„Willst du mit mir Drogen nehmen?“

Der Hit des Sängers „Alligatoah“ „Willst du“ thematisiert in ironisch-künstlerischer Form die Lebenshaltung bestimmter Teenies und war recht erfolgreich. Er zeigt Jugendliche, die Drogen als Mittel zur Lebensbewältigung und ekstatischen Erfahrung gleichsam wie Medizin einnehmen. Lohnt es sich nicht mehr das Leben und die Liebe ohne Drogen anzunehmen?

Foto: dpa / picture-alliance

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Der Inhalt des Liedes

Zu Beginn des Musikvideos sieht man eine Jugendliche, die anscheinend mit ihrem Freund Schluss gemacht hat. Wie dem auch sei, zumindest handelt es sich um eine vom Leben enttäuschte Protagonistin, wie auch der Liedtext unschwer zu erkennen gibt: „Wie man eine Liebe maximal romantisch lebt, will jeder wissen / Keiner hilft uns – Fair play“. Es wird dann auch gleich eine Erklärung genannt: „Weshalb du in deiner Jugendphase wutgeladen bist / Dein Papa kam nicht zu deinem Schultheaterstück / Bei mir finden wir schon was, wo der Schuh gerade drückt.“. Als Lösung der Probleme wird dann die Frage gestellt: „Willst Du mit mir Drogen nehmen?“

So wird Rausch ein Mittel zur Lebens- und Problembewältigung. Es geht darum mit Enttäuschungen, Druck, Liebeskummer und Ähnlichem klarzukommen. Im Folgenden wird der dann resultierende Absturz romantisiert: „Komm, wir geh’n zusamm’n den Bach runter / (Komm) Denn ein Wrack ist ein Ort, an dem ein Schatz schlummert.“ Gleichsam wie der mystisch-verführende Erlkönig ist hier die Droge das erhoffte Heilmittel. Was gibt es denn auch anderes sonst? Zur Not kann die Droge das offenkundige Elend im Rauch verdrängen. Der Höhepunkt des Abgesangs ist die Euphorisierung des Kotzens: „Komm schon, das wird romantisch, Wenn ich dich halte, damit du nicht auf den Klorand brichst.“ Das Schlimmste scheint die Unerträglichkeit der Langeweile zu sein, so dass die Verheißung durch Drogen noch weiter geführt wird: „Mach unser Leben filmreifer als Til Schweiger / Es hat Action, Drama und Comedy / Also was sagst du, mon cheri?“

Liegt der Lebensart des Liedes auch eine Philosophie zugrunde?

Wenn Nietzsche den Tod Gottes im 19. Jahrhundert aussprach, so kann das 20. wohl als das Begräbnis der darauffolgenden Ideologien betrachtet werden. Weder göttlich legitimierte Monarchien, noch Nationalismus, Kommunismus oder andere -ismen haben den Menschen erlösen können. Übrig geblieben ist die Ernüchterung, dass das Leben neben dem, was es an Schönem bietet, auch immer ausgehalten werden muss. Zurzeit erleben wir – das zeigen die Auflagen von Biologie- und Wellnessbüchern – einen Wissenschafts- und Gesundheitsfanatismus, der jedoch nicht die Sinn- und Hoffnungsfragen der Menschen beantworten kann. So sagte schon Jaques Monod:

„Wenn er diese Botschaft [die der Wissenschaft] in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muss der Mensch […] seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

Oft ist der Fortschritt in Medizin, Biologie, Technik usw. zum Segen geworden, „aber es hüllt sich ein tödliches Schweigen über alles und jedes, was unserm Herzen wirklich nahesteht, was uns wirklich etwas bedeutet.“ (Erwin Schrödinger). Dennoch scheint es heute weitgehend Konsens zu sein, dass das Leben an sich nichts bereithält, was irgendwie wirkliche Bedeutung und Tiefe hat, die wir nur empfangen können und uns nicht aus uns selber geben können. In vollkommener Nüchternheit schreibt Dawkins:

„In a universe of blind physical forces and genetic replication, some people are going to get hurt, other people are going to get lucky, and you won’t find any rhyme or reason in it, nor any justice.“

Die Aufgabe von hinsehen.net

Das Phänomen des Ausbleibens von erfüllenden Antworten auf die Fragen nach Sinn und Bedeutung jenseits individueller Beliebigkeit, ist ein weitgehend hingenommenes Merkmal der Gegenwart. Es ist jedoch nicht so, dass diese Fragen wirklich ohne Antworten bleiben müssen – und damit beschäftigt sich hinsehen.net

Josef Jung

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