Wenn Schulden dann Schuld – über theologische Wurzeln der Ökonomie

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Peter Sloterdijk und Thomas Macho bohren tiefer

Die Frage nach Gott, dem Geist und der Bedeutung des Geldes lässt sich nicht aus dem aktuellen Zeitgeist heraus beantworten, „denn das Wesen des Geistes besteht ja darin, dass er das Weithergeholte ist.“ Antworten bedürfen des Blicks in die Geschichte und des Erfassens bestimmter Strömungen oder, wie Sloterdijk es formuliert, der Übungen, die in einer bestimmten Zeitepoche begonnen wurden und spiralförmige Entwicklungen provozierten. Die Moderne beginnt, so Sloterdijk, vor 700 Jahren quasi mit einem Buch, der „Imitatio Christi“ von Thomas von Kempen. Durch Seelenübungen kann der Mensch alles, weil er übt. Künstler üben, was sie tun und schaffen immer großartigere Werke. Die Universitäten breiten sich aus und Lehrer helfen beim Üben. Gleichzeitig etablieren sich die großen italienischen Geldhäuser, Maschinen werden konstruiert, der moderne Staat entsteht. Die positive Rückkoppelung durch das Trainieren bestimmt bis heute die modernen Gesellschaften. Thomas Macho ergänzt, dass die Pest und ihre Folgen neue Entgrenzungen zur Folge hatten, die nicht selbstgewählt waren, sondern die Menschen ereilten.

In der Neuzeit nimmt der Mensch die Geschichte Gott aus der Hand

Das Mittelalter kennzeichnet die Vorstellung, dass Gott die Geschichte lenkt. Je mehr jedoch geübt wird, desto mehr kann das Glück und die Einmaligkeit in das Bewusstsein der Menschen gelangen. Machiavelli bringt den Menschen bei, sich nicht in das Schicksal zu ergeben, sondern den Ball, den der Zufall wirft, aufzufangen. Der Mensch ist nicht mehr der Ergebene, der sich auf die Ewigkeit vorbereitet, sondern jemand, der die Gelegenheit wahrnimmt. Damit beginnt ein anderer Umgang mit Reichtum und Geld. Gleichzeitig, so Thomas Macho, verbinden sich mehr und mehr Schulden und Schuld. Damit jemand Schulden machen kann, muss er selbst in das Vertrauen investieren, nämlich dass er den Kredit zurückbezahlt. Auch der Sparer wird nur mit einem „sicheren“ Wissen um die Beziehung zum Geldgeber diesem sein Geld anvertrauen. Ohne ein solches Vertrauen funktioniert das Geldgeschäft nicht und wird damit gleichsam moralisch aufgeladen. Im 21. Jahrhundert ist jedoch diese Basis kaum noch vorhanden. Jetzt kann der die besten Geschäfte machen, der in das Risiko und nicht in das Vertrauen investiert. An dieser Stelle lässt sich mit Karl Marx fragen, ob das Geld der wahre Geist aller Dinge sei.

Schulden werden vererbt

Gefragt werden muss, welche theologischen Wurzeln die Ökonomie hat? Die politische Theologie war insofern eine Verkürzung dieser Frage. Offensichtlich ist, dass die Ökonomen von solchen Fragen auch nach der Finanzkrise völlig unbeeindruckt waren. Geisteswissenschaftler führten die Auseinandersetzungen, konnten allerdings kaum Einfluss nehmen, weil sie mehr und mehr zu Archivwissenschaftler wurden, bei denen Wissen und Meinungen lediglich durchlaufen oder wie Sloterdijk formuliert: „[…] das Verhältnis zwischen dem lebenden und dem toten Geist verschiebt sich gerade in einer sehr unheimlichen Weise.“ Thomas Macho führt hierzu aus, dass diese Indifferenz von Toten und Lebenden im Phänomen des Erbens eine besondere Brisanz bekommt. Die aufgehäuften Schulden können von der nachfolgenden Generation nicht beglichen werden. Es lastet eine Schuld auf der jetzigen Generation, die eigentlich nur durch eine Erlösung getilgt werden kann. Wie Max Weber analysierte, ist es vor allem diese Idee, wodurch die Wirtschaft religiöse Dimensionen erhielt. Gesellschaftlich bestimmend ist der Erlösungsgedanke jedoch nur, wenn es eine starke Bindung an die Vergangenheit gibt. Oder umgekehrt, wo an das Glück geglaubt wird und die Erfahrung gemacht wird, dass die Zukunft gestaltet werden kann, verliert sich die Bedeutung des Erlösungsgedankens. Gleichzeitig werden Gleichgewichtsmodelle obsolet. Es ließe sich ergänzen, Gerechtigkeit wird nicht mehr auf der Basis eines Ausgleichs abgehandelt.

Wenn der Mensch ohne Religion verlässlich sein soll

Sloterdijk und Macho fragen auf diesem Hintergrund, was die Formel von der Wiederkehr der Religionen bedeuten kann. Sie geben keine eindeutigen Antworten, sondern versuchen, sich dem Phänomen zu nähern. Dabei nehmen sie die Vorstellungen von Walter Benjamin auf, der Ritus wird betont und Sloterdijk sieht vor allem im Eid einen gewichtigen Hinweis auf religiöse Ebenen moderner Gesellschaften. Die Menschen sind, wenn der Eckpfeiler Gott getötet worden ist, „ganz in die Welt eingeebnet“, sie bedürfen dann eines reichen Weltbegriffs, wie auch eine gegenseitige Verpflichtung, die im Eid begründet ist. Und die eigentlich christliche Tradition des Übermenschen bekommt eine fundamentale Bedeutung. Im christlichen Verständnis ist der Mensch nämlich „immer beides, er ist er selbst und das Potenzial des Heiligen, das in ihm zur Vollendung heranreifen soll.“ Nach der Lektüre dieses Gesprächs drängt es den Leser, weiter zu denken, die Diskussionen um Religion neu anzusetzen und vor allem die Bedeutung des „Weiterhergeholten“ zu verstehen und als notwendig für das Denken zu erachten.

Peter Sloterdijk, Thomas Macho. Gespräche über Gott, Geist und Geld, Freiburg 2014, Herder-Verlag, 12 €

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