Brauchen wir noch Themen?

Warum explizit intensiver hinsehen will

Dem kürzlich verstorbenen Frank Schirrmacher sagt man nach, dass er Themen gesetzt hat und die besondere intuitive Gabe hatte, dem Zeitgeist brennende Themen abzuringen. Menschen, die 50 und älter sind, kennen es noch, dass ein großer Teil der Gesellschaft von einem Thema erregt und damit beschäftigt war. § 218, Nachrüstung, Ostermärsche, Atomenergie, die Thesen der FDP zum Verhältnis von Kirche und Staat, RAF und Gewalt, Emanzipation der Frau und Feminismus. Innerhalb der Kirchen gab es Katholiken- und Kirchentage, die Themen in den gesellschaftlichen Diskurs brachten. Man stritt sich, entzweite sich oder kam wieder zusammen, in jedem Fall war klar, es gibt Menschen, denen ist ein Thema wichtig und dafür treten sie ein. Wer Diskussionssendungen aus früheren Jahren noch vor Augen hat, der spürt dieses Engagement. Peter Sloterdijk verließ eine Sendung, weil ihm Basilius Streithofen zu primitiv war, es gab Diskussionsteilnehmer, die holten ein Beil raus und schlugen einen Tisch kurz und klein oder Fritz Teufel schoss mit Tinte und bekam dafür ein Glas Rotwein zurück.

Verstummte Institutionen

Institutionen, von denen man eigentlich erwartet, dass sie wichtige Themen haben und diese diskutieren wollen, enttäuschen mit einer nach allen Seiten offenen und daher unverbindlichen Diskussion. Bei den Kirchen gewinnt man mehr und mehr den Eindruck, dass sie auf Grund schwindender Mitgliederzahlen ihre Positionen „weich“ waschen, bis man gar nicht mehr weiß, ob man zustimmen kann oder nicht. Die politischen Parteien werben bei den Wahlen mit Parolen, die nicht mehr klar zugeordnet werden können. Bei der Kanzlerin kann wohl kaum ein Bürger sagen, welche politischen Positionen sie konkret vertritt. Ähnlich ist es bei den Oppositionspolitikern, auch bei ihnen ist es schwer zu erkennen, wodurch sie sich von den anderen unterscheiden. Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Wahlentscheidung oder die politische Richtung von der Sympathie gegenüber der Person oder das, was man dafür hält, geleitet wird.

Nicht Themen, sondern Ich als Star

Es scheint also so zu sein, dass nicht mehr Themen, sondern Gefühle ausschlaggebend sind. Man möchte sich „groß“ fühlen oder wie ein Star. Andy Warhol hatte die Vision, dass jeder einmal im Leben ein Star sein kann. Durch die Medien, das Internet und die Bereitschaft, einen Einzelnen „zu liken“, bei DSDS oder sonst wo zu unterstützen, ist es durchaus möglich, zumindest für einen kurzen Augenblick zum Superstar zu werden. Denn wer anderen geholfen hat, einmal im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, der kann auch erwarten, dass andere ihn ebenso positiv bewerten. Dabei ist es unerheblich, ob eine besondere Leistung, ein bestimmtes Thema oder etwas Innovatives gezeigt wird.

Folge der Anweisung!

Fällt einigen diese Diskrepanz noch auf, so sind die meisten Menschen daran gewöhnt. Denn im Alltag und im Beruf ist es nicht anders, man folgt Anweisungen und hinterfragt nur selten, was man da wirklich tut. Ein Smartphone, ein PC, Fahrkartenschalter usw. funktionieren auf der Oberfläche. Nur wenn man den vorgegebenen Wegen folgt, kommt man an das, was man möchte. Abläufe in Unternehmen, aber auch Schulen und Universitäten sind ebenso organisiert. Diese Abläufe sind immer anwenderfreundlicher, was bedeutet, dass es nur noch klare Anweisungen gibt und das System die Userfehler schon integriert hat. Wir lernen es so und an Technik Gewöhnte kennen es gar nicht anders, dass man einfach machen muss und schon irgendwie ans Ziel kommt.

Ich fühle, also denke ich

Während extreme Richtungen klare Positionen vertreten, sind progressive Weltanschauungen eher durch einen Indifferentismus gekennzeichnet. Weltanschauungen ermöglichen es nicht mehr, Themen aus sich heraus zu generieren. Vielfach wird gar nicht verstanden, worum es geht. Entscheidender scheint es zu sein, dass das Wissen um eine Überkomplexität und Unübersichtlichkeit es schwer macht, ein Thema mit den überzeugenden Argumenten und Begründungen zu vertreten. Die Sicherheit, richtig zu liegen, resultiert nicht mehr aus der Gewissheit, die beste aller Weltanschauungen zu haben. Um eine Meinung vertreten zu wollen und zu können, bedarf es jedoch eines Gefühls vom Richtigen. Dieses Gefühl ist eine Rückversicherung aus konkreten Erfahrungen und der Gewissheit einer quantitativ überprüfbaren Kommunikation, die z. B. bei Facebook über die Anzahl der Freunde ermittelt werden kann. Themen entwickeln sich somit weniger aus einer Ideologie bzw. Weltanschauung, sondern aus dem Gefühl. Weltanschauliche Positionen werden weniger argumentativ überprüft, es wird vielmehr mit dem Gefühl nachempfunden, ob es passt.

Im Erleben verstecken sich die Themen

Themen im Sinne einer gesellschaftlichen Aufgabe gab es immer und gibt es genauso heute. Wahrscheinlich waren sie über die Zeiten hinweg gar nicht so unterschiedlich. Die Wahrnehmung hat sich allerdings verändert. Der Umgang mit Problemen ist heute weniger kopfgesteuert. Es steht nicht die Theorie im Vordergrund, sondern die Praktikabilität, die Möglichkeit, tatsächlich etwas umzusetzen. Wenn Jugendliche ins Ausland reisen, sind siw weniger am Fremden interessiert, möchten sich jedoch in den unterschiedlichen Situationen und Anforderungen erfahren. Das Abenteuer besteht nicht darin, eine terra incognita zu betreten, sondern Gefühle neu, anders oder intensiver zu erfahren. Themen entstehen an solchen Knotenpunkten und werden gar nicht als solche erkannt, da die Darstellung narrativ oder bildhaft ist. Die Sprache orientiert sich nicht an den gewohnten Theorien, sie ist Erzählung und nicht Erklärung.

Vulgata – Katholiken sind eher gefühlsgesteuert

Um Themen erkennen, benennen und weiter ausformen zu können, bedarf es eines vulgären Blicks, d. h. die banalen oder banal erscheinenden Regungen und Äußerungen werden bezogen auf die Sehnsucht des Menschen nach Sinn wahrgenommen. Unter diesem Blickwinkel hat auch das primitivste Thema eine hohe Bedeutung. Und genau dieser Art des Zugangs auf Welt entspricht die katholische Art des In-der Weltseins. In der Gegenreformation wurden die einfachen Wünsche der Menschen nach anschaulichen Glaubenswahrheiten durch die Einführung der Hauskrippen erfüllt. Das Brauchtum, die Traditionen der Volksfrömmigkeit sind Antworten auf die Themen der Zeit. Katholiken sind eher gefühlsgesteuert und haben daher auch einen größeren Sensus für Strömungen innerhalb einer Gesellschaft. Dass diese Fähigkeiten in den Kirchen verschüttet sind, kann unterschiedlich erklärt werden, wichtig ist es jedoch, wieder richtig katholisch und zum Geburtshelfer für Themen zu werden. explizit wird genauer hinsehen.

Thomas Holtbernd

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