Atheisten sind auch Metaphysiker

Der Naturalismus will nur gelten lassen, was messbar und naturwissenschaftlich beweisbar ist. Aber in Wirklichkeit können Philosophen den Naturalismus nur deshhalb erfinden, weil es Metaphysik gibt.

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Warum der Naturalismus einen Standpunkt außerhalb der Natur einnimmt

Meta-Physik, so wurden die Werke von Aristoteles eingeordnet, die hinter der Physik kommen, also wenn sich der Philosoph mit der Seele und dem unbewegten Beweger, so definiert Aristoteles Gott, beschäftigt. Alles, was sich verändert, ist Physik, was jedoch nicht der Zeit unterliegt, ist Thema der Metaphysik. Nun verneint der moderne Atheismus aber, dass es jenseits der Physik etwas gibt. Nur in der Vorstellung der Menschen gibt es Wunder, also Vorgänge, die nicht von der Natur bewirkt werden. Auch Engel und die Vorstellung, es gäbe einen Gott, der die Welt gemacht hat und sie auch lenkt, entspringen allein der Phantasie und haben keinen Anhalt in der Wirklichkeit. Es ist zu zeigen, dass die Physik das ob oder ob gar nicht beantworten kann. Nur in einem Jenseits der Physik können solche Fragen besprochen werden. Wenn dem so ist, treffen sich Atheisten wie Theisten, die von der Existenz Gottes überzeugt sind, auf dem Boden der  Metaphysik. Zuvor soll der heute am meisten vertretene Atheismus kurz dargestellt werden.

Erklärungsmodell des Naturalismus

Was wirklich ist, muss mit möglichst großer Sicherheit erkannt werden können. Mit den Methoden der Naturwissenschaften ist diese Sicherheit zu gewinnen. Der Erfolg dieser Wissenschaften ist nicht zu bestreiten. Sie ist bis in die kleinsten Bausteine der Materie vorgedrungen, zu den Quarks u.a., aus denen sich die Atomteilchen zusammensetzen; sie hat den genetischen Code entziffert. Ihre Erkenntnisse ermöglichen den Bau von Maschinen und die Heilung sogar von Erbkrankheiten. Das ist anerkannt und wird auch von den Metaphysikern nicht bestritten, hat doch schon Aristoteles sich mit Fragen der Physik beschäftigt. Allerdings hat die christliche Theologie lange gebraucht, um die Erkenntnisse der Naturwissenschaften zu akzeptieren.

Schwierigkeiten der Religionen mit den Naturwissenschaften

Die Religionen haben mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften ihre Probleme gehabt. So war zu Zeiten Galileis der Hauptstreitpunkt, dass nicht die Erde der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern dass sie um die Sonne kreist, also nur ein Planet ist. Als die Funde der Frühmenschenkunde es nahelegten, dass der Mensch sich in mehreren Stufen vom Affen herleitet und nicht von einem Urmenschenpaar abstammt, widersprach das den Vorstellungen der Bibel. Inzwischen haben die Theologen gelernt, die biblischen Texte so zu lesen, dass die theologischen Kernaussagen im Weltbild der damaligen Zeit vermittelt werden und deshalb nur diese Kernaussagen, nicht das Weltbild der Bibel mit den Erkenntnissen der Wissenschaften in Einklang gebracht werden müssen. Weil Theologen und das Lehramt der katholischen Kirche den Erkenntnissen der Naturwissenschaften widersprach, der Fall Galilei macht den Konflikt exemplarisch deutlich, haben sich die Religionen diskreditiert und gelten bei manchen Atheisten noch heute als wissenschaftsfeindlich. Deshalb werden die Aussagen der Religionen über die Entstehung der Welt und den Status des Menschen als Geistwesen als „unwissenschaftlich“ abgelehnt. Folgt daraus aber, dass der Mensch keine Seele hat und dass es Gott nicht gibt?
So verständlich die wütende Reaktion auf den Anspruch der Religion ist, die Welt und den Menschen besser zu erklären als die Naturwissenschaften, so wenig beweisen die Fehler der Religion, hier besonders päpstlich Entscheidungen aus dem 16. und 19. Jahrhundert, dass es Gott nicht gibt und der Mensch kein Organ hat, nämlich eine Geistseele, die ihm Zugang zu einer Welt jenseits der Physik eröffnet.

