Fußballliturgie, Arenen und spirituelle Räume

Foto: dpa / picture-allianceEs gibt Riten, aber wo ist die Religion

Das Endspiel war vorbei, der Pokal übergeben und dann wurde er wie eine Monstranz herum getragen. Vorher mussten sich die Spieler den Segen von den Honorationen abholen und das Ganze wirkte wie eine semireligiöse Veranstaltung. Das christliche Abendland findet seine religiösen Spuren oft in solchen Szenen wieder, bei denen jedoch ungewiss ist, ob sie religiös gedeutet werden oder noch irgendeinen konkreten Bezug zu den Wurzeln wie auch zu der Glaubensgemeinschaft haben, in denen sie sich entwickelt haben.

Verfallen

Andere Fundorte sind verlassene oder vergessene Kirchen, Kapellen, Wegekreuze usw. Wie in einem Museum können diese Relikte angeschaut werden, manches Mal bedarf es eines archäologischen Geschicks, weil beim Wegekreuz kaum noch etwas zu erkennen ist. Diese Zeichen des religiösen Glaubens haben keine Lebendigkeit mehr. Sie sind nicht mehr eingebunden in das religiöse Leben einer Gemeinde. Es sind nur noch Überbleibsel, die vergessen wurden und von deren Existenz auch niemand mehr weiß. Zufällig entdeckt man solche religiösen Marken bei einem Spaziergang. Eine verfallene Kirche oder Kapelle sind nicht nur nicht mehr Teil einer Glaubensgemeinschaft, die Ruine kündet von einem Aussterben. Da hat der Ort lediglich noch die Botschaft eines Endes. Es bleibt die Betrachtung von etwas, was es nicht mehr gibt und die Fantasie über die Bedeutung, die Religion hatte.

Religiöse Deutung

Daneben gibt es Phänomene, die werden religiös gedeutet, wie etwa die Liturgie beim Fußball. Da die Vergleiche sehr gut passen und die Formen offensichtlich dem entsprechen, was an religiösen Orten oder bei religiösen Zeremonien zu finden ist, liegt es nahe, dem, was religiös gedeutet wird, auch eine tatsächliche religiöse Bedeutung zuzuschreiben. Es fehlt jedoch ein direkter sowie offensichtlicher Bezug zu etwas Göttlichem. Und es mag auch sein, dass das, was jemand bei solchen Zeremonien spürt, genau dem entspricht, was jemand bei einem Gottesdienst empfinden mag. Doch es bleibt vor allem eine Deutung und ist nicht der Vollzug religiösen Glaubens.

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Der Wald als Kirche

Manche Orte lassen schaudern, scheinen etwas Geheimnisvolles zu haben, sind das, was wir schön nennen, lassen Gedanken fließen, öffnen den Blick für andere Dinge als die, die man im Alltag immer um sich hat. Diese Orte haben einen hohen Wohlfühlcharakter und werden spirituell genannt. Sie sind von der subjektiven Empfindung abhängig und stehen nicht in Bezug zu einer Glaubensgemeinschaft, was nicht bedeutet, dass andere solche Orte nicht auch spirituell empfinden. Die Deutung wird, wie bei einem Wald, den man als Kathedrale empfindet, von bereits existierenden religiösen Orten vorgenommen und ist dennoch von der Tradition, die mit einer Kathedrale verbunden ist, frei. Der Wald wird als eine sinnliche Hypererfahrung wahrgenommen, in die religiöse Motive, Gedanken, Empfindungen hinein genommen werden. Die sinnlichen Erfahrungen sind Auslöser für spirituelle Erlebnisse. Eine Kirche, eine Kathedrale usw. können auch Auslöser sein, vor allem aber sind sie eine Bestätigung, haben Wiedererkennungseffekte und bilden den Raum für die Vermittlung von Traditionen, durch die die religiösen Erfahrungen immer schon Ausdruck einer Gemeinschaft sind.

Religiöse Orte als Bildungssekrete

Die museale Präsentation vieler religiöser Orte oder die eher als Impression zu bezeichnende spirituelle Erfahrung entbehren das Wissen um Zeichen, Symbole, Einordnung in die jeweilige Religion oder Glaubensgemeinschaft sowie theologische Interpretation. Die Spuren, die dort aufzufinden sind, entsprechen eher allgemein menschlichen Erfahrungen oder können gar nicht mehr als eine religiöse Spur verstanden werden, weil das Wissen fehlt. Soll ein Phänomen, ein Gebäude o. ä. als eine religiöse Spur ausgemacht werden können, so braucht es dazu zumindest kryptische Kenntnisse, quasi das Bildungssekret eines religiösen Körpers, der durch eine Gemeinschaft gebildet wird. Der Zugang zu spirituellen oder religiösen Erfahrungen wird sicherlich durch die Sinne und Gefühle gebildet, das Wissen religiöser Inhalte und Bedeutung dient jedoch als eine Art Moderatorvariable. D. h., fehlen die Kenntnisse über Symbole, Inhalte und theologische Bedeutung, dann können religiöse Spuren nicht erkannt und religiöse Erfahrungen gar nicht gemacht, bzw. als solche benannt werden. Es bleibt ein Event, das irgendwie aufgeladen ist, einen quasi religiösen Schauder bewirkt, wie eine Liturgie erscheint, doch konsequenzenlos ist. Man erinnert sich gerne, es war eine tolle Erfahrung und das war es. Eine Gesellschaft, die geschlossen ist, die weniger multioptional ist und eine relative Einheit im Verständnis der Welt aufweist, kann sich auf das gefühlsmäßige Erfassen religiöser Spuren verlassen. Sind die Deutungsmöglichkeiten breiter, müssen konträre Meinungen akzeptiert werden, um miteinander leben zu können, dann scheint auch die Notwendigkeit zu steigen, religiöse Spuren mit dem Verstand zu erfassen und zunächst rein theoretisch anzugehen. Religiöse Bildung wäre dann auch ein Muster dafür, wie Erfahrungen eine Dauerhaftigkeit und eine Auswirkung auf das konkrete Leben haben können und nicht wie ein schönes Erlebnis verpuffen. Religiöse Spuren hätten nicht nur eine Bedeutung für religiös musikalische Menschen, sondern wären als Beispiele hilfreich, um das Menschsein in seiner Tiefe und als Mitsein zu begreifen und zu spüren.

Thomas Holtbernd

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