Ist der Fußball eine Liturgie?

Foto: dpa / picture-allianceDie rituellen Elemente:

„Demontiert“, „platt gemacht“, „hingerichtet“. Eine ganze Nation trauert und fühlt sich gedemütigt, und das nur, weil die Tore auf der falschen Seite gefallen sind. Das Spiel Brasilien-Deutschland war kein Spiel, sondern bitterer Ernst. Dabei ist Brasilien nur eine der 31 Mannschaften, die ausscheiden mussten, damit am Ende ein Sieger strahlen kann. Weil Fußball eine so ernste Sache ist, wurde aus dem Hinterherlaufen von 22 Männern hinter einem Ball ein besonderes Ritual.

Mit Fahnen ziehen Scharen zum Stadion. Sprechgesänge erklingen. Wie die Messdiener in einem katholischen Gottesdienst tragen die Akteure auf dem Spielfeld eine besondere Kleidung. Sie kommen, wie beim Einzug in den Gottesdienst, in Zweierreihen auf den Platz und stellen sich, bevor es losgeht, in Reih und Glied auf. Dann erklingt, vergleichbar dem Eingangslied zum Gottesdienst, eine Hymne. Wie in einer Kirche gibt es einen heiligen Raum, den nur wenige, die besonders gekleidet sind, während der Liturgie betreten dürfen. Der Rasen ist heilig und hat ., auch wie eine Kirche , besondere Zonen, so den Strafraum und die Mittellinie. Wenn das Spiel beendet ist, kann, vergleichbar dem Küster, der Platzwart aufräumen und auch die Zuschauer dürfen den heiligen Rasen betreten. Es gibt liturgische Gefäße, Pokale oder Schalen, die hochgehalten und, wie eine Monstranz, allen gezeigt werden. Noch nicht gelungen ist Übernahme des Weihrauchritus‘. Die Raucherzeugung der Fans riecht weder gut noch drückt sich in dem Stadionrauch Verehrung aus.

Das Tor in eine andere Welt:

Wie die Liturgie eröffnet der Fußball den Zugang zu einer unbekannten Welt. Ein Tor löst nicht nur ein besonderes Glücksgefühl bei der erfolgreichen Mannschaft aus, es wird auch rituell begleitet. Torschützen sinken auf die Knie, halten die Hände zum Himmel hin offen und blicken nach oben. Wir manche Katholiken sich nach dem Empfang der Kommunion bekreuzigen, so auch Fußballspieler. Es drückt sich in diesen Gesten aus, dass man das Tor nicht nur dem eigenen Können, sondern auch dem „Himmel“ verdankt. Wenn dann noch Zuschauer eingeblendet werden, die eine beschwörende oder eine Gebetshaltung einnehmen, stimmt sozusagen die Gemeinde in den Ruf nach himmlischen Beistand ein. So wie es bei feierlichen Gottesdiensten einen Auszug durch die Mitte der Kirche gibt, laufen die Spieler nach dem Gewinn einer Meisterschaft mit dem Pokal durch das Stadion. Beim Motorsport gibt es einen noch religiöseren abschließenden Ritus. Denn nach einem Autorennen wird der Text nicht getrunken, sondern verschüttet. Das ist wohl ein Trankopfer an die Siegesgöttin.

Der Inhalt der Liturgie:

Der Fußball konnte im Unterschied zu Schach und Tennis so deutliche rituelle Elemente entwickeln, weil er ein Jenseits des Spielfeldes erreichen will. Während Schach und Tennis nur die Spielzüge innerhalb unserer begrenzten Welt symbolisch nachvollziehen, ist Fußball darauf angelegt, eine Grenze zu überschreiten. Die Grenze ist die Torlinie, hinter dieser Linie ist der Mensch, wie beim Tod, machtlos. Der Ball ist in einer andere Welt gelangt – und damit auch die Sehnsüchte der Spieler und Zuschauer. Aber wem gilt die Fußball-Liturgie? Jedes Tor ist ein kleines Sterben, denn der Ball ist unwiederbringlich in der anderen Welt, er kann nicht zurückgeholt werden, der Mannschaft, die das Tor erzielt hat, kann man es nicht mehr nehmen.

