Im Raum des allmächtigen Auges

Foto: dpa / picture-allianceMan stelle sich einmal vor, im Auge des NSA-Zyklons sitzen zu können. Jedes Telefongespräch auf dieser Erde wäre zugänglich, in jedes Zimmer könnte man mit Kameras hineinschauen, es gäbe keinen Winkel auf dieser Erde, der nicht abgehört oder überwacht werden könnte. Und die Gehirne könnten abgescannt werden, sodass auch die Gedanken der Menschen lesbar wären. Wie wäre ein solches Gefühl von Allwissenheit? Käme man sich wie Gott vor? Wäre das ein religiöses Gefühl? Oder schlichen sich teuflische Gedanken ein? Wäre dieser Mittelpunkt der Überwachung ein religiöser Ort oder ein Ort des Grauens?

Die Fantasie des Überblicks

Wahrscheinlich hat jeder schon einmal daran gedacht, in den Kopf eines anderen Menschen schauen zu können. Mit dem Wissen könnte man seine Handlungen genauer planen und wäre sich sicher. Man wüsste, was der andere wirklich denkt. Bei einem Fußballspiel wüsste der Trainer, welche Strategie der Trainer der Gegenmannschaft geplant hat, könnte eine Gegenstrategie entwickeln und damit den Sieg davontragen. Was aber dann? Und müsste man nicht fortwährend Informationen aufnehmen, weil der Gegner seine Strategie wechseln könnte? Würde dieser Ort nicht zu einem sehr einsamen Ort werden?

Die Last des Wissens

Besonders sensible Menschen, die intuitiv erfassen, was Menschen im nächsten Schritt machen werden, beginnen irgendwann unter ihrer Begabung zu leiden. Sie suchen einen Ort auf, der einsam ist. Die angestrebte Einsamkeit ist anders als die derjenigen, die auf einer Beobachtungsstation sind. Es ist der Wunsch nach Ruhe und Abgeschiedenheit. An einem solchen Ort der Ruhe möchte man die Augen schließen, einen schönen Klang hören und entspannen. Gleichzeitig besteht das Bedürfnis, sein Wissen abgeben zu können oder aufgehoben zu wissen. Irgendwo wird eine Instanz gesucht, an die man sich wenden oder auf die man sich beziehen kann. Das mag der Blick in die Ferne oder Höhe sein, das mag ein schweifender Blick sein, der etwas fixiert, wieder loslässt, doch immer etwas findet, woran er sich festhalten kann. Es gäbe nicht die Gleichzeitigkeit von Sehen und kontrollierend-wertendem Blick. Das Drumherum wäre verspielt, die Alltagslast oder das tragische Wissen könnten sich in der Weite verflüchtigen, die Schwere wäre aufgehoben durch eine menschliche Architektur, die die Gebrochenheit des menschlichen Seins als auch das Eingebundensein in Geschichte, Kultur und auch Religion wiederspiegelt. Eine solche Umgebung ist schön und vermittelt das Gefühl vom Dazugehören.

Gebäude der Überwachung

Häuser, in denen sich Menschen aufhalten, die Spionage betreiben, die Telefongespräche abhören oder Drohnen steuern, stellt man sich dagegen nicht schön vor. Es widerspricht einem inneren Gefühl, dass die Rechner in einem Jugendstilgebäude stünden, dass Gemälde die Wände zierten, bunte Farben für eine positive Stimmung sorgten oder im Hintergrund Musik von Wolfgang Amadeus Mozart zu hören wäre. Man stellt sich graue Wände vor, eine eintönige Architektur, glatte Wände, keine Spielereien und eine dumpfe Ernsthaftigkeit würde wie ein Nebel die Räume erfüllen. Die Fantasie einer diabolischen Macht beschliche den Besucher einer solchen Einrichtung. Und wer auch nur einen kleinen Einblick in das hat, wie und was heute bereits observiert wird, den beschleicht eine solche Furcht vor dem Diabolischen auch schon, wenn er eine Kamera in den Eingängen öffentlicher Häuser sieht. Der Wunsch, einen Ort zu finden, der vor solchen Überwachungen sicher ist, wird größer. Und die Fantasie, selber Herrscher dieser Überwachung und damit allwissend zu sein, wandelt sich in die Sehnsucht, ganz isoliert und trotzdem beschützt zu sein. Wahrscheinlich macht dies religiöse Orte aus, sie sind ein vollkommener Gegensatz zur Überwachung, sie wären einfach nur schön. Eine göttliche Instanz säße auch nicht im Kontrollraum, sondern neben einem und würde vielleicht sagen: Na, wie gefällt Dir meine Hütte?

Thomas Holtbernd

Foto: dpa / picture-alliance

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