Internet – unsere Kultur verändert sich grundlegend

Durch das Internet wird nicht eine neue Form der Kommunikation ermöglicht, sondern eine neue Kultur gestiftet. Was bedeutet das für die Zukunft der Medien und unsere Gesellschaft?

Foto: dpa / picture-alliance

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Das Private vermischt sich mit dem Öffentlichen

Das Internet hat unseren Alltag durchdrungen. Für die Jüngeren ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, für die Älteren steht das „Muss“ im Raum, auf Mails zu antworten, Zugverbindungen herauszusuchen, Kochrezepte zu vergleichen und mit den Enkeln zu skypen. Für die einen ist die Technik selbstverständlich, für die anderen bleibt sie eine Herausforderung. Das Netz hat unser Leben verändert. Es ist zu zeigen, dass es nicht nur die Technik ist, sondern eine neue Kultur sich in ihrem Entstehen abzeichnet. Diese wurde nicht durch das Internet hervorgebracht, sondern zeichnete sich in den Medien schon länger ab.

Vergewissern wir uns, wo wir im Moment stehen: 

Das Internet bringt Zeitungsartikel, das Angebot von Mietwohnungen oder Gebrauchtwagen, Fotos, Videos und ganze Spielfilme auf den gleichen Bildschirm – inzwischen auch mobil auf den Tabletcomputer oder – wer gute Augen hat – auf das Smartphone. Das Besondere am Internet: Wofür man früher bezahlt hat, z.B. für eine Zeitung, das kostet nichts mehr und die Videos auf YouTube sind auch umsonst. Für einen Brief muss man immer noch Porto zahlen, für einen elektronischen Brief, für den wir das englische Wort „Mail“ benutzen, nicht. Weil das Internet nichts kostet, wird es natürlich schneller und häufiger genutzt, als wenn man für die Inhalte zahlen müsste. Deshalb hat es keine 20 Jahre gedauert, bis sich auch die meisten Älteren an die Computerwelt gewöhnt haben. Das heißt aber erst einmal nur: Was es bisher auf Papier oder als Filmstreifen bzw. Fernsehsendung gab und weiter gibt, kann man sich auf den Bildschirm holen und muss noch nicht einmal dafür bezahlen. Das alles ging Schritt für Schritt und doch schnell genug, das wir fast alle in der digitalen Welt angekommen sind.

Zeitung ein kommunikatives Auslaufmodell

Im Beitrag „Zeitung ein kommunikatives Auslaufmodell“ wurde gezeigt, dass mit dem Wegfall der Zeitungen ein großer Teil der journalistischen Arbeitsplätze verloren geht und immer weniger Geld für den Qualitätsjournalismus zur Verfügung steht. Die neue Medienwelt kommt „smart“ daher, aber nur technisch. Für die Inhalte hat sie kein Geld übrig. Aber brauchen wir überhaupt bessere Inhalte und überhaupt so viele?

 Es ändert sich nicht nur die Technik, sondern auch das Kommunikationsmuster

Der schelle Erfolg des Internets muss noch andere Gründe haben als die Technik, die alles auf nur einen Bildschirm bringt, selbst wenn man unterwegs ist. Es muss sich auch etwas in der Kultur ändern, damit neue Kommunikationsmuster aufgegriffen werden. Dass Jobpilot für Stellensuche wesentlich praktischer ist als die Samstagsausgabe einer Zeitung liegt auf der Hand. Auch eine Suchmaschine ist naheliegend. Denn wie eine Bibliothek einen Katalog braucht, so die vielen Internetseiten ein Verzeichnis, wie man sie findet.
Straßenkarten zur Orientierung gibt es schon lange. Die digitale Technik macht es möglich, die Karte mit einer Suchfunktion auszustatten, die einen zum Ziel leitet. Das war ein logischer Schritt.

Das wirklich Neue, das den Übergang in eine andere Kultur markiert, sind die Social Media. Es sind mehrere Faktoren, die unsere Kultur nachhaltig ändern:

Der Zeittakt verkürzt sich von Tagen auf Minuten

Der „Mail-Melder“: Die elektronische Post landet wie ein Brief in einem Postfach. Die Briefpost kommt einmal am Tag und man muss nur einmal zum Briefkasten gehen. Elektronische Post, einmal abgesandt, landet Sekunden später in meinem Postfach. Ich kann also mehrfach am Tag nachschauen, welche elektronischen Briefe eingegangen sind. Ich kann auch einen Klingelton einschalten, der jeden Eingang einer Mail anzeigt – damit ich sofort reagieren kann. Das führt dazu, dass Mails einen Dringlichkeitsimpuls mitbringen. Ich muss schneller reagieren, denn der Absender weiß, dass seine Nachricht nicht einen oder auch zwei Tage braucht, sondern höchstens Minuten. Also rechnet er mit einer direkten Erledigung.

