen lässt sich dieser Gedanke veranschaulichen. Heutige Games beschleunigen das Handeln durch Belohnungs- und Bestrafungssysteme. Das Grundelement vieler Computerspiele ist das Jagen. Hierbei wäre eine rationale Vorgehensweise kontraproduktiv. Eine ständige Wachheit und Aufmerksamkeit sind gefordert, irgendetwas kommt noch, die Ausrichtung ist wie eine Transzendenz. Byung-Chul Han kommt zum Schluss, dass das Kapital daher den Zugang zur Immanenz versperrt. Das Leben kann nicht Leben in der Immanenz sein, es ist immer schon ausgerichtet auf einen selbstoptimierten Zustand, der keine Grenze hat.

Romantik und Dionysos

Byung-Chul Han bleibt nicht bei einer Analyse stehen, die als Abgesang der Kultur völlig missverstanden wäre, der Philosoph setzt den Entwicklungen eine gewisse Form der Romantisierung und eine Entpsychologisierung des Subjekts entgegen. Es ist ein Lobgesang auf Unterbrechungen, das Zufällige, das Idiotische als Entdeckung des ganz Anderen, die Häresie. Und wer das neue Buch von Byung-Chul Han lesen will, der muss den digitalen Sturm für eine Weile unterbrechen. Es lohnt sich, weil man sich im digitalen Zeitalter besser versteht und für das dumpfe Gefühl, das einen immer beschlichen hat, einige hervorragende Erklärungen oder bestätigende Hinweise bekommt. Die Lektüre stachelt auch dazu an, einige wesentliche Aspekte des Menschseins und der Gemeinschaft radikal zu denken. Byung-Chul Han deutet dabei die notwendigen Konsequenzen nur an. Und es wird keine Revolution geben, sondern eine große Unterbrechung.

Byung-Chul Han, 2014. Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken.
S. Fischer Wissenschaft. Weitere Informationen zum Buch auf: http://www.fischerverlage.de/buch/psychopolitik/9783100022035.

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