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Müssen wir 2026 mit Zufällen rechnen?

Neujahrsansprachen werden mit guten Wünschen verbunden. Das soll beruhigen, denn wir können nicht voraussagen, was alles geschehen wird. Uns wird etwas zustoßen, das wir nicht beeinflussen können. Heißt das aber, dass unser Leben vom Zufall regiert wird?

Wenn etwas Gutes, sehr Gutes uns zustößt, reden wir von Glück. Etwas Schädliches, Schreckliches bezeichnen wir als Unglück. Beides Mal gehen wir davon aus, dass es uns zugestoßen ist, aber steckt da die magische Kraft Zufall dahinter?
Wir können vorausberechnen, wann die Sonneneinstrahlung soweit wieder zugenommen hat, so dass wir von Tag- und Nachtgleich sprechen können. Das können wir für Vieles, was 2026 passieren wird, nicht. Wir müssen eine Ursache finden.

Sollen wir mit ener Schicksalsmacht rechnen?

Wenn etwas passiert, mit dem wir nicht gerechnet haben, dann braucht es eine Ursache. Wir sprechen dann von Schicksal. Diese Hypothese einer verborgenen Macht, die das Leben hier lenken kann, liegt dann nahe. Wenn man die Entscheidungen dieser Macht erforschen kann, ehe sie wirksam werden, könnte man sich wappnen. Horoskope sollen das leisten. In einigen Ländern befragen sogar Regierungen Wahrsager. In früheren Stufen der Religion waren sogar die Götter dem Spruch des Schicksals unterworfen. So haben unsere germanischen Urahnen den obersten Gott Odin und seine Götterfamilie unter dem Diktat von drei Schicksalsgöttinnen, den Nornen, gesehen. Nach dem Versepos Edda muss Odin zu den Nornen gehen, um zu erfahren, ob er den Kampf mit den Riesen überleben wird. Er wird untergehen und neue Götter werden kommen. Bei den Griechen hießen diese Frauen Moiren, bei den Römern Parzen.
Die Vorstellung, dass ein Schicksal die wichtigen Entscheidungen für mein Leben trifft, findet sich in der Rede von der Vorsehung Gottes wieder. Da Gott nicht an die Zeit gebunden ist, weiß er schon, wie es mir ergehen wird. Er kann, so diese Vorstellung, die den Lauf der Dinge so lenken, dass es mir zum Guten gereicht oder er kann mich bestrafen. Einen solchen Gott, der uns nur die Möglichkeit lässt, mit seinen Entscheidungen zurecht zu kommen, wollen wir nciht und es gibt ihn auch nciht. Wer entscheidet dann darüber, was mir zustößt.

Ist der Zufall das neue Schicksal?

Wenn man die magische Vorstellung, man bringt sie aus der Kindheit mit, überwunden hat, bleibt trotzdem das Ungewisse. Wenn es als Zufall gesehen wird, dann kann man nicht wie Odin zu den Nornen gehen und Auskunft erhalten, ob die Götter den Kampf gegen die Riesen gewinnen werden. Der Zufall weiß ja selber nicht, wie er entscheiden wird. Wenn es so wäre, dass ein anonymer Zufall so oder auch anders würfelt, dann wäre Fatalismus die einzig mögliche Konsequenz. Ich kann ja doch nichts machen und ergebe mich dem Lauf der Dinge. Dieses Gefühl kann angesichts der Kriege die Oberhand gewinnen. Es sind Mächte am Werk, auf die ich keinen Einfluss habe. Dann könnten wir auch 2026 nichts Entscheidendes bewirken. Diese Vorstellung setzt ein magisches Verständnis von Zufall voraus. Denn wenn Zufall, dann muss es eine Macht sein, nicht nur unser Leben, sondern auch das der Völker lenkt. Es ist eine Macht, an die wir prinzipiell nicht herankommen, weil sich die Macht entzieht, die sich im Zufall als wirksam erweist. Also hat der Zufall eine Ursache. Das zeigt die Analyse von Ereignissen.

Im Nachhinein war es kein Zufall

Wenn ich zufällig einen Bekannten treffe, der in einer anderen Stadt wohnt, haben wir das nicht voraussehen können. Wenn es voraussehbar gewesen wäre, hätte er uns mitgeteilt, dass er meinen Wohnort besucht. Wir treffen uns, weil er auf dem Weg zu einer Besprechung ist und ich zeitlich so aufgebrochen bin, dass wir uns an derselben Ampel treffen. Dass wir uns getroffen haben, musste keine magische Zufallsmacht herbeiführen.
Noch deutlicher wird das an einem Krieg. Der Ukrainekrieg war für die Ukrainer keine Überraschung. Auch der CIA wusste, dass Russland die Ukraine in seinen Herrschaftsbereich zurückholen würde. Es ist auch kein magisches Etwas, das die Psyche der Russen so lenkt, dass sie ihrem Anführer den Überfall auf die Ukraine weiterhin erlauben. Europa hat sich nur wirtschaftlich um Russland bemüht. Die Siegermächte waren nach dem Zweiten Weltkrieg klüger, sie haben Deutschland nicht abgeschrieben, sondern die demokratischen Kräfte unterstützt. Anders unsere Beziehung zu der russischen Bevölkerung. Die Korrespondenten unserer Medien haben lange vom „Krieg Putins“ gesprochen. Hätte man Russen gefragt, dann hätte man schon ab 2014 von einem Erstarken des russischen Nationalismus gewusst.

Was entscheidet Gott?

Nach jüdischer, christlicher und muslimischer Überzeugung werden wir von ihm mit unseren Taten konfrontiert. Endgericht wird dieses Verfahren in den religiösen Texten genannt. Es besagt, dass es unsere Taten sind. Deshalb ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine keine im Auftrag Gottes durchgeführte „Militärische Spezialoperation“, die vom Moskauer Patriarchen ausdrücklich durch seinen Segen gebilligt wird. Gott greift nicht ein und kann es deshalb nicht, weil er dann wie ein politischer Machthaber Gewalt anwenden müsste. Da er yau ch die Kriegstreiber mit Vernunft ausgestattet hat, sind diese in der Lage, einen unsinnigen Krieg zu beenden.
Das ist allerdings nur eine erste, nicht ausreichende theologische Überlegung, wie das Zusammenspiel von Gottes Vorsehung und dem Bösen im Menschen gesehen werden kann. Dass Gott das Gute unterstützt, ist einfacher vorauszusetzen. Wieso sollte er seine eigene Schöpfung der Willkür von Kriegstreibern überlassen.


Kategorie: Analysiert

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