Moderne Leistungsgesellschaft und der beschenkte Gläubige

Fotomontage: dpa / picture-allianceAm Sonntag ging mit der Fußballweltmeisterschaft das wichtigste Sportereignis neben den Olympischen Spielen zu Ende. Und Anfang dieser Woche feierten die zurückkehrenden Fussballer mit ihren Fans am Brandenburger Tor. Natürlich hätte es keine Feier gegeben, wenn die Fußballer z.B. am Anfang der K.O.-Runde rausgeflogen wären. Denn Fußball ist ein Leistungssport. Und seine Popularität ist eben darin begründet, dass er als Leistungsbilanz radikal ehrlich ist, wie wir es auch oft bei uns wünschen: Das Leistung sich wirklich für uns lohnt. Doch hat dieses Konzept auch seine Schattenseiten.

Denn in unserer Gesellschaft begegnen wir ja immer wieder anderen Phänomenen. Oft hat man das Gefühl, das ein anderer vorzogen wird, obwohl man selber wesentlich bessere Leistungen bringt. Das kann bei der Suche nach einer Arbeitsstelle sein, wenn Vitamin B wichtiger ist als die tatsächliche Kompetenz oder wenn bei einer Beförderung ein anderer schneller aufsteigt, weil er seine Leistungen besser nach oben kommunizieren kann. So wünscht man sich, dass wirklich nur Leistung zählt. Im Fußball ist das weitgehend so. Wenngleich auch immer einiges an Glück dabei ist, so siegt doch auf dem Platz nur, wer wirklich der Beste ist und nicht, wer die schönere Nase hat.

Leistung als Selbstermächtigung

Leistung ist in der idealen Vorstellung der Schlüssel zum Erfolg. Das macht diese Form des Erfolges so attraktiv, weil man ihn sich selber verdankt. Es ist damit eine Form von Freiheit. Freiheit von Zwang und Abhängigkeiten, die man durch Willen und Fähigkeiten überwindet. Man könnte von der Leistung als Instrument der Selbstermächtigung sprechen.

Bleibende Attraktivität der Leistungsgesellschaft

Dabei kann dieses Konzept auch Angst machen. Denn gerade die moderne Leistungsgesellschaft steht in der Kritik, wird als unsozial bezeichnet, da sie den schwachen am Wegesrand zurücklässt. Doch ist die Attraktivität der Leistungsgesellschaft nach wie vor ungebrochen. Zum einen, weil sie die Überwindung von traditionellen, auf Abstammung basierenden Erfolgskonzepten verheißt. Zum anderen, weil es jedem Menschen einsichtig ist, dass jener, der mit Fleiß und harter Arbeit etwas erreicht hat, auch die Früchte dieses Erfolges genießen darf.

Erfolg ist die Überwindung des Anderen

In das Kontext der Selbstermächtigung durch Leistung ist auch der berühmte „Gaucho“-Tanz einzuordnen, den einige Mitglieder der Nationalmannschaft in Berlin auf der Siegesfeier aufgeführt haben. Diese „Verspottung“ der Argentinier berührt eine grundlegende Vorstellung der Leistungsgesellschaft. Denn Leistung ist nicht nur eine Selbstermächtigung, sondern auch eine Überwindung des anderen. Denn da Erfolg eine knappe Ressource ist, muss man sich in der Regel gegen jemanden durchsetzen, um ihn zu haben. Wem das aber gelungen ist, der hat natürlich auch das Recht, seinen Erfolg darzustellen, sei es durch das Vorzeigen eines Pokals oder durch die erneute Demonstration der eigenen Überlegenheit dem Gegner gegenüber, wie im „Gaucho“-Tanz geschehen.

Das Heil kann sich der Mensch nicht verdienen

Diesem Leistungskonzept setzt das Christentum eine andere Vorstellung gegenüber. Zwar kennt  auch das Christentum gewisse Leistungsvorstellungen und manche Frömmigkeitsformen setzen darauf, sich durch besondere Leistungen den Erfolg, also den Himmel oder das Heil, zu verdienen. Doch sind diese Formen, besonders in ihren radikalen Varianten, von der Kirche zumeist mit Misstrauen beobachtet worden. Und die meisten der großen Autoren des Christentums waren sich darin einig, dass die Abhängigkeit des Menschen von Gott größer ist als die eigenen Leistungsmöglichkeiten des Gläubigen. Das Heil kann sich der Mensch nicht verdienen, weil er dazu als sündiges, begrenztes Geschöpf nicht in der Lage ist.

Vor Gott ist der Mensch Beschenkter und Bedürftiger

Freilich ist auch der Gläubige gehalten, sein Leben im Glauben zu verändern und mit der Gnade mitzuwirken. Die Werke des Menschen sind also keinesfalls gleichgültig. Sie sind jedoch nicht vorrangig, da die Initiative auf der Seite Gottes liegt. Der Mensch kann nur mit der Gnade mitwirken, die Gott ihm eingießt. Den Himmel kann nur Gott dem Menschen öffnen. Der Mensch wird in dieser Vorstellung zum Beschenkten. Das nimmt zwar Druck von ihm, weil er sich nicht selber in den Himmel heben muss. Es führt aber zugleich zu einer radikalen Abhängigkeit von Gott. Eine Selbstermächtigung wie im Leistungssport ist dem religiösen Asketen nicht möglich, er bleibt ein Abhängiger und ein Bedürftiger.

Der Himmel ist kein knappes Gut

Drastisch ist auch der Unterschied im Bereich des Erfolges. Denn der ist in der Religion nicht durch Geld, Macht oder Ruhm greifbar, sondern durch die himmlische Seligkeit, durch Erlösung oder durch Heiligkeit. Das sind aber keine knappen Güter. Gott stellt seinen himmlischen Güter in Überfülle zur Verfügung. Anders als bei der Fifa ist nicht derjenige der Gewinner, der als Letzter übrig bleibt, weil nur einer den Kampfpreis gewinnen kann. Es wird sogar derjenige besonders gesegnet, der am Ende möglichst viele auf die Ehrentribüne zu Gottvater mitbringt. Als „Heiliger Rest“ vor Gott zu treten, ist für den Christen immer eine Niederlage, für den Erfolgsmenschen der Leistungsgesellschaft hingegen ist der Gipfel einsam.

Maximilian Röll

Fotomontage: dpa / picture-alliance

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