Charlie Sheen – Vorbild oder abschreckend? Das Menschenbild in “Two and a Half Men“

 Bis zu seinem Rauswurf aus „Two and a Half Men“ verkörperte Charlie den zynischen Weiberhelden, der mit wenig Arbeit, aber Haus, Geld und Charme alles bekam, was er wollte. Er verlachte in der Serie die Welt und hatte trotz latenten Mittelfingerzeigs stets Erfolg. Was ist das für ein Menschenbild, das die Serie zeigt? Ist Charlie Sheen das Vorbild des 21. Jahrhunderts oder letztlich doch eine tragische Gestalt?

Bild: Joella Marano (flickr), Lizenz: CC (BY 2.0)

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Der Mensch Charlie Sheen

Charlie Sheen wurde 1965 in New York als drittes von vier Kindern als Carlos Irwin Estévez geboren. Sein Vater ist der Schauspieler Martin Sheen (Ramón A. G. Estévez), seine Mutter Reneé Estévez. Während sein Vater Martin oft durch christliche Rollen und die Verkörperung des guten Menschen auffiel, zum Beispiel im Film „the Way“ (2010) in dem den Jakobsweg ging, grenzt sich Charlie durch seine Serien wie im privaten Leben davon ab. Charlie lobt und nimmt bzw. nahm Drogen, schlägt Frauen, und entgegnet in einem Interview der Frage, ob er bipolar sei: „I’m bi-winning. I win here and I win there. Now what? If I’m bipolar, aren’t there moments where a guy like crashes in the corner like, ‚Oh my God, it’s all my mom’s fault!‘ Shut up! Shut up! Stop! Move forward.“ Das Geld um „voranzuschreiten“ hat er. Als er 2011 aus der Serie „Two and a Half Men“ rausgeschmissen wurde – da er wiederholt den Produzenten beleidigte und durch private Ausfälle auffiel – drehte er  2012 die Serie „Anger Management“. Charlie Sheen spielte dort einen Anti-Aggressionstrainer.

Wird Moral als Rachewerk der Schwachen entlarvt?

Charlie Sheen verlacht die Welt und sie gibt ihm ihr Geld. Er geht schlecht mit  Frauen um und heiratet dennoch nun zum vierten Mal – wieder eine deutlich jüngere Frau. Charlie Sheen sieht sich anderen gegenüber als überlegen: „I am on a drug. It’s called Charlie Sheen. It’s not available. If you try it once, you will die.“ Wozu also Moral, wenn alles top läuft, auch oder gerade wegen der Nichtbeachtung der gesellschaftlichen Spielregeln? Hat er von Nietzsche gelernt? Dieser schreibt in „Jenseits von Gut und Böse“:

„Es giebt Herren-Moral und Sklaven-Moral […] Der Blick des Sklaven ist abgünstig für die Tugenden des Mächtigen: er hat Skepsis und Misstrauen, er hat Feinheit des Misstrauens gegen alles ‚Gute‘, was dort geehrt wird —, er möchte sich überreden, dass das Glück selbst dort nicht ächt sei. Umgekehrt werden die Eigenschaften hervorgezogen und mit Licht übergossen, welche dazu dienen, Leidenden das Dasein zu erleichtern: hier kommt das Mitleiden, die gefällige hülfbereite Hand, das warme Herz, die Geduld, der Fleiss, die Demuth, die Freundlichkeit zu Ehren […].“

Ganz anders hingegen gilt nach Nietzsche für die Herrenmoral: der Glaube an sich selbst, der Stolz auf sich selbst, eine Grundfeindschaft und Ironie gegen ‚Selbstlosigkeit‘ gehört ebenso bestimmt zur vornehmen Moral wie eine leichte Geringschätzung und Vorsicht vor den Mitgefühlen und dem ‚warmen Herzen‘ – Macht Charlie Sheen also alles richtig, da er der Herrenmoral folgt, als jemand, der nicht Sklave, sondern mächtig ist? Gibt der Erfolg Charlie Sheen Recht? Ist Charlie Sheen der Übermensch im Sinne Nietzsches? – Ein „Typus höchster Wohlgeratenheit, im Gegensatz zu ‚modernen‘ Menschen, zu ‚guten‘ Menschen, zu Christen und andren Nihilisten“? (Nietzsche, Ecce Homo). Mit Nihilisten sind hier diejenigen gemeint, die die Welt und ihre Wirklichkeit zugunsten eines Jenseitigen geringschätzen oder verachten, sie also in ihrer absoluten Gültigkeit nihilieren – verneinen. Charlie Sheen als jemand, der den Weltbezug radikal lebt, der der Erde treu und himmlischen Vertröstungen widerständig ist?