Nachrichten im Minutentakt

Auch früher gab es Newsticker. Sie werden bis heute noch von den Nachrichtenagenturen betrieben. Diese versorgen die Zeitungen, die Hörfunk- und Fernsehsender. Die Agenturen schicken sie los, wenn eine Meldung fertig ist. Erst die Nachrichtenredaktionen stellen daraus eine „Ausgabe“ zusammen, sei es eine Zeitung oder eine Nachrichtensendung und am Abend einen Tagesüberblick. Mit dem Internet gibt es jetzt bereits für den Endverbraucher diesen ständigen Nachrichtenfluss. Ich muss nicht mehr bis zu den Abendnachrichten oder auf die Zeitung im Briefkasten warten, um mich informiert zu fühlen. SPIEGEL online stellt Nachrichten auf seine Plattform, wenn sie fertig sind. Ich kann den ganzen Tag mitbekommen, was passiert. Die Welt wird mir nicht so „fertig“ vorgestellt wie im heute-Journal oder der gedruckten Zeitung. Ich kann mich viel mehr im Fluss der Zeit fühlen.

Sich vernetzt fühlen

Was SPIEGEL online für die große Welt leistet, das ermöglicht Facebook mir für meinen Freundeskreis. Ich weiß, wer für meine Seite den „Gefällt-mir-Knopf gedrückt hat, was andere für mitteilenswert halten, was gerade diskutiert wird. Ich bin immer mittendrin. Dafür muss ich allerdings möglichst oft die Facebookseite aufsuchen. Aber das ist inzwischen mit einer einfacheren Technik auch schon möglich. What’s App funktioniert wie Mail und Facebook zusammen. Ich werde durch einen Klingelton informiert, wenn jemand, mit dem ich über diesen Dienst verbunden bin, mir etwas zugesandt hat. Ich kann Fotos und sogar Videos ansehen und Gruppen bilden, denen ich die gleiche Information zukommen lassen will.

Mich selbst profilieren:

Nicht nur die Welt und mein Freundeskreis, sondern ich selbst bin im Internet immer da. Wenn ich auf meine Facebookseite gehe, dann fordert mich die Frage auf „Was machst Du gerade?“ Ich soll also nicht nur mitbekommen, was sich um mich herum tut und was meinen Freundeskreis gerade bewegt. Ich soll mich selbst zeigen, mitteilen, was ich gerade mache, möglichst mit Foto. Je persönlicher ich werde, desto mehr interessieren sich die anderen für mich. Das ist das gleiche Prinzip wie bei den Illustrierten. Die berichten Privates von Stars und auch von Politikern. Diese Leute zahlen für die Aufmerksamkeit, die sie bei anderen erzeugen, mit dem Verlust ihrer Privatsphäre. Inzwischen auch alle diejenigen, die bei Facebook mit ihren Posts Aufmerksamkeit erzeugen wollen. Wie bei den Illustrierten gilt auch hier das Gesetz: Je mehr ich von mir zeige, auch von meinem Körper, desto mehr wollen es sehen und lesen. Die Währung ist die gleiche und damit auch der Preis: Je höher die Beachtung desto weniger Privatheit. Aber wie jeder Politiker und jeder Star um Bekanntheit ringen muss, so auch derjenige mit einem hohen „Klaut-Score“ „Klaut“ für Cloud,  d.h. der Grad der Vernetzung und Aktivität in Facebook. Diesen Score kann man inzwischen über eine Internetseite gleichen Namens messen. Je höher dieser Score, desto mehr muss man über sich sagen, ob es politische, religiöse Positionen sind, die Freizeitaktivitäten, Musikvorlieben und natürlich das, was man mit seinen „Freunden“ teilt.

Nachrichten und Privates gehen ineinander über

Wer häufig seine Mails checkt und über Facebook mitbekommt, was die anderen gerade machen, der erhält auch Hinweise, was für die anderen wichtig ist. Viele Posts bei Facebook verlinken auf eine Meldung oder einen Beitrag, den eine Zeitung oder die Onlineseite eines Senders ins Netz gestellt haben. Facebook vor allem wird damit von einem Netzwerk für Privates zum Marktplatz für Internetseiten. Eine Meldung, ein Bericht, ein Foto, ein Video bekommt sehr viel mehr Klicks, wenn jemand es über seine Facebookseite weiter verbreitet. Am besten ist es, einen kleinen Hinweis zu formulieren und dann auf den Beitrag zu verlinken. Der Titel und sogar das Foto erscheinen im Kleinformat. Das motiviert, auf diese Vorschau zu klicken und den Bericht zu lesen. Andere können dann diesen Post noch „teilen“ und so wiederum seine „Facebookfreunde“ auf den Beitrag hinweisen. Dieses virale Marketing wird deshalb immer wichtiger für die Reichweite eines Artikels. Für die Nutzer hat das den großen Vorteil, dass sie nicht gleich auf eine Nachrichtenseite gehen müssen, um sich zu informieren,  sondern Facebookfreunde haben bereits vorsortiert. Sie haben sich nicht nur ein Urteil über den Beitrag gebildet, sondern auch die kleine Mühe auf sich genommen, einen Hinweis zu formulieren. Das führt dazu, dass immer mehr internetaffine Menschen nicht mehr eine Zeitung durcharbeiten, sondern ihrem persönlichen Netzwerk zutrauen, dass sie die Links über alles Wichtige aus dem Freundeskreis bekommen. Das löst das bisherige Kommunikationsmuster der Mediennutzung ab.

