Smartphone-Sucht: Zwischen Realität und Hysterie?!

Foto: dpa/ picture-allianceSeit kurzem liegen neue Zahlen zur Smartphone-Nutzung in Deutschland vor: Demnach ist die Zahl der Smartphone-Geräte von sechs Millionen (2009) auf 40 Millionen (2014) gestiegen. Eine Untersuchung de Universität Bonn hat zudem ergeben, dass die Mehrheit das Smartphone länger als zwei Stunden pro Tag nutzt. 18-23-Jährige nutzen dabei durchschnittlich alle sieben Minuten ihr Smartphone. Zudem stellen Wissenschaftler des Institutes für Informatik an der Uni Bonn einen weiteren Trend fest: Jugendliche telefonieren weniger, stattdessen nutzen sie vor allem den Nachrichtendienst WhatsApp, das Soziale Netzwerk Facebook und Spiele am Smartphone.

Dr. Stefan Kimm aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Elisabeth-Klinik Dortmund betont, dass Nutzer von Smartphones das Glückshormon Dopamin verspüren können: „Das ist vergleichbar mit einem Glücksspiel. Ich starte um etwas Tolles zu bekommen. Vielleicht ein ‚Gefällt‘ mir bei Facebook“, sagte Kimm gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Kimm warnt davor, dass das Smartphone eine dominierende Rolle im Leben junger Menschen einnimmt und sagt: „Das Smartphone ist längst das erweiterte Körperteil“ geworden.

Die wichtige Frage ist dabei aber, wie bewerten die Jugendlichen dies selber?
Und welche Medienkompetenz besitzt die heutige (Medien-) Generation?

Auch in den 80er und 90er-Jahren gab es ähnliche Debatten zum Thema Fernseh-Sucht und Computer- bzw. Computerspiel-Sucht oder auch zu den Themen Comics, Gameboys / Spielekonsolen. Dabei hat sich herausgestellt, dass die jeweiligen Jugendgenerationen immer einen eigenen Weg gefunden haben, die neuen Medien (meist) sinnvoll zu nutzen. Denn jede Generation bildet eigene Formen von Medienkompetenzen aus, um die schnell wandelnde Mediengesellschaft zu verstehen und zu nutzen. Dabei fühlen sich die jungen Generationen von den neuen Medien – wie jetzt Smartphones und Tablets – keinesfalls überfordert oder überlastet. Sie passen sich adaptiv an und bauen ihre Medienkompetenz schneller aus als vorherige Generationen.

Aus Unverständnis wird Kritik

Ältere Generationen – gerade Politiker und Wissenschaftler jenseits von 50 Jahre – haben aktuell Probleme damit, die heutige Medienwelt zu verstehen und sich anzupassen. Vielleicht auch deshalb entsteht mancherorts eine Art Hysterie und wird schnell von fehlerhaften Verhalten oder Sucht gesprochen. So auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler (CDU) die sagte: „Es besteht die Gefahr, dass sich Jugendliche übermäßig lange und zu oft im Netz aufhalten.“

Bei allen berechtigten Kritikpunkten und Suchtproblematiken (in Deutschland gelten nach aktuellen Studien vier Prozent der 14-16-Jährigen als internetsüchtig, 10 Prozent als gefährdet), die keinesfalls heruntergespielt werden sollen und dürfen, wird dabei doch von Mortler & Co. übersehen, dass das Internet (und Smartphones / Tablets die einen mobilen Zugang dafür gewähren) heute fest in die Alltagswelt fast aller Menschen verankert sind (Schule, Beruf, Privatwelt).

Schon in der Grundschule lernen Kinder den Umgang mit dem Rechner und gehen die ersten Schritte im world wide web. Als „early adapters“ haben diese einen „zeitlichen Vorsprung“ gegenüber älteren Generationen, wie Bert te Wildt, Oberazt an der Klinik für Psychotherapie in Bochum, gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung betont. Trotzdem sei es sinnvoll „medienfreie Zonen und Zeiten“ zu schaffen. Dabei komme vor allem Eltern eine wichtige Funktion zu: „Es ist ein vernichtendes Zeichen, wenn ich meinen Kind“ – zum Beispiel am Essenstisch (s. Foto) – „nie ungeteilte Aufmerksamkeit gebe“. Denn auch immer mehr Erwachsene nutzen nach Untersuchungen der Uni Bonn Smartphones regelmäßig.

Medienkompetenz fördern

Wenn wir wollen, dass die folgenden Generationen einen guten und kritischen Umgang mit modernen Medien und dem Internet lernen, müssen wir ihnen auch die Chance geben, diese Medien ungehindert zu nutzen und neue Medienkompetenzen zu bilden. Dabei wird aber ausreichend und qualifizierte Hilfe benötigt, sei es im Elternhaus, in der Schule oder später im Beruf. Und da schließt sich wieder der Kreis zum Thema Fernseh- und Computer-Sucht in den letzten Jahrzehnten. Auch hier hat sich gezeigt, wer allein gelassen wird und ein Medium zu viel nutzt, kann in die Sucht abrutschen. Trotzdem jetzt Internet & Smartphones zu „verteufeln“ ist der falsche Weg. So schön langsam und übersichtlich analoge Medien (die wie Schallplatten gerade wieder im Kommen sind) auch waren eins ist klar: Die Zukunft ist digital. Und das ist gut so.

Christian Schnaubelt
-Diplom-Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt Politik & (Neue) Medien-

Foto: dpa/ picture-alliance

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