Die Moral der Gesellschaft und die Moral als inneres Prinzip

Auf der anderen Seite der Moral, die im Grunde weitgehend gesellschaftlich rezipiert ist, steht die autonome Moral nach Kant. Diese beruht vor allem auf dem kategorischen Imperativ, der auf Vernunft zurückgeht und von denen zwei Formeln hier genannt werden: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ – Die Maxime muss also ohne Widerspruch allgemein durchführbar sein, und: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Der Mensch soll also nie Mittel zum Zweck sein. Ein Beispiel für Kants Moral ist Charlie Sheen nicht – als allgemeines Gesetz würden seine Maximen keine Gesellschaft ermöglichen. Die Menschen zu Mitteln zu gebrauchen ist weiterhin eine nützliche Methode für Charlie. Das moralische Gesetz, das Kant im Menschen angelegt sieht, scheint Charlie Sheen einfach ignorieren zu können. – „So what?“ – Ebenso scheint er sich zu der „goldenen Regel“Jesu zu verhalten: Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12).

Ist Charlie Sheen ein Held?

Es handelt sich bei der Bewertung Charlie Sheens als Held oder Verlierer um eine Glaubensfrage, die vom Standpunkt abhängt. Sicherlich ist er unmoralisch im Sinne der allgemein verstandenen Moral.  Aber macht ihn das zu einem unglücklichen Menschen? Zumindest präsentiert er sich öffentlich als Sieger.  Ein Verlierer ist er zumindest darin langfristig viele Menschen verloren und enttäuscht zu haben. Allerdings zeigt sich, wie Charlie im Zuge seines Outings als HIV-postiv deutlich machte, dass er letztlich eben nicht glücklich, sondern depressiv und kaputt ist. Vieles von seinem Auftreten offenbart sich damit als Show und Schein, als unecht und geschauspielert.

Als Charlie Sheen in der Serie „Two and a Half Men“ stirbt, bespucken viele seiner früheren Frauen sein Grab. Sie verachten ihn. Sie spucken, aber sie sind da und sie sind viele. Charlie Sheen lebt seine Bedürfnisse, auch im sexuellen Bereich vollkommen aus. Auch hier ist Nietzsche wieder Stammesvater: „’Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff ‚unrein‘ ist das Verbrechen selbst am Leben, – ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.'“(Nietzsche, Ecce homo)

Letztlich hängt das Scheitern oder das Gewinnen des Lebens auch davon ab, ob dem Leben ein Sinn zukommt, der jenseits der eigenen Leistungen und Möglichkeiten liegt, der gegeben und nicht geleistet wird. Verneint man diese Frage, kann man im exzessiven Hedonismus die größte Tat sehen. Denn nur im Glauben erweist es sich als Wahrheit, dass dem Herzen steht eine letzte Ruhestatt offensteht, wo es nur zu finden und nicht mehr zu suchen hat und einen letzten Frieden findet.

Josef Jung

Verweise:

Interview mit Charlie Sheen: https://www.youtube.com/watch?v=h5aSa4tmVNM

Nietzsche, Friedrich, Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft 260 (Philosophische Werke in sechs Bänden Bd. 1), Hamburg 2013, S.196, 198, 199.

Nietzsche, Friedrich, Ecce Homo. Wie man wird, was man ist, München 42007, S. 54, 62.

Kant, Immanuel, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften Bd. 4. Berlin 1900ff.) S. 241, 429.

Bild: Joella Marano (flickr), Lizenz: CC (BY 2.0)

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