Warum die Gottesfrage: Zur Situation der Religion und des Atheismus

Foto: dpa / picture-allianceInnerhalb der christlichen Gemeinde geht es nicht um die Gottesfrage. Sie ist für die Menschen beantwortet, die sich zum Gottesdienst versammeln. Jedoch außerhalb der Kirchenmauern sind die Christen bereits in der Minderheit und müssten das Gespräch über die Gottesfrage suchen. Die alten Selbstverständlichkeiten gibt es nicht mehr.

War in den Fünfziger Jahren noch ein ungetauftes Schulkind Außenseiter, so ist es heute zwar noch nicht überall so wie in den Neuen Bundesländern. Jedoch riskieren diejenigen, die sich als Gläubige „outen“, dass sie als Menschen gelten, die immer noch längst überholten Vorstellungen anhängen. Ein religiöses Bekenntnis gilt als willkürlich und wissenschaftlich nicht satisfaktionsfähig. Die Beweislast hat sich umgekehrt. Nicht derjenige, der die Existenz Gottes ablehnt, muss sich rechtfertigen, sondern der, der einen Schöpfer des Universums annimmt und sogar behauptet, nur Gott könne die Menschen aus der Dynamik von Schuld und Schuldverstrickung herauslösen. Zurückgegangen ist nicht nur die Zahl der religiös Überzeugten, sondern noch mehr die religiöse Praxis. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch ist nur für eine Minderheit Anker des religiösen Lebens. Nur die kirchlichen Feiern zu den Lebenswenden mit Taufe, Hochzeit und Beerdigung werden noch von sehr viel mehr Menschen in Anspruch genommen wird.

Die Religionskriege haben die Plausibilität des Glaubens erschüttert

Dass einmal eine Weltvorstellung mit Gott nicht mehr aus sich heraus plausibel sein könnte, wäre im Zeitalter der Reformation und auch noch 100 Jahre später während des Dreißigjährigen Krieges nicht vorstellbar gewesen. Aber gerade die Religionskriege, ob in Frankreich, England oder Deutschland, haben eine bis heute wirksame Skepsis gegenüber dem religiösen Bekenntnis tief in das kollektive Bewusstsein eingegraben. Als sich die europäische Welt mit dem Westfälischen Frieden vom Religionskrieg verabschiedete – der Islam hat diese Einsicht noch vor sich – musste eine neue Perspektive gefunden werden. Es war auf der einen Seite der Barock, der Naturwissenschaft und Glaube zusammendenken konnte. Er nutzte sogar die neuen Konstruktionsmöglichkeiten, um seine Kirchen mit den von Newton und Leibniz zur gleichen Zeit entwickelten Berechnungsmethoden für Hyperbeln und Ellipsen zu berechnen. Der andere Entwicklungsstrang verbindet das empirische Denken mit der Konzentration auf den wirtschaftlichen Fortschritt. Während der Barock mit der Aufklärung unterging, prägen die am Experiment orientierte Wissenschaft sowie der wirtschaftlicher Fortschritt die heutige Gesellschaft.

Die Welt funktioniert ohne Gebet und Gottes Vorsehung

Im 18. Jahrhundert werden in den calvinistisch geprägten Ländern die Fundamente für die jetzige Weltsicht gelegt, die aus Naturwissenschaften, Mehrung des Wohlstandes und der Autonomie des Menschen zusammengewebt wurde. Für die Naturwissenschaften gilt das Prinzip „etsi Deus non daretur“ die Naturvorgänge werden so beobachtet, „als gäbe es Gott nicht“. Daraus ziehen viele Zeitgenossen die Folgerung, dass Gott, der mit dem naturwissenschaftlichem Beobachtungsinstrumentar ja prinzipiell nicht fassbar ist, deshalb nicht existieren kann, eben weil er sich dem Zugriff durch diese Instrumente entzieht.

Die Mehrung des Wohlstandes knüpft an ein Ergebnis der Reformation an. Diese musste, weil sie das Ordensleben als Vollkommenheitsideal abgeschafft hatte, für die Christen ein neues Ziel definieren. Dieses wurde im Handel gefunden, das gilt vor allem für England und Holland und im Gefolge für die USA. Die Industrialisierung begann in evangelisch geprägten Ländern, nicht in katholischen Regionen.

