Zeitung – ein kommunikatives Auslaufmodell

Foto: dpa / picture-allianceDas kostenfreie Internet schafft den bisherigen Journalismus ab

Mit dem Start von explizit-hinsehen ist eine Bestandaufnahme angebracht. Mit dem neuen Format will explizit.net einen Schritt in die ungewisse Zukunft des Journalismus tun. Die Entwicklungen für den Journalismus zwingen zum Nachdenken. Denn Zeitungen werden immer mehr über den Bildschirm gelesen. Ferngesehen wird nicht mehr dann, wenn die Dokumentation, das Fernsehspiel, die Nachrichtensendung im Programmschema platziert ist, sondern wenn der Nutzer gerade Zeit hat, holt er sich das Programm auf den Bildschirm seines Laptops oder iPads. Was das Internet versprochen hat, ist eingetreten: Die ganze Welt auf dem Bildschirm. Das sind immer noch die bisherigen Medien. Aber was sind die Konsequenzen: Die Zeitung in der bisherigen Form wird nicht überleben, die Zahl der Journalisten wird drastisch zurückgehen.

Mehr als ein technischer Wandel

Auf den ersten Blick scheint es so, als bliebe alles wie bisher. Das wird auch daran deutlich, dass es keine neuen Informationsmarken sind, die im Internet entstanden sind. Es sind die alten Titel, die nur ein .de angehängt haben: spiegel.de, faz.net, tagesschau.de. Fernsehen wird auch weiterhin vom ZDF, dem Bayerischen Rundfunk, RTL oder den anderen Sendern gemacht. Es sind die gleichen Inhalte-Hersteller, nur werden sie nicht mehr gedruckt oder am traditionellen Fernseher, sondern über den Bildschirm eines Computers oder Tablets rezipiert. Geändert hat sich allerdings die Finanzierung:

Das Internet scheint kostenfrei

Wenn man das Jahr 1998 als Beginn des Internets nimmt, das nicht mehr auf die Nutzung zuerst durch das Militär und dann durch die Universitäten beschränkt bleibt, sondern alle erreichen will, dann haben die Betreiber dieser neuen Technik die Nutzer jetzt 16 Jahre daran gewöhnt, dass Inhalte im Internet nichts kosten. Am Beginn war das auch kein Problem, denn da konnte eine Zeitung ihre Artikel ins Internet stellen und so Imagegewinne bei den jungen Nutzern erzielen. Aber je älter die Nutzer wurden, wer damals 18 war ist heute 34, desto mehr schrumpften die Auflagen der Printausgaben. Es gibt kaum neue Abonnenten aus den jüngeren Altersgruppen. Je mehr der tragbare Computer und dann das iPad und inzwischen die Tablets anderer Firmen zur Normalausstattung wurden, desto mehr entwickelte sich der Bildschirm zur persönlichen Informationszentrale, gleich gut zum Empfangen wie zum Senden. Das alles ging Schritt für Schritt und wird von den meisten als normale Entwicklung gesehen.

