Die Rammstein-Theologie: dunkle Romantik und unerlöste Sehnsucht

Rammstein ist momentan eine der erfolgreichsten deutschen Bands im In- und Ausland. Sie besingt meist die Abgründe des Menschen, hat aber auch Liebesballaden und tief sehnsüchtige Romantik in ihrem Programm. Sie feuert auf ihren Live-Konzerten mehr Pyrotechnik ab als die meisten Silvesterfeiern in mehreren Jahren. Was macht Rammsteins Reiz aus, was vermittelt die Band religiös und theologisch? Eine Auseinandersetzung anhand ihrer Lieder.

Foto: dpa/ picture-alliance

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Wer und was Rammstein ist

Die Band „Rammstein“ besteht aus sechs Personen: Leadsänger und Dichter Till Lindemann, Leadgitarrist Richard Z. Kruspe, Rhythmusgitarrist Paul H. Landers, Elektrobassist Oliver Riedel, Drummer Christoph „Doom“ Schneider und Keyboarder Christian Flake“ Lorenz. Alle sechs Mitglieder kommen aus der ehemaligen DDR und haben dort ihre Jugend verbracht. Als die Mauer fiel, waren sie Anfang bis Mitte zwanzig und haben ihre bisherigen Band- und Musikerfahrungen 1994 in der Gründung der Band Rammstein zusammengeführt. Sie wollten weder eine deutsche Band gründen, die einen Abklatsch der englischsprachigen Popmusik darstellt, noch Schlagersänger sein. Aus der Punk- und Vergangenheitserfahrung der Mitglieder ist schließlich eine Art Metal-Band, geworden wie es sie kein zweites Mal gibt: Gewalt wird zu dunkler Kunst. Aus Abgrund wird Lyrik, aus Vergewaltigung und Mord werden Lieder gemacht. Der Bandname leitet sich nicht von dem Rammstein eines Rammbocks ab, was wegen der Schreibweise naheläge, sondern, laut Paul Landers, von der Flugkatastrophe in der Stadt Ramstein, der Name wurde aus Unkenntnis mit zwei „m“ geschrieben.

 Rammsteins aktuelle DVD: „Rammstein in Amerika“ (released September 2015)

Einige Lieder von Rammstein

Die Band Rammstein schürft für ihre Lieder wirklich aus den finstersten Abgründen der Menschheit. Das Lied „Mein Teil“ beschäftigt sich mit dem Kannibalen von Rotenburg, der sich in einem Internetforum dazu verabredete, einen anderen aus sexueller Lust lebendig zu verspeisen. In dem Lied ist der Menschenesser jemand, der sich aus Lust dem Kannibalismus hingibt: „Heute treff‘ ich einen Herrn, der hat mich zum Fressen gern“. In dem Video wird die Mutter des Kannibalen als strenge, empathielose und kalte Frau dargestellt, die wie ein dunkler Schatten stört.

Ein weiteres Lied heißt „Wiener Blut“ und behandelt den Fall des Wieners Josef Fritzl, der seine Tochter jahrelang im eigenen Keller einsperrte, dort vergewaltigte und mit ihr Kinder zeugte. Rammstein verarbeitet das Ereignis sarkastisch, mit einer Verhöhnung von Psalm 23: „Ja das Paradies liegt unterm Haus, die Tür fällt zu, das Licht geht aus […] und wanderst du im tiefen Tal, seid ihr bereit, und sei dein Dasein ohne Licht, seid ihr so weit, fürchte kein Unglück keine Qual, macht euch bereit, Ich bin bei dir und halte dich.“ Die Glaubenshoffnung des Pslamenbeters wird angesichts der lyrisch verabeiteten Verbrechen Fritzls zur zynischen Illusion, zur bitteren Antirealität, die verlogen statt tröstlich wirkt. Das Thema Missbrauch/Pädophilie in der Kirche wird auch nicht ausgeklammert. Im  Lied „Halleluja“ wird sich in einem kaum noch erträglichen Maße aus der Sicht des Täters diesem Thema genähert.

Allerdings hat Rammstein ebenfalls eine romantische Seite, die vor allem in den Liedern  „Amour“„Ohne Dich“ und „Stirb nicht vor mir“ und  zum Ausdruck kommt. In diesen Liedern geht es um die Sehnsucht nach Liebe, Romantik und Zweisamkeit.