Das heute offensiv formulierte Desinteresse an der religiösen Frage brauchte mehrere Schritte, um vom Zeitalter der Reformation, das ja eine religiös intensive Epoche war, zur heutigen technisch basierten Wohlstandmehrung zu kommen. Es war das Stadium des Deismus. Diese Denkrichtung, die vor allem das 18. Jahrhundert prägt, sieht Gott noch als den Schöpfer der Welt, die er so ausgestattet hat, dass sowohl die Naturgesetze wie die Strebungen des Menschen jeweils ein größeres Gut für alle zustande bringen. Der vom Christentum genährte Verdacht, dass die Natur des Menschen beschädigt ist, zurückgeführt auf die Erbsünde, wird durch den Glauben an das Gute im Menschen ausgewechselt. Das führt zu zwei Konsequenzen:

  1. Menschliches Versagen, Sünde und daraus resultierende Schuld werden zunehmend als eine Unterstellung der Religion gesehen, die die Würde des Menschen untergräbt.
  2. Wenn die Natur des Menschen sich in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts, in Konzentrationslagern und Gulag doch nicht also so verlässlich gut gezeigt hat, ist das ein durchschlagender Beweis für die Nicht-Existenz Gottes. Denn gäbe es Gott, hätte er den Holocaust verhindern müssen.

Alles wird durch natürliche Gesetze bestimmt, auch die Wirtschaft

Der Mensch im 21. Jahrhundert findet sich von einer Vielzahl von empirischen Erklärungen, ob zur Entstehung von Arterienverkalkung, Infektionen, Ernährungsgrundsätzen, der richtigen Geldanlage, der Planung der eigenen Karriere eingekreist. Es gibt täglich neue Erkenntnisse der Wissenschaft, die das individuelle Verhalten und das staatliche Handeln steuern sollen. Funktioniert die Psyche nicht mehr, um all diesen Anforderungen gerecht zu werden, stehen Therapeuten bereit. Auch die sozialen Bezüge und das Gesamt der Gesellschaft werden nach dem gleichen Denkmustern beschrieben. Das führt dazu, dass heute nicht mehr normative Maßstäbe dem wirtschaftlichen Handeln zugrunde gelegt werden, sondern die Wirtschaft wird durch die von der Nationalökonomie, heute Volkswirtschaftslehre, herausgefunden Gesetzmäßigkeiten gesteuert. Gingen die Bibel und die meisten Generationen der Christen davon aus, dass wirtschaftliches Handeln durch ethische Vorgaben, die sich vor allem im Alten Testament finden, gesteuert werden muss, denkt die Volkwirtschaflehre über Geldmenge, Zinshöhe, die wirtschaftlichen Auswirkungen von Steuersätzen und staatlichen Investitionen nach. Der Leitzins, die Tariferhöhung, die Geldmenge sind die Steuerungsgrößen, um das wirtschaftliche Leben zu beeinflussen. Auch eine stetige Folge von Finanz- und daraus folgenden Wirtschaftskrisen hat nicht zu der Erkenntnis geführt, dass ethische Normen die Basis einer Wirtschaftsordnung sein müssen. Würde der (Neo-) Liberalismus die Option aufgeben, dass der Markt nach ihm immanenten Gesetzen funktionierte, müsste er die Volkswirtschaftslehre auf Werten aufbauen. Dann käme eine religiöse Weltsicht ganz anders ins Spiel. Wenn die Gesetze der Ökonomie wie Naturgesetze funktionieren, dann bleibt die Gottesfrage auch aus  dem Bereich der Wirtschaft einfach ausgeklammert.

Die Konsequenz für die Gläubigen

War es bis in die sechziger Jahre selbstverständlich, dass von Gott ausgegangen wurde, ob durch religiöse Sendungen, den Schutz des Sonntagsvormittags, um den Kirchgang zu ermöglichen, das Läuten des Engel des Herrn bis hin zu Eidesformeln, finden sich die Christen in einem Umfeld vor, das ihnen die Beweislast für die Existenz Gottes zuschiebt. Diese Herausforderung ist bei den Kirchenfunktionären wie den „Schriftgelehrten“ noch nicht angekommen. Obwohl die Zahl der Kirchgänger stark geschrumpft und die Kirchenaustritte dazu führen, dass die Kirchen bald, wie schon in Holland, zu einer Minderheit werden, gehen die Prediger, die Kirchgänger und auch die Theologieprofessoren davon aus, dass über die Gottesfrage kein Diskussionsbedarf besteht. Kaum jemand in den Gemeinden und den bischöflichen Verwaltungen nimmt die Beobachtung der Religionslehrer ernst, dass die gesellschaftliche Basis für einen Bekenntnis-orientierten Religionsunterricht nicht mehr gegeben ist.

Was den Atheisten seit dem 18. Jahrhundert gelungen ist, den Machtfaktor „Kirche“ zu demontieren und die Freiheit so auszulegen, dass sie ohne die Gottesvorstellung größer ist, das hat die Christen noch nicht aufgeschreckt. Das kann man beklagen, man kann aber auch die enormen Chancen sehen: nicht mehr über Kirchenreform und Anpassung der Strukturen zu reden, sondern um das, warum es das Christentum eigentlich gibt, das Angebot einer neuen Beziehung zu Gott.

explizit-hinsehen setzt diese Frage auf die Tagesordnung.

Eckhard Bieger S.J.

Foto: dpa / picture-alliance

 

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