Der Papst und der Atheist

Zum zweiten Mal interviewt der Gründer der Zeitung „La Republica“, Eugenio Scalfari, Papst Franziskus. Doch wieso interessiert sich ein säkularer Mensch, der sich auch im zweiten Interview zum Unglauben bekennt, für den Papst? Geht es nur um Auflage für seine Zeitung oder steckt doch noch mehr dahinter?

Papst Franziskus. Foto: dpa / picture-alliance

Papst Franziskus. Foto: dpa / picture-alliance

„Ich bin ein solcher Nichtgläubiger“

Dem Interview, das in deutscher Fassung in der ZEIT erschienen ist, geht eine Einleitung voraus, in der sich der Interviewer Scalfari als jemanden vorstellt, der nicht an Jesus glaubt: „Ich bin ein solcher Nichtgläubiger, der dennoch Jesus als humane Erscheinung liebt und seinen Mythos, seine Botschaft, seine Legende mit den Augen dessen zu schätzen weiß, der darin eine außergewöhnliche Menschlichkeit, aber keinerlei Göttlichkeit erkennt.“

Damit hat er genau den geglaubten Zeitgeist der meisten Menschen in der westlichen Welt wiedergegeben. An Jesus wird nicht mehr als „wahrer Gott vom wahren Gott“ wie im Glaubensbekenntnis geglaubt, sondern als – wenn überhaupt – Vorbild eines guten Menschen. Der Streit um Jesus ist so alt wie das Christentum selbst und ein Hauptgrund für die Trennung vom Judentum. Dennoch ist doch eines klar: Glaubt man nicht an Jesus, kann man auch das Christentum, damit den Papst und alle Reformen links liegen lassen und sich direkt dem säkularen Humanismus hingeben. So tut das z.B. die Giordano Bruno Stiftung.

Die Papst-Faszination

Was ist so interessant an einem alten Mann aus Argentinien, der für kaum einen jungen Menschen noch eine Autorität ist, der eher der autonomen Selbstverwirklichung im Wege zu stehen scheint, als ihr zu nutzen?

Gleichwohl spielt sicherlich der finanzielle Aspekt beim Interview eine Rolle, sich als Papst-Interviewer ausgeben zu können, hat was Exklusives und Besonderes. Nicht vielen ist es vergönnt, den Papst persönlich zu interviewen. Auch ist er trotz seiner vergleichsweise geringen Autorität und Macht in heutiger Zeit noch immer ein Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit. Außerdem wird Papst Franziskus als Revoluzzer im Vatikan betrachtet, obwohl er bisher keine großen Veränderungen, weder in Moral- noch in Glaubensfragen vorangebracht hat. Vor allem sein Stil ist anders als der von Benedikt: Franziskus gilt nicht als Theologieprofessor oder „Rottweiler“, sondern wird als große pastorale und sympathische Person geschätzt.

Der Atheismus hat keine Antworten

Neben den medial wichtigen Fragen nach der Mafia, dem Pädophilie-Skandal und dem modernen Mantra des Wegwünschens vom Zölibat, fragt Scalfari den Papst auch über den Glauben: „Die Seele des Sünders – auch das sagten Sie mir in unserem vorigen Gespräch – wird selbst dann gerettet werden, wenn er erst im allerletzten Augenblick bereut; er wird dennoch Gnade finden.“

Es mutet doch erstaunlich an, dass Scalfari, der sich bereits im ersten Interview dazu bekannte, nur an das Sein, das er näher hin „chaotische Energie“  beschrieb, zu glauben, so eine Frage stellt. Es zeigt sich hier doch vor allem eins: Der Atheismus hat keine befriedigenden Antworten auf die Frage nach dem Umgang des Lebens angesichts von Schuld, auf die Frage nach Hoffnung in aller anscheinenden Absurdität. Er bietet keine Erlösung und keinen letzten Halt. Zu einer chaotischen Energie kann weder gebetet werden, noch kann sie retten. Sie ist einfach chaotisch und in ihr verschwindet alles, was den Menschen ausmacht. So altmodisch, ja peinlich und völlig fremd eine religiöse Frage für einen heutigen säkular denkenden Menschen wirken mag, so sehr zeigt sie doch, dass es eine Sehnsucht gibt, die außerhalb des Glaubens nicht erfüllt werden kann. Das Seelenheil kann für den strengen Atheisten nur im gefrorenen Zustand vorkommen.

Weiterhin fragt Scalfari dann nach dem freien Willen, der Gnade und dem Bösen. Alles lauter philosophisch-theologische Fragen, die ihm doch egal sein könnten. Doch das scheinen sie ihm nicht zu sein. Er offenbart sich somit selbst als Suchender, der zwar nicht explizit Christ sein will oder kann, aber dennoch dem Glauben nicht feindlich oder gleichgültig, sondern fragend gegenübertritt. Doch was ist es, so ist man geneigt zu fragen, das Scalfari nicht Christ werden lässt? Warum scheint der Glaube dennoch keine Option zu sein? Warum die Fragen, wenn der Antwort nicht geglaubt wird?

Die Gottesfrage ist nicht tot

Auch wenn Scalfari mit den Antworten des Papstes nicht viel anzufangen scheint und bei ihm keine Kehre zum bekennenden Christen einsetzt, zeigt sich doch, dass die Fragen nach Gott, Glaube, Vergebung und Heil immer noch da sind. Die Gottesfrage ist nicht tot. Eine Erkenntnis Joseph Ratzingers wirkt hier  sehr treffend: „Der Glaubende wie der Ungläubige haben, jeder auf seine Weise, am Zweifel und am Glauben Anteil, wenn sie sich nicht vor sich selbst verbergen und vor der Wahrheit ihres Seins. Keiner kann dem Zweifel ganz, keiner dem Glauben ganz entrinnen.“ (Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum). Das Interview zeigt also ebenso viel über Scalfari wie es über den Papst offenlegt. Auch der „Atheist“ Scalfari entpuppt sich als „homo religiosus“. Er fragt nach Gott, nicht wie ein Gleichgültiger, sondern wie ein Suchender und damit ist er in der Religion und in Verbindung mit Papst Franziskus. So endet dann auch das Interview: „Wir umarmen uns ein weiteres Mal.“

Josef Jung

Foto: dpa / picture-alliance

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