Wenn Mauern singen: Jan Gabarek im Trierer Dom

Foto: dpa / picture-allianceEin Dom, Sinnbild für Kirche und Religion. Ort des Gebets und der Eucharistie, ausgestattet mit kunstvollen Fenstern, Bildern, Reliefs, Skulpturen, Bildhauerei und vielen Kunstgegenständen. Hier lassen sich die Spuren religiösen Lebens und der Kirchengeschichte finden. In vielen Städten bestimmen sie das Stadtbild, Köln ohne Dom wäre nicht Köln. So ein Dom verweist auf die Bedeutung der Kirche für Stadtgeschichte und Gesellschaft, er ist Ausdruck für die Macht der Kirche.

Sakral-Musik für sakrale Räume

Das Innere eines solchen Gebäudes vermittelt für einen gläubigen Menschen eine „heilige“ Atmosphäre, er fühlt sich hier aufgehoben und geborgen, weil er den Raum als Gotteshaus denkt und fühlt. Andere Menschen bewundern die Architektur, die Kunst und auch den Klang, der in solchen „Hallen“ möglich ist. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Konzertveranstalter einen Dom gerne als Veranstaltungsort aussuchen. Das Domkapitel wird ein solches Ansinnen wohl nur selten positiv beantworten, denn es ist ja ein Kirchenraum und schnell könnte dieser Ort durch unpassendes Benehmen der Konzertbesucher oder auch eines allzu fragwürdigen Musikprogramms „entweiht“ werden.

Der Jazzmusiker Jan Gabarek und das Hilliard-Ensemble dürfen dort auftreten. Der Dom zu Speyer, St. Agnes in Köln, der St. Petri Dom in Bremen, das Ulmer Münster und der Hohe Dom zu Trier öffneten oder öffnen noch ihre Türen für diese Musiker. In Trier fand 1997 eines der ersten Livekonzerte des Saxophonisten und der vier Sänger statt. Vor 17 Jahren spielten sie allerdings nicht im Dom, sondern in der Konstantinbasilika, die seit 1856 von der evangelischen Kirche genutzt wird. Im Rahmen des Moselmusikfestivals gaben sie im Rahmen ihrer Abschiedstournee ein Nachtkonzert in der ältesten Bischofskirche Deutschlands.

Das Gebäude wird zum Instrument

Der Raum war dunkel, nur wenig illuminiert und die Ankündigung des Veranstalters, dass auf die Zuhörer eine Stunde voller Mystik warte, passte ins Bild. Die New York Times formulierte es etwas anders mit den Worten, „Wenn das Saxofon das Sakrale umarmt“. Die Musiker begannen mit ihrem Spiel. Sie standen nicht auf einer Bühne, sondern erzeugten Klänge, durchschritten den Raum und fanden sich schließlich im Altarraum zusammen. Das Repertoire reichte von vierstimmigen Mariengesängen des Pérotin bis zu Werken von Arvo Pärt, einem zeitgenössischen Komponisten. Ein Programm wie bei anderen Konzerten üblich gab es auf Wunsch der Musiker nicht. Durch die Akustik des Doms bedingt war der gesungene Text nur mit größter Mühe zu verstehen, zu hören war mehr ein Klangteppich, der vom kristallklaren Ton des Saxophons getragen oder gezogen wurde. Die Zuhörer ließen sich nach einiger Zeit auf diese Klangsphären ein, was daran zu bemerken war, dass das inzwischen bei Konzerten übliche Getuschel und Husten deutlich abnahm. Es entstand der Eindruck, dass nicht mehr die Protagonisten Jan Gabarek und das Hilliard-Ensemble die Musik erzeugen, sondern der Dom zum Instrument wurde, ein „transzendentes Raumgefühl“, wie in der Frankfurter Rundschau zu lesen war.

