Eine Ausstellung, um die Totalüberwachung zu erleben

Foto: dpa / picture-allianceSmart New World – in der Kunsthalle Düsseldorf vom 5. April bis zum 10. August 2014

Es geht nicht nur darum, etwas anzuschauen, sondern schon mit der Eintrittskarte in die Welt der Überwachung einzutauchen – in der wir ja schon angekommen sind.  Die Beschäftigung mit dem Thema dieser Ausstellung ist nicht nur lohnenswert, sondern notwendig und im Übrigen ein Grundkurs für jeden Theologen und Philosophen. Der Titel der Ausstellung ist eine gewollte Anspielung auf das Buch „Brave New World“ von Aldous Huxley. Es geht um eine Zukunft, von der wir seit Edward Snowden wissen, dass sie schon Gegenwart ist. Der moderne Kapitalismus ist nicht mehr gekennzeichnet durch Maschinen, Fabriken, Arbeiter und Besitzer der Produktionsmittel mit dicken Zigarren. Der Kapitalismus hat sich im 21. Jahrhundert hin zum digitalen Kapitalismus entwickelt. Und die Devise „Wissen ist Macht“ zählt ebenso nicht mehr, denn die Verwertung von Informationen ist zum Grundzug dieses digitalen Kapitalismus geworden. Und „Nicht die Information bringt die Überwachung hervor, sondern die Überwachung die Information.“

Erst Vertrag, dann Zutritt

Und weil die Ausstellung von Post-Privacy-Denkern verantwortet wird, kauft man nicht einfach eine Eintrittskarte und schaut sich die schöne Kunst an. Zuvor erhält jeder Besucher / jede Besucherin einen Vertrag, den er / sie sich aufmerksam durchlesen, unterschreiben und abgeben soll. Sodann verpflichtet sich der Unterzeichner / die Unterzeichnerin, nicht mit dem eigenen Namen zu unterschreiben. „Der Name ist vielmehr das Zeichen, durch dessen Abgabe der Träger, der ihn nicht länger besitzt, Zugang zu einem Spiel der Macht, der Überwachung und der vollkommen mühelosen Kontrolle erlangt, das ihn von sich selbst und von jedem Trugbild der Authentizität trennt.“ Der Zettel mit dem „falschen“ Namen und „falscher“ Unterschrift wird in eine große Blackbox, die an die Kaaba in Mekka erinnert, gegeben. Die „Identitäten“ der Menschen, die diese Ausstellung besuchen, sind im Heiligtum zu einer „göttlichen“ Einheit verschmolzen. Lässt man dieses Bild auf sich wirken, ein Bild, das man gar nicht sehen kann, dann ahnt man etwas von der religiösen Dimension, die das digitale Zeitalter transportiert. Wie Gott kennt die Blackbox jeden Menschen mehr als ihm lieb ist.

Gott sieht alles

Der Besucher / die Besucherin kommt in einen Raum, sieht einen Film, ein verlassenes und marodes Haus, ein surrendes Geräusch, auf den Fliesen ist ein Schatten zu sehen: eine Drohne. Mit den Augen dieser Drohne durchkämmt der Zuschauer / die Zuschauerin das Gebäude. Es ist undurchsichtig, was dieser Film zeigen soll. Nach einigen Minuten sieht man einen Soldaten in der Ecke eines Raumes stehen, den Rücken zum Betrachter gewendet. Wie es früher in der Schule üblich war: In die Ecke und schäme dich! Diese Kombination aus Scham, Morbidität, Soldat und einem allgegenwärtigen Auge erstickt einen möglichen Aufschrei und fesselt die Psyche mit den Ketten einer unabwendbaren Machtlosigkeit. So mag sich jemand gefühlt haben, der mit dem Bild eines strengen und alles beobachtenden Gottes erzogen wurde. Der Künstler Santiago Sierra benutzt keinerlei religiöse Symbolik, seine Installation wirkt  wie von einer säkularisierten Sprache durchzogen und vielleicht deshalb umso unheimlicher.

Die Algorithmen einer digitalen Sekte

Die Menschen im Zeitalter von wikipedia und google sind es gewöhnt, mal schnell auf ihrem Smartphone im Internet zu surfen und sich zu vergewissern, wie das Wetter ist oder nachzuschauen, wie die Öffnungszeiten dieser Ausstellung sind. Es herrscht das Gefühl, wenn man selber im Internet recherchiert, dann ist es wahr. Der Glaube an die Richtigkeit dieser Informationen ähnelt dem dogmenhaften Verständnis fundamentalistischer religiöser Gruppen. Die Künstlerin Taryn Simon hat zusammen mit dem Programmierer Aaron Swartz einen „Image Atlas“ entwickelt. Der Besucher / die Besucherin gibt einen Begriff über eine Tastatur ein und an die Wand werden die bei diesem Begriff erhaltenen Bilder als Ergebnisse von Suchmaschinen projiziert. Das Besondere ist die Auflistung der Ergebnisse nach 57 Ländern. Gibt man in der Onlineversion (imageatlas.org) „hinsehen“ ein, so erscheint für einige Länder ein Mann, der durch eine Lupe schaut, in China eine Kamera, in Syrien ein zerstörtes Haus, in Indien ein Springbrunnen und in Russland eine Pflanze. Die Ergebnisse der Suchmaschinen erscheinen uns maßgeblich, sind jedoch lediglich Ausdruck des momentanen Massengeschmacks und von politischen und gesellschaftlichen Trends abhängig. „Wir vertrauen darauf, dass sie uns die besten Informationen liefern. Der Image Atlas zeigt auf, wie subjektiv und kontingent der Suchvorgang in Wirklichkeit ist.“ Umgekehrt wirken die Ergebnisse zurück auf das Verständnis der Wirklichkeit. Wer seiner Suchmaschine glaubt, wird selig. Und wer meint, ein Wort sei einfach ein Wort, der wird eines Besseren belehrt. Im digitalen Zeitalter wird mit einem Wort lediglich eine bestimmte Informationssituation abgerufen. Das Wort als Hinweis auf Etwas verstehen die Maschinen nicht.

Die Tempel sind leer

Wie das gerade beschriebene Beispiel zeigt, kann der Gang in den Musentempel auch von der Couch im Wohnzimmer aus geschehen. Fast jeden Ort dieser Welt kann ich digital ansteuern, über Webkameras dem Papst bei seiner Audienz zuschauen, wenn ich gut vernetzt bin auch den Nachbarn im Schlafzimmer. Ich kann mir eine Fahrt nach Düsseldorf ersparen, jedoch die Ausstellung Smart New World sollte man jedoch nicht versäumen: www.kunsthalle-duesseldorf.de

Thomas Holtbernd

Foto: dpa / picture-alliance

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