Abschied vom aktiven Lesen

Mit der Zeitungslektüre hat sich der einzelne bisher einen Überblick über das Weltgeschehen wie über die lokalen Ereignisse und Entwicklungen verschafft. Dieses aktive Nutzungsmuster wird dadurch ermöglicht, dass die Zeitung jeweils einen begrenzten Umfang hat und man der Redaktion vertraut, dass sie das Wichtige und Relevante zusammengestellt hat. Wenn dann diese tägliche Informationsportion noch im Briefkasten steckt, dann „konsumiert“ man sie auch. Ganz anders ist die Nutzungsaktivität, wenn man sich von den Linkempfehlungen seiner Facebookfreunde leiten lässt. Hier ist man nicht zuerst aktiv, sondern reagiert auf die Anstöße anderer. Das Vertrauen gilt nicht zuerst den Medien, also konkret der Arbeit der Redaktionen, sondern denen, die einen aufmerksam machen. Zudem wirkt im Internet nicht mehr so sehr das Profil der abonnierten Zeitung, an die man sich, oft über Jahrzehnte, gewöhnt hat. Denn im Netz ist man nicht mehr auf einen Informationsanbieter festgelegt, sondern kann von einem zum anderen springen kann. Was der beste Beitrag über eine Wahl, ein Fußballspiel, eine Unternehmensfusion ist, muss man dann nicht mehr in mehreren Seiten suchen, sondern die Facebookfreunde haben bereits herausgefunden, welcher Informationsanbieter den besten Beitrag geliefert hat. Noch mehr als Informationen werden Karikaturen und Satire in den Communities herumgereicht. durchzusehen. 

Das Internet, vor allem die Social Media bauen Distanz ab.

Während der Zeitungsleser sich aus dem Artikelangebot einer Zeitung bisher das auswählte, was er lesen wollte, reagieren vor allem die Facebooknutzer auf Impulse der „Freunde“. Sie lesen nicht, weil die Zeitungs- und Nachrichtenredaktionen einen objektiv erscheinenden Überblick über das Welt- wie das lokale Geschehen hergestellt haben, sondern weil aus der Community heraus etwas für lesenswert erklärt wird. Was früher objektiviert wurde, wird in die Subjektivität zurückgeholt. Ich lese nicht mehr, weil es in der Zeitung steht, sondern weil andere mich „anstoßen“. Es ist nur noch zu zeigen, dass Subjektivierung und Abbau der Grenze zwischen privat und öffentlich schon länger vorbereitet waren:

Verkauf von Privatem oder Verkauf von Informationen

Wenn man einmal die FAZ durchblättert und dann die Bildzeitung daneben legt, dann ist beides gedruckt, aber vom Inhalt sehr verschieden. Was bei der FAZ u.a. überregionalen Titeln unter Vermischtem und dann noch im Sportteil steht, macht den überwiegenden Teil der Bildzeitung aus. Hinzu kommen die vielen großen Fotos. Die Bunte und die Gala präsentieren dann nur noch Stars und die Politiker, nicht etwa mit ihrem Programm, sondern mit ihrem Privatleben. Im Internet brauchen die subjektiven Reaktionen auf Beiträge nicht mehr den Leserbrief, vielmehr kann jeder seine Kommentare direkt unter den Beitrag setzen. Wird aus Facebook auf eine Seite verlinkt, sind die Nutzer noch meinungsfreudiger, denn man bewegt sich ja nicht im mehr objektiven Raum der Zeitung, sondern unter „Bekannten“, die einmal eine Freundschaftsanfrage bestätigt haben.

Auf jeden Fall ist das bisherige Kommunikationsmuster nicht mehr bestimmend, nämlich dass man sich täglich aktiv einen Überblick verschafft, vielmehr ist man ständige im Nachrichtenfluss unterwegs, Neuigkeiten aus dem mehr Privaten und Berichte aus Politik, Wirtschaft und Kultur kommen auf dem gleichen Weg auf den Bildschirm. Die Trennlinie zwischen privat und öffentlich verwischt sich noch mehr als bei Bildzeitung und Klatschillustrierten.

In einem nächsten Beitrag ist zu zeigen, wie der bezahlte Journalismus in Zukunft aussehen könnte: Er wird nicht von den Lesern, sondern von den Institutionen bezahlt.

Eckhard Bieger S.J.

Ein Gedanke zu “Internet – unsere Kultur verändert sich grundlegend

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