Eine Revue im Supermarkt macht die Liebe zum „käuflichen“ Thema

Foto: dpa / picture-allianceHysterikon Theaterstück von Ingried Lausund

Der Bühnenaufbau
Ein kleiner Kaufladen mit zwei Regalen, eine Tiefkühlbox, eine Kasse und ein Kassierer oder Inhaber. Zu kaufen gibt es hier allerdings nicht nur Dinge des alltäglichen Lebens. Auch immaterielle Güter werden wohlfeil geboten. Von Dosenmilch bis zu einem neuen Leben – alles hat seinen Preis. Alles ist „Supergeil“. Die Protagonisten sind auf der Suche: Schinken, Eier, ein erfülltes Sexleben, eine neue Liebe. Doch Vorsicht: Verpasste Gelegenheiten werden genauso von der Lebensqualitätskarte abgebucht wie Nagellack oder ein neues Auto vom Bankkonto. Sexuelle Wünsche erfüllt die Liebesdienstleisterin – die Gattin schaut drüber hinweg und lässt sich mit einem neuen Parfüm und einem teuren Abend zu Zweit trösten. Wir kaufen und verkaufen nicht nur die Dinge, wir verkaufen uns. Wir „handeln“. Warum? Wozu? Die Frage nach dem Sinn bleibt am Ende unbeantwortet. Die Darsteller schauen auf den Boden. Die „wa(h)re Liebe“ wurde nicht gefunden. Der Tod oder ein neues Leben – ein Ausweg oder nur alles noch einmal? Was kann der Mensch wissen, tun, hoffen?

Liebe lässt sich nicht verdienen

Wenn Liebe nicht etwas wäre, das geschenkt wird oder eben nicht, sondern für € 3,50 im Supermarkt gekauft werden könnte, dann wäre die Welt sicher eine bessere, oder etwa nicht? Die Frustration mancher Kapitalisten gründet in der Illusion der Attraktivität durch Äußerlichkeiten: Man müsse der Liebe praktisch nur ein Haus mit einer schönen Parkanlage bauen, dann komme sie ganz von selbst. Kommt sie dann eben nicht, kauft man sich halt die Leute, die einen umgeben: Ich lade Dich ein, Du lädst mich ein, ich schenke Dir dies, Du mir das, solange die Bilanz am Ende stimmt, bleibe ich, sonst gehe ich woanders hin. Einfache Regeln für einfache Menschen – passt aber nicht, weil mit der Zeit immer ein Gefälle entsteht. Was geschenkt wird, kann nicht gleichzeitig vergütet werden wollen, das ist eben die Eigenart des Geschenks. Wer liebt, will nicht geliebt werden, sondern liebt um der Liebe willen. Es lohnt sich nicht, in das Geliebt-Werden zu investieren. Liebe ist etwas, das passiert oder eben nicht, Liebe bleibt unverfügbar. Wer liebt, tut das im Vertrauen auf ein liebevolles Gegenüber, einem Umfeld, dem er sich verdankt, und das Quelle seiner Liebe ist. Er kann auch gar nicht anders handeln als es ihm entspricht, sonst würde ein Geschäft daraus.

Es ist was es ist

Leben ohne Liebe ist sinnlos. Wer zu Menschen und Dingen keine Beziehung aufbauen kann, wird sich um nichts kümmern. Wir be-ziehen uns auf das, was uns an-zieht, und wenn das nur Eigenschaften sind und nicht die Menschen selbst, welche Eigenschaften haben, so bleibt diese Beziehung unpersönlich. Eigenschaften treffen auf Eigenschaften und nicht Menschen auf Menschen – so findet keine Be-gegnung statt. Ist unser Liebe-verhandeln-wollen eine neurotische Reaktion auf unser Sich-nicht-geliebt-fühlen? Wer liebt, braucht nicht viele Dinge. Statistische Erhebungen zu dem Thema sprechen da eine ganz klare Sprache. Wer liebt, braucht auch den anderen nicht, an dem seine Liebe offenbar werden soll. Der Status als Liebender muss nicht demonstriert oder gesichert werden. Liebe offenbart sich dadurch, dass es Liebe ist, was sich offenbart. Das macht es für kausal denkende Menschen so schwierig, mit der Liebe umzugehen. An die Liebe muss geglaubt werden, auch jenseits aller Ent-täuschungen von Er-wartungen, den Befreiungen von Täuschungen über die Liebe. Aber die Liebe ist auch nur etwas und keine Person. Sie ist das Dabei-Seiende unter Menschen die einander lieben. Auch die Eigenschaften sind etwas Dabei-Seiendes – ohne die Person, die geliebt werden kann, sind sie völlig wertlos. Die Suche nach Liebe ist also nicht von der Suche nach der Person zu trennen, die zu lieben ist. „Zu lieben ist“ meint hier eine Tatsache und keine Handlungsanweisung. Weil das so ist, ist jeder Mensch liebenswert, liebesfähig und liebenswürdig.

Man kann es nicht „machen“

Dies ist keine Entschuldigung für Menschen, die nicht lieben können oder wollen, die gibt es ja eben nicht. Es ist eher eine Ermutigung für die vielen, die mit der Liebe, die sie umgibt, nicht umgehen können und sich aus Angst vor Kontrollverlust  ihrer entziehen. Muss man Liebe aushalten können? Nein, sonst ist sie nicht da, wenn sie von Erwartungen abhängig ist. Wer nur Menschen lieben kann, denen man anmerkt, dass sie auch von anderen geliebt werden, macht seine Zuwendung von Eigenschaften abhängig. Die Liebe wirkt immer befremdlich und verstörend, weil sie uns vor das Unverfügbare stellt, zu dem auch der Tod gehört. Doch wer sich dem Unverfügbaren entziehen will, entzieht sich auch dem Unvermeidlichen, das zu ihm selbst gehört. Auf Dauer findet er sich dabei nicht, sondern nur Gegenstände und Eigenschaften. Wer sich nicht findet, verliert sich irgendwann. Wer sich nun aber selbst sucht, verliert den anderen aus dem Blick. Der Weg zur Liebe geht nur über die liebevolle Beziehung zu einem personalen Gegenüber in der man sich die Liebe wechselseitig schenkt, weil die Liebe etwas ist, das sich schenken will. Da helfen auch kein neuer Haarschnitt, kein neuer Job und kein neues Image. Aber wer schon keine Geschenke annehmen kann, der kann wenigstens zum Schenker werden. Das ist dann allerdings ein „Bad Deal“ für den Supermarktbesitzer.

Michael Sinn

Foto: dpa / picture-alliance

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