Wem gilt der Ritus?

Der Sieg gilt bei einer nationalen Meisterschaft der eigenen Stadt, bei einem Sieg der Nationalmannschaft dem Land. Es sind dann auch erst einmal die Bürger, die den Sieg dankbar annehmen. Die Siegesfeier wird meist so inszeniert, dass die Mannschaft auf einem Balkon erscheint und bejubelt wird. Aber es gibt auch andere Bezugsgrößen:

Im Stadion liegt das Spielfeld unten, über den Spielern sind die Ränge mit den Zuschauern besetzt. Kommen Regierungschef oder gar das Staatsoberhaupt in das Stadion, nehmen sie auf der erhöhten Ehrentribüne Platz. Sie gehen nach dem Spiel fast nie nach unten auf den Platz, sondern die Mannschaft muss nach dem Spiel nach oben steigen. Sie hat ja auch für ihre Stadt oder sogar für die eigene Nation gespielt. Das setzt logisch einen Wettstreit der Nationen bzw. der Städte voraus. Die Mannschaft hat für ihre Stadt, ihre Nation Ehre errungen, alle Bürger haben Anteil an dem Sieg. Wenn die Niederlage die Verlierer-Mannschaft als schwach, unkoordiniert, leichtsinnig, mit wenig Einsatz hinstellt, gilt das für die Stadt und das Land. Um im Wettkampf nicht unterzugehen, können die Städte wie in früheren Jahrhunderten Söldner anwerben, d.h. Spieler anderer Herkunft. Wer in der Nationalmannschaft mitspielen darf, muss auch nicht in dem Land seiner Nationalmannschaft geboren, aber sehr wohl eingebürgert sein. Dass es um einen existenziellen Wettstreit geht, zeigt sich oft daran, dass die Spiele benachbarter Städte von den Anhängern besonders intensiv erlebt werden und dass die Fans aggressiver gegen die Gefolgsleute der anderen Mannschaft gestimmt sind als wenn der Gegner von weiter herkommt.

Die Zuteilung von Glück:

Da im Fußball viel weniger Tore fallen als in den meisten anderen Ballspielen, kommt vor allem bei zwei gleich starken Mannschaften ein Glücksmomente hinzu. Glück heißt zuerst, dass der Torschütze nur mit einer Fußspitze näher am Ball war als der Verteidiger. Es gilt auch umgekehrt, wenn die gegnerische Mannschaft eigentlich eine sichere Torchance herausgespielt hat und diese doch nicht „verwandeln“ kann. Ein kleiner Fehler, das Bein eines Verteidigers oder die Reaktionsschnelligkeit des Tormanns zeigen, dass eine unsichtbare Hand schützend das Tor verschlossen gehalten hat. Ob Torerfolg oder die Abwendung einer Torgefahr, beides entlockt den Spielern Dankesgesten. Wie die griechischen Götter bei den Sportwettkämpfen zugeschaut haben, so auch im Fußball. Das wird daran deutlich, dass weder Oberbürgermeister noch Regierungschef ins Spiel eingreifen können oder irgendwie ein Mittel in der Hand, haben, den Ball zu lenken. Sie können nur das Ergebnis entgegen nehmen, das Glück auf dem Platz verteilen andere Mächte. Die Journalisten haben, wenn sie Tor, ob gefallen oder verhindert, nicht erklären können, einen Fußballgott erfunden. Aber ist der wirklich männlich. Seit alters her liegt doch die Verteilung von Glück und Unglück in den Händen der Frauen.

Eckhard Bieger S.J.

Foto: dpa / picture-alliance

Stadtgötter  http://www.kath.de/lexika/fussballreligion/stadtgoetter.html

Fußball als der Jenseitssport  http://www.kath.de/lexika/fussballreligion/jenseitsreligion.html

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