In „Stirb Nicht vor Mir“ ist die Einsamkeit ein zentrales Motiv, von der eine romantisch verklärte Erlösung durch Liebe ersehnt wird: „Die Nacht öffnet ihren Schoß, das Kind heißt Einsamkeit / es ist kalt und regungslos, / ich weine leise in die Zeit, / ich weiß nicht wie du heißt, / doch ich weiß, dass es dich gibt, / ich weiß dass irgendwann / irgendwer mich liebt, / ich warte hier, / don’t die before I do, / ich warte hier, / stirb nicht vor mir“.

Jedoch wird diese Liebessehnsucht in der melancholisch-sehnsüchtigen Ballade „Seemann“ zu keinem guten Ende geführt: „Am Ende bleib ich doch alleine, / die Zeit steht still, / und mir ist kalt“. Neben diesen Balladen gibt es aber auch politische und gesellschaftliche Vorwürfe gegen Rammstein.

Vorwürfe des Rechtsradikalismus und der „Gewaltverherrlichung“

Es gibt vor allem zwei Vorwürfe, die an Rammstein gerichtet wurden und teilweise auch noch werden: Rechtsradikalität und Gewaltverherrlichung. Der Vorwurf der Rechtsradikalität hat vor allem mit dem Video zum Lied „Stripped“ zu tun. Die Bilder zum Lied zeigen Ausschnitte aus den Olympischen Sommerspielen 1936, aufgenommen von Leni Riefenstahl. Das Lied selbst ist ein Cover des gleichnamigen Liedes von Depeche Mode. Auf der Textebene weist das Lied nichts Politisches und vor allem nichts Rechtsradikales auf, es geht um das Verlangen nach einer Frau. Rammstein bedauerte später diese „Grenzüberschreitung“ und sah das Video als falsche Provokation an. Später folgte dazu das Lied „Links 2-3-4″ mit folgendem Text: „Sie wollen mein Herz am rechten Fleck, / doch seh‘ ich dann nach unten weg, / dann schlägt es links. Links!“

Anders als Bands wie z. B. „Böhse Onkelz“, haftete Rammstein aber nie ein chronisches rechtsradikales Image an, sodass die Band relativ unbelastet davon, weiterhin erfolgreich sein kann. Auch Vorwürfe wie das rollende „r“ in den Liedern oder autoritäre Performance werden als Kunst interpretiert und nicht als politische Statements. Der zweite Vorwurf der Gewaltverherrlichung hat vor allem mit den Liedern zu tun, in denen ja Gewalt vorkommt und dargestellt wird, auf der Text- wie der Bildebene. Darüber hinaus waren die Attentäter des Schulmassakers von Littleton, Eric Harris und Dylan Klebold, Rammstein Fans. Rammstein selbst weist jede Verantwortung in Bezug auf das Attentat und ihre Musik von sich und spricht sich gegen Gewaltverherrlichung aus.

In der Kritik stehen vor allem Lieder wie „Mein Teil“ und „Ich tu dir weh“. Wird hier Gewalt verherrlicht? Zumindest wird sie dargestellt. Wird das Verbrechen dadurch verharmlost oder verschönt? Zumindest wird es in Worte gefasst, in Kunst gekleidet. Darf man das? Rammstein tut es jedenfalls und zwar finanziell recht erfolgreich. Es bleibt sicherlich eine Frage, inwieweit dies ein legitimer Umgang mit Gewalt ist. Andererseits kann es auch dazu dienen, dass die beschriebene Gewalt etwas von ihrer Anziehungskraft verliert. Oder wird hier schädlicher Einfluss durch das Zeigen von Verbrechen, von Bösem ausgeübt?