Google, Immowelt und Jobpilot bezahlen keine Journalisten

Noch ehe die Zeitungslektüre ins Netz verlegt wurde, wanderte die wichtigste Einnahmequelle der Zeitungen ins Internet, nämlich der Stellenmarkt, die Anzeigen für Mietwohnungen, Ferienhäuser und Gebrauchtwagen. Diese Kleinanzeigen werden nicht von Firmen, die Uhren, Autos oder Waschmittel verkaufen, sondern von den Lesern selber bezahlt. Die Zeitung ordnet sie bestimmten Rubriken zu, z.B. ob eine Zwei- oder Dreizimmerwohnung zu mieten ist. Für diese Form von Werbung ist das Internet sehr viel bequemer. Wer umzieht, muss nicht mehr wie früher samstags früh zum Bahnhof fahren, um sich die Samstagsausgabe z.B. der Stuttgarter oder Hannoveraner Zeitung zu besorgen und dort die Mietangebote durchzusehen. Er muss nur ins Internet gehen und findet über Suchfunktionen sehr viel einfacher, was er braucht. Auch die Preisvergleiche sind sehr viel leichter anzustellen. Ein weiterer Vorteil dieser Anzeigen-Plattformen: sie können bundesweit betrieben werden und sind damit wirtschaftlich noch erfolgreicher. Allerdings kommt dieses Geld, das die Internetplattformen einsammeln, der Produktion von Inhalten nicht mehr zugute. Hat der Zeitungsverleger die Erlöse aus den Rubrikanzeigen zu einem guten Teil in die Redaktion investiert, zahlen Google u.a. nichts. Denn die Großen des Internets brauchen interessante Lesestoffe nicht mehr selbst herzustellen, sie verlinken einfach auf die Inhalte, die die Zeitungen ins Netz stellen, ohne einen Cent für Redakteure und  Autoren auszugeben. Auch Immowelt, Jobpilot und die anderen geben kein Geld für Inhalte. Ihr Geschäft läuft auch so.

Journalisten sterben aus oder arbeiten für den halben Mindestlohn

Was im Moment noch nicht deutlich wird, ist die Überalterung der Zeitungsredakteure. Weil die Erlöse für Kleinanzeigen zu den Werbeplattformen fließen, die aber keine Journalisten finanzieren, gibt es für Nachwuchskräfte fast keine bezahlten Stellen mehr. Die sog. Mantelredaktionen werden zusammengelegt, das sind die Seiten für überregionale Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur. So bedient die Hannoverische Allgemeine von einem elektronischen Redaktionstisch 14 Regionalzeitungen mit dem sog. Mantel. Aber auch die Lokalredaktionen sind ausgedünnt. Oft sind nur zwei Redakteure fest angestellt. Diese sitzen am PC. Ihre Beiträge bekommen sie von sog. „Freien“, d.h. die nach Zeilenhonorar bezahlten Mitarbeitern, die noch 50 Cent pro Zeile, in manchen ländlichen Regionen manchmal gerade 10 Cent pro Zeile bekommen, das sind bei 50 Zeilen € 5.- Dafür müssen sie aber zu der Veranstaltung hingehen oder zumindest sich per Telefon informieren und dann noch 50 Zeilen schreiben. Das ist eine ähnliche Einkommenssituation wie bei Taxifahrern. Ohne dass es die Leser und die Lokalpolitiker bisher gemerkt haben: in wenigen Jahren gibt es schon deshalb keine Zeitungen mehr, weil der Nachwuchs ausgeblieben ist. Es wird zwar von Qualitätsjournalismus gesprochen, aber nicht davon, wer ihn bezahlen soll.

Alleine überleben die Zeitungen nicht

Die oben beschriebene Entwicklung ist eher unbemerkt so gekommen, aber sie ist nicht von der Natur und auch nicht von der Technik „gemacht“. Wenn man 16 Jahre die Menschen daran gewöhnt, dass das Internet nichts kostet, warum sollen sie jetzt für etwas  bezahlen, was es bisher umsonst gab. Wir zahlen ja auch nicht für die Luft zum Atmen. Aber wenn man den Journalismus, der von qualifizierten Redakteuren gemacht wird, nicht mehr bezahlen kann bzw. will, dann gibt es eben keinen Journalismus mehr. Hätten die Zeitungen selbst, spätestens im Jahr 2.000, ihre Rubrikanzeigen auf eine gemeinsame Plattform gestellt, so dass auf einer Internetseite die Mietwohnungen von Stuttgart und Hannover zu finden wären, dann wäre das Geld für journalistische Inhalte da. Heute wäre es immer noch möglich, dass die Zeitungsverleger eine gemeinsame Plattform betreiben, auf der möglichst alle Zeitungen ihre Inhalte online stellen. Wenn man für den Zugang zu dieser Plattform im Jahr € 100 oder 150  zahlt, dann könnte, wie in einem Verkehrsverbund, jeder Klick gezählt und das Geld entsprechend verteilt werden. Der Betrag würde reichen. Einmal muss die Zeitung nicht mehr gedruckt und in den Briefkasten der Abonnenten gesteckt werden. Zum anderen werden die Leser, denen der ganze Blätterwald zur Verfügung steht, trotzdem nicht sehr viel mehr Zeit für die Lektüre aufwenden als bisher. Sie werden nur mehrere Informationsanbieter nutzen. Warum die Verleger das nicht hinbekommen, ist ihr Geheimnis. In der Slowakei ist das erfolgreich gelungen.