Was jedoch ist ein solch transzendentes Raumgefühl in einem Dom? Beim Orgelspiel oder Gesang eines Kirchenchors wäre eine Erklärung recht einfach. Zur Ehre Gottes wird gesungen und gespielt, es sind offensichtlich und bekanntermaßen Texte oder Bezüge zum Glauben vorhanden. Der Gedanke an Transzendenz drängt sich auf und ergibt sich aus dem Selbstverständnis sakraler Musik. Ort und Musik sind aufeinander bezogen. Es sind keine religiösen Spuren, es ist Religiosität. Ein Kirchenchor, der in einem weltlichen Raum singt, könnte je nach dem Ort des Auftretens enorme Irritationen auslösen. Anders wäre es, wenn eine Band wie Rammstein in einer Kirche spielt. Dies hätte keine Irritation zur Folge, sondern würde heftigste Reaktionen bewirken und als Sakrileg empfunden werden, es wäre wie eine schwarze Messe ein Rebellieren gegen Transzendenz und ein Feiern des Antigotts. Bei einem solchen Konzert wäre der Dom allein durch die Lautstärke gezwungen mitzuvibrieren. Transzendenz würde den Zuhörern mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in den Sinn kommen, eher Begriffe wie Wut oder Macht.

Sakrale und andere Räume werden durchlässiger

Jan Gabarek und das Hilliard-Ensemble können ihre Musik auch in ganz anderen Räumen machen, ohne dass die Zuhörer dies als befremdlich empfinden. Sie treten in Zechenhallen, Schlössern oder sonstigen weltlichen Orten auf. Die Musik berührt, es sind exzellente Musiker, die durch ihre Kunst begeistern, und ihre Musik ist im gewohnten Verständnis nicht religiös. Wenn Musiker wie diese in Kirchen Musik machen, dann bringen sie eine bestimmte Betonung religiöser Spuren in den sakralen Raum. Es gab und gibt Künstler, die als Bildhauer, Architekt oder Musiker keinen inneren Bezug zur Religion haben, die jedoch sehr gut in ihrem Fach sind. Gelingt ihnen etwa eine Skulptur wie die Pieta im Petersdom, dann spricht das Schöne und verbindet sich mit dem Religiösen, wie zwei Parallelen, die sich im Unendlichen begegnen. Schönheit und Religiosität liegen eng beieinander, wobei Schönheit auch ohne Religiosität vorstellbar ist, Religiosität ohne Schönheit wäre dagegen unmenschlich. Dass Schönheit dabei auf einer sehr hohen oder abstrakten Ebene verstanden werden kann, wird durch den Gegenstand Religion vorgegeben. Aus dieser Perspektive können auch die Kritiker der Liturgiekonstitution nach dem II. Vaticanum, wie Alfred Lorenzer und Martin Mosebach, verstanden werden. Es ist eine Häresie, wenn dem Religiösen die Formen genommen werden, die Schönheit möglich machen. Natürlich muss man deshalb nicht beim Tridentinischen Ritus bleiben, aber schön muss es sein.

Kunst und Musik im sakralen Raum haben daher ihre Berechtigung. Sie betonen, auch wenn sie nicht religiös motiviert sind und keinem religiösen Verständnis entstammen, das Ästhetische des Religiösen. Im Gegensatz zu geschlossenen Systemen, wie sie vorkonziliar noch bestanden haben mögen, ist die Pluralität eine andere geworden. Das Säkulare oder Weltliche ist in diese Ästhetik einbezogen und kann unangepasst wirken. Die religiösen Spuren oder Religiosität werden dann nicht direkt erspürt, sondern von der Parallele aus betrachtet. Und vielleicht ist dies das Ungewohnte im Umgang mit Religion und Spiritualität, man befindet sich nicht mehr eindeutig auf der Geraden Religion, die Rückbezüge zur Tradition sind schwach, die Verbundenheit mit der jeweiligen Kirche sporadisch und das religiöse Wissen gering. Religiöse Spuren werden gefunden wie losgelöste Phänomene oder wie mit anderen Dingen verbundene Anhängsel. Was Jan Gabarek und das Hilliard-Ensemble dazu meinen, ist weniger wichtig. Sie sprechen mit ihrer Musik. Und die ist außergewöhnlich schön.

Thomas Holtbernd

Foto: dpa / picture-alliance

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