Da, wo ich nicht hinkomme

Foto: dpa / picture-allianceSich in sein Schneckenhaus zurückziehen, das wünscht man sich manchmal, wenn die Welt mit all ihren Anfeindungen auf einen einstürmt. Es scheint ein guter Ort zu sein, das Haus, das die Schnecke mit sich herumträgt und in das sie sich jeder Zeit zurückziehen kann. Es gibt Schutz und lässt die Welt draußen. Man stellt sich dieses Haus als absolut intim vor. Es ist immer dabei und die Beschwerlichkeit, sein eigenes Haus auf dem Rücken zu haben, scheint der Schnecke nicht viel auszumachen. Wie oft wünscht man sich eine solche Zuflucht, wenn z. B. Fußballfans nach einem Spiel grölend durch die Straßen ziehen oder hupend ihren Corso fahren. In einem solchen Schneckenhaus, so die Fantasie, gibt es bestimmt auch kein Internet und NSA, die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen. So ein Ort wäre ideal, um sich zu besinnen, vielleicht mystische Erfahrungen zu machen. Selbst die Säulenheiligen hatten eine solche Ruhe nicht, sie mussten auf Bäume oder Säulen flüchten, um den Schaulustigen und Anhängern zu entkommen.

Isolation oder nur Abstand
Und doch, die Redewendung vom Rückzug in sein Schneckenhaus hat eher eine negative Konnotation. Wer beleidigt ist, der zieht sich ganz zurück, isoliert sich von seinen Mitmenschen, bricht den Kontakt ab. Der Wunsch nach einer vollkommenen Abgeschiedenheit als Ort religiöser Besinnung, erweist sich als Unfähigkeit, Demut statt Angst zu entwickeln. Und ganz praktisch, wie lässt sich das Bedürfnis nach körperlicher Nähe erfüllen, wenn das Haus immer im Weg ist? Das fragt man sich manchmal bei Menschen, die ihr Smartphone ständig in der Hand halten. Wie können diese Menschen einen anderen streicheln, wenn die eine Hand belegt ist? Der Wunsch nach einem Schneckenhaus als religiöser Ort bekommt einen bitteren Beigeschmack. Mystische Erfahrungen sind, wie uns die Neurowissenschaftler sagen, Entgrenzungserfahrungen, man fühlt sich mit der Umwelt eins. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich viele Menschen in der Natur bei einem weiten Blick über eine Landschaft oder auf das Meer irgendwie spirituell berührt fühlen. Wohl keine Schnecke wird am Strand sitzend in ihrem Haus glücklich das Lied anstimmen: Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt. Und doch kann sich kaum jemand dieser Stimmung entziehen, wenn man am Strand von Paestum sitzt, auf die Insel schaut und dann geht die Sonne genau über Capri unter. Trotz Abstand zu den anderen Menschen am Strand ist es ein Gefühl von Gemeinschaft.

Unter einem Dach
Schnecken mit ihrem oft schönen Haus sind schön anzusehen, doch der Wunsch, in einer vollkommenen Abgrenzung zur Außenwelt religiöse Erfahrungen machen zu wollen, erweist sich als unfrommes Ansinnen. Ob Schnecken in anderer Weise Erfahrungen machen oder die Frage nach einem religiösen Ort gar nicht verstehen, das ist ein anderes Thema. Und dass der Anblick einer solch behausten Schnecke in dem Betrachter etwas auslösen kann, das ist auch eine andere Sache. Geht man in ein Haus, das als Gotteshaus gilt und wo Touristen noch ein wenig Ehrfurcht empfinden, da fühlt man sich geschützt, der Abstand, den man zu anderen einhält, wird respektiert. Dort fühlt man sich nicht in ein Haus eingeschlossen, sondern bedacht und eingebunden in eine Gemeinschaft. Je mehr Internet, Telefon, Medien auf den Menschen einströmen, desto mehr ist in einer Kirche Ruhe. Die Stille wird spürbar, wenn von draußen Geräusche kommen. Es ist keine Isolation, sondern ein Entgegensetzen. Die Sehnsucht nach dem, was die Schnecke vermeintlich hat, erweist sich als Irrweg. Doch, wer solche Gedanken im Keim erstickt, der wird auch nie erfahren, wo und wie er seinen religiösen Ort finden kann.

Thomas Holtbernd

Foto: dpa / picture-alliance

 

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