Sind Apps ein Ausweg?

Es ist Apple zu danken, dass es mit dem iPod gelungen ist, Nutzern wieder die Bezahlung von Inhalten, hier von Musik-Titeln, schmackhaft zu machen. Die App-Technik macht es möglich, eine Zeitung gegen einen bestimmten Betrag zu abonnieren. Aber das ist etwas anderes als das Musikangebot im Apple-Store. Denn mit dem App für „Die Zeit“ oder die FAZ erhält der Nutzer nur Zugang zu einem der Informationsanbieter. Er ist aber längst durch die kostenfrei ins Netz gestellten Zeitungsartikel gewohnt, sich aus mehreren Quellen zu informieren. Es führt, aus heutiger Sicht, kein Weg an einer gemeinsamen Plattform vorbei. Oder es bleiben nur drei oder vier Anbieter bestehen, die so groß werden, um ein Entgelt für Ihre Beiträge durchsetzen zu können. Solange spiegel-online aber kostenfrei bleibt, werden die Regionalzeitungen und auch manche überregionalen Blätter, die Frankfurter Rundschau ist der erste Kandidat, ihr Angebot so reduzieren, dass sie am Ende niemand mehr braucht.

Wenige Nachrichtenseiten und viele Spezialanbieter

Schon jetzt kann der Surfer auswählen, von welchem Titel er sich über Wirtschaft, von welchem anderen evtl. über Sportereignisse, von wieder einem anderen über das kulturelle Leben informieren lassen will. Das wird zum Ende der bisherigen Zeitung führen, die von Politik über Wirtschaft, Kultur bis zum Lokalen einen Gesamtüberblick liefert. Dann wird es neben spiegel-online noch wenige andere Anbieter geben, die einen Gesamtüberblick geben. Die anderen werden sich noch mehr spezialisieren, so dass ein Titel die Neuinszenierungen der Theater bespricht, ein anderer sich auf die Wirtschaftspolitik spezialisiert, ein weiter über die Finanzwirtschaft berichtet. explizit.net fokussiert im Blick auf die zukünftige Informationslandschaft sein Spektrum auf den Themenbereich „Religion und Gesellschaft“.

Das Lokale wird natürlich erhalten bleiben, ob die Regionalzeitungen allerdings über Politik, die Filmfestspiele von Cannes oder Berlin berichten und Euro-Fragen behandeln, ist eher unwahrscheinlich. Sie werden die Leser des bisherigen Mantels an spezialisierte Anbieter verlieren und sich auf das Lokale beschränken.

Es bleiben allerdings zwei Fragen offen, nämlich die nach den Kommunikationsmustern und dem journalistischen Nachwuchs

  1. Hat das Internet nicht nur die technische Vermittlung von Informationen verändert, sondern auch die Kommunikationsmuster? Informieren sich die Onliner noch nach den gleichen Mustern wie die bisherigen Zeitungsleser, die morgens zu ihrem Blatt greifen, um sich einen Überblick über das Weltgeschehen zu verschaffen? Dazu folgt ein Beitrag.
  2. Was wird aus dem Journalismus als Beruf – oder was soll der Nachwuchs machen, wenn er mehr als den Mindestlohn verdienen will?

Eckhard Bieger S.J.

Foto: dpa / picture-alliance

Ein Gedanke zu “Zeitung – ein kommunikatives Auslaufmodell

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