Was Rammstein mit Theologie zu tun hat

Man mag die Aussage „Was Rammstein mit Theologie zu tun hat“ angesichts der eben mitgeteilten Liedtexte für eine Zumutung halten.Doch alles, was sich mit den Fragen nach dem Menschen, seinen Sehnsüchten, seinem Leid und seiner Erlösung auseinandersetzt, hat mit Theologie zu tun. Besonders die Erlösungsfragen sind letztlich immer Fragen über einen selbst hinaus und tangieren so die Frage nach Gott. Rammstein stellt also die Gottesfrage, wenngleich die Band nicht zu einer explizit christlichen Antwort kommt. Rammstein singt keinen Kitsch, Rammstein besingt keine leeren Hoffnungen oder ein neues romantisches, bzw. geistliches Wohlfühlprogramm, sondern eben die wirklichen Horror- und Sehnsuchtsmomente der Menschheit. Rammstein ist die Phänomenologie des Abgrunds und Sehnens. Das macht, denke ich, auch die Faszination der Band aus. Nicht unterschätzt werden darf sicherlich auch das Kokettieren mit einem maskulinen Gestus und die damit verbundene Inszenierung von Stärke.

Das Dunkle, vor dem man sich eigentlich fürchtet, wird sichtbar besungen und dargestellt. Das Verbotene wird vielleicht sogar verführerisch anmutend verkauft, so wie der Erlkönig in Goethes gleichnamiger Ballade. Der Schrecken und die Romantik werden gleichsam zur mystisch-dunklen Kunst. Rammstein besingt den Spiegel des Grauens, der im Gegensatz zum sprechenden Spiegel im Märchen „Schneewittchen“ nicht sagt, wer die Schönste im Land ist, sondern zeigt wie finster es um einen steht.

So wird im Lied „Alter Mann“ durch die Spiegelung des Wassers Folgendes offenbart:

„Das Wasser soll dein Spiegel sein / erst wenn es glatt ist, wirst du sehen / wie viel Märchen dir noch bleibt / und um Erlösung wirst du flehen“.

Rammsteins Theologie ist eine radikale Menschenphysik. Es wird keine letzte Gnade aufgezeigt. Nicht, was der Mensch sein soll, sondern wie er sich im Schatten zeigt, das ist Rammsteins anthropologische Annäherung. Daraus kann die Band kreativ schöpfen. Diese Anthropologie ist nahe an Luthers Theologie, der im Anklang an seinen großen Lehrer Augustinus alles von der Gnade abhängig machte, die der Mensch von Gott erhält. Nach Luther kann nur die von Gott erhaltene Gnade den Menschen zum Guten befähigen.

Neben er Erfahrung des Bösen zeigt sich, dass auch das  Leid bei Rammstein eine zentrale Rolle spielt. Es wird zu einer zenralen Anfrage an Gott, so wie Georg Büchner sie Thomas Payne in “Dantons Tod“ den Mund legt:

„Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das Gefühl empört sich dagegen. Merke dir es, Anaxagoras: warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung von oben bis unten.“

Rammstein stellt diesen Riss dar. Die unversöhnte, unerlöste Welt wird lyrisch verarbeitet. Damit aber macht die Band auf ein theologisches Kernthema aufmerksam: auf die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen. Der Mensch ist sich nicht selbst genug und nicht im Stande, sich selbst aus dem Elend zu erlösen. Entweder erstickt er an sich selbst, wie es Rammstein zeigt oder es findet sich ein Ausweg. Der Weg der Lösung wird durch Rammstein nicht angezeigt. Die Antwort auf den Abgrund findet sich dort nicht.

Josef Jung

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Links und Literatur:

Rammsteins Homepage

Was der Erfolg von Heavy Metal über unsere heutige Zeit sagt

Gothic-Kultur und Karwoche

Georg Büchner, Dantons Tod. Ein Drama, Paderborn 2008.

5 Gedanken zu “Die Rammstein-Theologie: dunkle Romantik und unerlöste Sehnsucht

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  5. Ich bin schon erstaunt dass Rammstein seit Jahren überwiegend nur positiv bewertet wird. Für mich hat sich das so dargestellt, dass ich ihren Song „Amerika“ wirklich klasse fand, und später wurden sie dann ja auch weltweit und insbesondere in den USA unglaublich erfolgreich (trotz dieses eher amerikafeindlichen Songs). Für mich hat sich da mal wieder der kommerzielle Erfolg verselbständigt und blendet jede Kritik aus. Denn immerhin gibt es auch den Song „Mein Land“ den ich trotz allem Hollywood-Surfer-Gedöns als rassistisch empfinde.

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