Die Grenzen der Physik sind die Grenzen unseres Kosmos

Wenn es nichts jenseits der Physik gibt, dann muss es diesseits der Metaphysik ein Erkenntnisvermögen geben, das diese Aussage ermöglicht. Im Vergleich mit dem Erkenntnisvermögen von Tieren gehen wir aber davon aus, dass sie nicht wie der Mensch die Frage nach dem Ursprung der Welt stellen können. Sie kommt ihnen nicht „in den Sinn“. Offensichtlich verfügt der Mensch über diesen „Sinn“, der ihn nicht so eng an seine Umwelt fesselt, dass er nicht nur nach dem nächsten Ufer Ausschau hält, sondern Alles in den Blick nehmen kann. Nutzt dieser „Sinn“ die Instrumente der Naturwissenschaften? Diese können nur das erfassen, was physikalisch, chemisch, biologisch da ist. Diese physikalischen, chemischen, biologischen Erkenntnisverfahren können nur dort greifen, wo es materielle Gegenstände, chemische und biologische Vorgänge gibt. Sollte es andere Welten geben, müssten diese nicht unbedingt aus Atomen bestehen, die Moleküle bilden können und so etwas wie Kohlenstoffatome haben, die organische Vorgänge ermöglichen. Das alles gibt es in unserem Kosmos. Wir können uns aber sehr wohl vorstellen, dass es andere Welten gibt, die vielleicht einen fünfdimensionalen Raum haben und wo die Lichtgeschwindigkeit nicht die Grenze jeder Bewegung markiert. Schon eine solche Welt, in der es z.B. keine Atome gibt und die Materie keine Gravitation ausübt, würde mit den Erkenntnisverfahren, die der Naturalismus als alleinige Zugänge zur Wirklichkeit erklärt, nicht zugänglich sein.

Es gibt ein Außerhalb unseres Kosmos

Das belegen die Wissenschaften selbst. Sie gehen nämlich davon aus, dass unser Weltall einen Anfang hatte. Es begann mit einem äußerst dichten Materiekern, der mit dem Urknall anfing, sich auszubreiten. Aus diesem ursprünglichen dichten Materiekern sind dann die Milchstraßen entstanden. Mit der Ausbreitung des Universums weitet sich der Raum aus. Da Materie innerlich mit Energie verbunden ist, die Materie ist selbst Energie ist, gibt es nicht nur eine Ausweitung des Raumes, indem die Milchstraßen ihren Platz finden, sondern die Ausweitung des Weltalls ist auch eine Energiefrage. Man geht davon aus, dass die Summe der Energie von Anfang an da war und sich mit der Ausweitung des Weltalls ebenso verteilt. Im Zusammenhang mit den Schwarzen Löchern wird erforscht, was passiert, wenn die Energiekurve auf Null zugeht.

Das ist die momentane Vorstellung, die uns die Astrophysik vom Weltall gibt. Sie hat eine interessante Konsequenz, die die Grenzen des Naturalismus aufzeigt: die Gesetzmäßigkeiten, die die Physik erkennt, sind erst mit der Ausweitung der Materie entstanden, denn am Beginn gab es noch keine Atome und damit auch keine Anziehungskraft, der den Atomkern zusammenhalten musste. Es gab auch keine Atomteilchen, an denen man jetzt die physikalischen Gesetze abliest.. Auch die Voraussetzungen, dass es neben Wasserstoff und Helium zu Atomen mit so großem Atomkern wie der des Kohlenstoffs kommt, der erst die Voraussetzung für die Entstehung organischer Verbindungen bereitstellt, entwickelten sich erst nach dem Urknall. Man kann heute noch nicht sagen, ob aus dem Materiekern auch ein anderes Weltall mit ganz anderen Naturkonstanten, wie z.B. der Gravitation oder der Kraft, die den Atomkern zusammenhält oder auch das Plus und Minus der Elektrizität. hätte entstehen können. Wenn schon unser Weltall nicht notwendig zu Planeten mit einer Sauerstoffhülle und Kohlenstoff führen musste, dann noch weniger mögliche andere Welten, in denen unsere physikalischen Gesetzte gar nicht gelten. Es kann durchaus sein, dass es andere Welten gibt, die mit den Erkenntnisinstrumenten der Naturwissenschaften nicht fassbar sind und dass eine solche andere Welt sogar unseren Kosmos durchdringt, ohne dass wir es bemerken. Was frühere Generationen sich unter der Gegenwart der Engel vorgestellt haben, kann heute als ein anderer Kosmos mit ganz anderen Bauprinzipien gedacht werden.

Der Naturalismus sitzt in einem zu engen Kasten

Die Gedankenexperimente oben zeigen bereits, dass es, ohne das auf einen Schöpfer zurückführen zu müssen, andere Welt geben könnte, in denen ganz andere Wirklichkeiten als Atome und biologische Lebewesen zu finden wären, die mit den uns zur Verfügung stehenden naturwissenschaftlichen Instrumentarien nicht erfasst werden können. All das zu denken, auch, dass es nur Wirklichkeiten gibt, die physikalisch, chemisch, biologisch zu beschreiben sind, setzt einen Standpunkt außerhalb des Kosmos voraus. Ein solcher Standpunkt ermöglicht dann auch Gedankenexperimente über ganz anders gebaute Welten. Dieser Standpunkt ist einer, der nicht mehr physikalisch, chemisch, biologisch erfasst werden kann. Wenn die Naturlisten nicht nur Erkenntnisse der Naturwissenschaften philosophisch durchdringen, sondern über das Ganze des Kosmos eine Aussage machen, nehmen sie einen Standpunkt jenseits der Physik ein. Sie sind also genauso Metaphysiker wie die Gläubigen. Ist damit schon erwiesen, dass die Religionen Recht haben, wenn sie aus dem „Meta“ der Physik schließen, es gebe einen Schöpfer der Welt. Das ist nicht so. Bewiesen ist nur, dass es ein Jenseits der Physik gibt. Nur weil es Metaphysik gibt, können Philosophen den Naturalismus erfinden. Dieser ist aber noch nicht einmal in der Lage, Phänomene zu erklären, die im Menschen, also in diesem Kosmos, anzutreffen sind:

Der Mensch ist nicht nur Physik

Der Mensch kann mit den Naturwissenschaften bis ins Innerste des Atoms und bis an den Rand des Kosmos gelangen. Er kann aber noch mehr, er kann sich geistig außerhalb des Kosmos stellen und als Naturalist feststellen, außerhalb dieses Kosmos gebe es nichts, weder Engel noch einen Gott. Diese Aussage kann man mit keiner der zur Verfügung stehenden naturwissenschaftlichen Methoden entscheiden, denn diese greifen ja nur innerhalb des bestehenden Kosmos. Also müssen Naturalisten wie Theisten, die die Existenz Gottes behaupten, ihren Dissens auf einer anderen Ebene austragen als der der Physik – eben der Meta-Physik. Da wären dann nicht mehr die Naturwissenschaften zuständig, sondern die Philosophie. Der Mensch hat Zugang zur Metaphysik. In dieser Wissenschaft gelten vor allem Argumente, jedoch auch Tatsachen. So z.B. dass der Mensch ein Gewissen hat. Moralität ist aber keine der Gravitation oder der Vererbungslehre vergleichbare Größe. Zum anderen muss die Metaphysik begründen, warum mit Recht im Grundgesetzt steht „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Weder Naturalisten noch Theisten leugnen die Gräuel des Holocaust. Wenn es etwas im Menschen gibt, das solcher Taten fähig ist, muss es dafür einen Grund geben. Damit zusammen hängt das Theodizee-Problem, ob es Gott geben kann, der eine solche Welt zugelassen hat. Auch sind sich Naturalisten und Theisten einig, dass es Freiheit gibt. Wenn man aber das naturalistische Modell der Evolution zur Erklärung heranzieht, dann müsste Freiheit ein Produkt des Zufalls sein, denn der Zufall generiert das jeweils höhere Lebewesen. Da der Mensch sich vom Tier durch einen höheren Freiheitsgrad auszeichnet, müsste Freiheit ein Produkt des Zufalls sein, das so überlebenstüchtig macht, dass es durch die Selektion nicht aus der Evolution ausgeschieden wurde. Aber es ermöglicht dem Menschen auch, sich gegenseitig auszurotten, ob im Holocaust oder in Ruanda. Holocaust und Völkermord kann man aber nicht damit erklären, dass der Mensch damit seine größere Überlebensfähigkeit gegenüber den Orang Utans beweist. Es ist also eine sehr schwache Erklärung, wenn man den ganzen Bereich „Verantwortung“ ausschließt.

Es gibt noch viele Themen im Zusammenhang mit der Gottesfrage – mit erheblichen Auswirkungen auf die Gesellschaft. hinsehen.net bringt jede Woche einen Beitrag.

Eckhard Bieger S.J.

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4 Gedanken zu “Atheisten sind auch Metaphysiker

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